Auschwitz-Prozess "Jede Freiheitsstrafe könnte lebenslang bedeuten"

Vor dem Landgericht Lüneburg fordert der Verteidiger einen Freispruch für den früheren SS-Mann Oskar Gröning. Der Angeklagte selbst sagt: "Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte."

Oskar Gröning mit einem Anwalt: "Es tut mir ausdrücklich leid"
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Oskar Gröning mit einem Anwalt: "Es tut mir ausdrücklich leid"

Von Wiebke Ramm, Lüneburg


Ganz zum Schluss ergreift Oskar Gröning doch noch einmal selbst das Wort. Leicht scheint ihm das nicht zu fallen. Gröning bittet zunächst seinen Verteidiger, für ihn zu sprechen. Doch der Anwalt macht dem 94-Jährigen deutlich, dass er es schon selbst tun muss. Grönings Stimme ist schwach, sie droht zu versagen. Kämpft Gröning mit den Tränen? Oder ist es das Alter?

"Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte", sagt der ehemalige SS-Mann Gröning nun vor dem Landgericht Lüneburg. "Das ist mir bewusst." Er sagt: "Ich bereue aufrichtig, dass ich diese Erkenntnis nicht viel früher und konsequenter umgesetzt habe." Er schweigt einen Moment, dann sagt er mit brüchiger Stimme: "Es tut mir ausdrücklich leid." Es sind seine letzten Worte vor dem Urteil, das am Mittwoch fallen soll.

Verteidiger Hans Holtermann hatte zuvor einen Freispruch für Gröning gefordert. Grönings Tätigkeit im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau während der sogenannten Ungarn-Aktion im Sommer 1944 könne nicht als Beihilfe zum Mord an mindestens 300.000 Menschen gewertet werden, wie es ihm die Staatsanwaltschaft Hannover in ihrer Anklage vorwirft, sagt Holtermann. Damals waren mehr als 400.000 Juden aus Ungarn nach Auschwitz deportiert worden. Die meisten von ihnen wurden sofort nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet.

Verteidigung fordert Freispruch

Holtermann sagt: Gröning habe nichts mit der Entscheidung über Leben und Tod zu tun gehabt. Seine Aufgabe sei es gewesen, an der Rampe auf das Gepäck aufzupassen. An der Rampe entschieden SS-Männer, wer sofort in den Gaskammern ermordet oder zunächst im Arbeitslager gequält werden sollte.

Die Anklage wirft Gröning vor, dass er durch seine Tätigkeit mit dafür gesorgt hat, dass die Tötungsmaschinerie reibungslos funktionieren konnte. Er habe als SS-Mann zur Drohkulisse an der Rampe gehört. Holtermann widerspricht. Gröning habe die Menschen weder aus den Viehwaggons herausgetrieben noch anderweitig auf sie eingewirkt. Seine Pistole habe er lediglich zur eigenen Sicherheit getragen. Sie habe unter seiner SS-Uniformjacke gesteckt, sei also gar nicht zu sehen gewesen. Holtermann sagt, Gröning sei an der Rampe bloß anwesend gewesen. "Er war nicht aktiv an Selektionen beteiligt." Er habe lediglich den Diebstahl von Gepäck verhindern sollen.

Gröning arbeitete in der sogenannten Häftlingsgeldverwaltung. Als gelernter Bankkaufmann war er zuständig für das Zählen, Sortieren und Weiterleiten der Devisen, die den Deportierten abgenommen worden waren. Dienst an der Rampe habe er im Sommer 1944 nach eigenen Angaben nur vertretungsweise getan.

Aus Sicht der Verteidigung habe Gröning durch seine Tätigkeit den Holocaust nicht strafrechtlich relevant gefördert. Er sei daher vom Vorwurf der Beihilfe zum Massenmord freizusprechen.

"Jede Freiheitsstrafe könnte lebenslang bedeuten"

Auf Beihilfe zum Mord sieht das Gesetz eine Freiheitsstrafe von drei bis 15 Jahren vor. Für den Fall, dass das Gericht Gröning doch der Beihilfe zum Massenmord schuldig sprechen sollte, fordert die Verteidigung die geringstmögliche Strafe von drei Jahren. Auch diese Strafe von drei Jahren soll dem Angeklagten dann erlassen werden, fordert die Verteidigung. Anwältin Susanne Frangenberg begründet dies mit der Kronzeugenregelung nach Paragraf 46b Strafgesetzbuch.

Sie sagt, Gröning habe früh zur Aufklärung der Verbrechen von Auschwitz beigetragen. Er habe schon 1978 freiwillig ausgesagt, als er erstmals als Beschuldigter vernommen wurde. Auch 1984 habe er in einem anderen Verfahren als Zeuge ausgesagt, ehemalige SS-Männer belastet und Angaben zur Lagerstruktur gemacht. Er habe damals maßgeblich zur Verurteilung eines Angeklagten beigetragen. Anders als viele andere frühere SS-Männer habe Gröning keine Mauer des Schweigens errichtet, sondern gesprochen. Die Kronzeugenregelung sieht nicht nur eine Strafmilderung, sondern auch die Möglichkeit vor, gänzlich von Strafe abzusehen. Es ist das, was die Verteidigung für Gröning erreichen will.

Frangenberg spricht von einer 37 Jahre langen Verfahrensverzögerung. Sie rechnet von 1978 bis heute. 1978 war Gröning erstmals als Beschuldigter vernommen worden. Das Verfahren wurde 1985 eingestellt und ein Wiederaufnahmeverfahren 2005 und noch einmal 2013 abgelehnt. Erst ein weiteres Ermittlungsverfahren, eingeleitet im Jahr 2013, führte schließlich zur Anklage vor dem Landgericht Lüneburg.

Und auch wenn Gröning sagt, er habe gar nicht gewusst, dass gegen ihn ermittelt wurde, müsse er für die unangemessen lange Verfahrensdauer entschädigt werden. Anwältin Frangenberg erinnert an die Worte der Überlebenden von Auschwitz, die in Lüneburg als Zeugen ausgesagt haben. Allesamt betonten, dass ihnen ein Schuldspruch wichtiger sei als eine Strafe. Frangenberg bittet das Gericht zu bedenken: "Jede Freiheitsstrafe könnte für Herrn Gröning lebenslang bedeuten."

Gröning sitzt an diesem Tag die meiste Zeit mit geschlossenen Augen auf der Anklagebank. Sein Anwalt wirkt für einen Moment beunruhigt. Er tickt ihn an. Gröning öffnet die Augen und nickt. Dann hört er weiter zu, wie seine Anwältin Frangenberg dafür kämpft, dass er nicht ins Gefängnis muss.

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