Massenmord im KZ Stutthof Staatsanwaltschaft klagt früheren SS-Wachmann an

Ein 92-Jähriger früherer SS-Wachmann soll tausendfachen Mord ermöglicht haben. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen ihn erhoben - und bezeichnet ihn als "Rädchen der Mordmaschinerie".

KZ Stutthof bei Danzig
newspix/ imago images

KZ Stutthof bei Danzig


Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat einen früheren SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof angeklagt. Dem heute 92-Jährigen werde Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen. Die "Welt" hatte zuerst über die Anklage berichtet.

Nach Einschätzung der Hamburger Ermittler habe der Mann während seines Wachdienstes in dem Lager bei Danzig Fluchten und Aufstände verhindert und so die Massentötung vor allem jüdischer Häftlinge befördert. Er habe als "Rädchen der Mordmaschinerie" in dem Wissen um die "Gesamtumstände" dazu beigetragen, den von höchster Stelle ausgegebenen Tötungsbefehl umzusetzen. Der Beschuldigte war laut Staatsanwaltschaft zur Tatzeit zwischen 17 und 18 Jahre alt.

Er ließ sich der "Welt" zufolge im Sommer 2018 mehrere Stunden lang vernehmen und leugnete seine Anwesenheit im Lager nicht. Der gelernte Bäcker habe ausgesagt, sich stets vom Nationalsozialismus ferngehalten zu haben. Er sei als 17-Jähriger nur zur SS gekommen, da er wegen einer Herzerkrankung nur "garnisonsverwendungsfähig" war und daher als Wachmann eingesetzt wurde. Vor den Ermittlern habe er auch sein Mitleid mit den Opfern ausgedrückt.

In den vergangenen Jahren gab es in Deutschland mehrere Anklagen und Prozesse wegen NS-Verbrechen. In einigen Fällen wurden Verfahren eingestellt, weil die Angeklagten auf Grund ihres Alters nicht verhandlungsfähig waren. Das Landgericht Münster etwa stellte den Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof deshalb Anfang April ein.

65.000 Menschen starben

Im KZ Stutthof bei Danzig hatten die Nazis unter anderem polnische Bürger, sowjetische Kriegsgefangene und Juden eingesperrt, gequält und systematisch getötet. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden Insassen des Lagers seit Sommer 1944 auf Befehl der SS in Berlin systematisch in einer Genickschussanlage und einer Gaskammer getötet. Von mehr als hunderttausend Insassen, die nach Stutthof gebracht wurden, starben schätzungsweise 65.000 Menschen.

Ausgelöst wurden die jüngsten Prozesse durch eine geänderte Rechtsauffassung. Bei deutschen Staatsanwaltschaften und Gerichten setzte sich die Ansicht durch, dass unterstützende Tätigkeiten wie Wachdienste im juristischen Sinn als Beihilfe zum Mord zu werten sind. Davor waren meist nur Täter belangt worden, die hohe Positionen innehatten oder sich direkt an Tötungen beteiligten.

Laut der "Welt" laufen bei der Staatsanwaltschaft in Hamburg auch Ermittlungen gegen eine ehemalige Angehörige des sogenannten SS-Helferinnenkorps, die einen Todesmarsch von KZ-Häftlingen in der Schlussphase des Weltkriegs bewacht haben soll.

jpz/AFP



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