KZ-Aufseher-Prozess Zeuge wirft Demjanjuk Lüge unter Eid vor

Ihm wird Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen zur Last gelegt: Im Prozess gegen John Demjanjuk stellt ein Zeuge die Glaubwürdigkeit des Angeklagten in Frage - der mutmaßliche KZ-Aufseher soll in früheren Verhandlungen falsche Angaben gemacht haben.
Angeklagter Demjanjuk: Nicht die Wahrheit gesagt?

Angeklagter Demjanjuk: Nicht die Wahrheit gesagt?

Foto: CHRISTOF STACHE/ AFP

München - Im Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk hat ein ehemaliger Anwalt des US-amerikanischen Office of Special Investigations (OSI) erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Angeklagten geäußert. Norman Moscowitz hatte an den Vernehmungen Demjanjuks während eines Ausbürgerungsverfahren aus den USA im März 1981 teilgenommen. Am Mittwoch sagte er vor dem Landgericht München, Demjanjuk habe in dem damaligen Verhör zugegeben, dass er bei vorangegangenen Befragungen unter Eid gelogen habe.

Der Angeklagte habe während seines Einbürgerungsverfahren in die USA Ende der vierziger Jahre falsche Angeben zu seinen Aufenthaltsorten und Tätigkeiten während des Krieges gemacht. "Er hatte damals angegeben, er sei Bauer in Sobibór gewesen, nun gab er zu, dass das nicht stimmte", sagte Moscowitz. Zudem seien Demjanjuks Angaben zu Aufenthaltsorten während des Krieges sehr vage gewesen. "Ich ging deshalb davon aus, dass er wieder nicht die Wahrheit sagte", erläuterte der 63 Jahre alte Jurist dem Vorsitzenden Richter Alt.

Auch das Alibi, das Demjanjuk damals angab, war laut Moscowitz falsch. Die Kriegsgefangenenlager, in denen der Angeklagte vorgeblich gewesen sei, existierten laut Moscowitz zu den relevanten Zeitpunkten bereits nicht mehr.

Heftige Wortgefechte zwischen Richter und Verteidiger

Die Vernehmung des Zeugen verzögerte sich erneut aufgrund einer Reihe von Anträgen durch Demjanjuks Anwalt Ulrich Busch zu Verhandlungsbeginn sowie durch heftige Wortgefechte zwischen dem Vorsitzenden Richter und dem Verteidiger. Der Streit gipfelte in der Ermahnung an Busch, er habe aus Respekt vor der Schwurgerichtskammer eine Krawatte zu tragen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 90-jährigen Demjanjuk Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen vor. Im Sommer 1943 soll er in Sobibór in Polen Tausende Juden aus Deportationszügen, die aus den Niederlanden eintrafen, in die Gaskammern getrieben haben.

Demjanjuk verlor 1986 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Im selben Jahr wurde er an Israel ausgeliefert. Dort wurde er wegen einer Tätigkeit als Wachmann im nordöstlich von Warschau gelegenen Vernichtungslager Treblinka angeklagt. Der Prozess endete 1988 mit einem Todesurteil, doch der Oberste Gerichtshof Israels sprach Demjanjuk 1993 wieder frei, weil nicht sicher geklärt werden konnte, ob er wirklich der berüchtigte "Iwan" war. Demjanjuk kehrte dann in die USA zurück.

wit/ddp
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