Berlinerin in München zwangsprostituiert "Wenn du mich liebst, dann machst du das für mich"

Vor allem mit der Drohung, ihren streng muslimischen Eltern zu erzählen, dass sie keine Jungfrau mehr sei, soll ein afghanisches Paar eine 27-jährige Landsfrau zur Prostitution gezwungen haben. Nun wurden die Täter verurteilt.

Angeklagter (r.) vor Prozessbeginn im Landgericht München (Januar; Archivbild)
Matthias Balk/ DPA

Angeklagter (r.) vor Prozessbeginn im Landgericht München (Januar; Archivbild)

Von , München


Es dauerte bis Ende März 2018, bis Nesrin A.* all ihren Mut zusammennahm und schließlich zur Polizei ging - zuvor erlebte die heute 27-Jährige nach Überzeugung der Ermittler über mehrere Monate hinweg ein wahres Martyrium. Tarik V.* hatte die Afghanin mit dem Versprechen, er werde sie zur Frau nehmen, von Berlin nach München gelockt. Kennengelernt hatten sich beide in einem afghanischen Onlinechat, in dem sich viele junge Heiratswillige tummeln. Tarik V. hatte sich dort als erfolgreicher Geschäftsmann ausgegeben.

Nesrin A. lebte in einem sehr religiösen Elternhaus, hatte zuvor keinerlei Beziehungen mit Männern. Mit dem Bus kam sie im November 2017 an die Isar - das Geld für die Fahrkarte hatte die junge Frau ihrem Vater aus dessen Geldbeutel geklaut.

Sie war in Tarik A. verliebt. Doch nach nicht einmal einem Monat zwangen sie der 28-Jährige und dessen 29-jährige Verlobte zur Prostitution - das zumindest sieht das Münchner Landgericht als erwiesen an. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass die beiden Nesrin A. zum Geschlechtsverkehr mit 100 bis 150 Freiern zwangen. Am späten Dienstagnachmittag verurteilte das Gericht beide unter anderem wegen schwerer Zwangsprostitution zu drei Jahren und zehn Monaten Haft. Das Gericht sah mindestens 30 Fälle als erwiesen an. Es sei aber "naheliegend, dass es eine größere Dunkelziffer gab", sagte der Vorsitzende Richter Philip Stoll. Schließlich seien 680 Chatverläufe mit Freiern sichergestellt worden.

Das Paar bot die junge Frau demnach über das Internet unter dem Pseudonym "Orient-Girl Hülya" an, verdiente so mindestens mehrere Tausend Euro.

Nesrin A. hatte Hoffnung auf ein neues Leben in München

Doch wieso sagte Nesrin A. nicht einfach Nein? Mehrfach bemühte der Richter bei der Urteilsverkündung ihre Kultur und die Familiengeschichte als mögliche Erklärung. Sie habe "in einem streng muslimischen Elternhaus gelebt". 2015 war ihre Familie nach Deutschland geflüchtet. "Sie hatte wenig Freizeit, musste das Kopftuch tragen. Das wurde streng kontrolliert", sagte Stoll. Den einzigen Kontakt mit Männern, den sie gehabt habe, seien vereinzelte, streng überwachte Telefonate und Briefwechsel mit einem alten Jugendfreund in Afghanistan gewesen.

Weil sie ein Kopftuch tragen musste, habe es Konflikte mit ihren Eltern gegeben. Nesrin A. kam voller Hoffnung auf ein neues Leben nach München. "Es war das erste Mal, dass sie allein verreiste", so Stoll. Ein leichtes Opfer - das Mädchen sei "sehr naiv" gewesen. Sie sei "keiner deutschen Frau in diesem Alter entsprechend" entwickelt gewesen.

Doch so sehr sich Nesrin A. an dem stark-islamisch konservativen Weltbild ihrer Eltern störte - glaubt man den Ausführungen des Gerichts wurde ihr genau dieses zum Verhängnis. Kurz nach ihrer Ankunft in Bayern kam es zum Geschlechtsverkehr mit Tarik V. Sie hatte später von einer Vergewaltigung gesprochen, was er bestritten hatte. Das Gericht wertete das Geschehene als sexuellen Übergriff. Doch mit der verlorenen Jungfräulichkeit setzte das Paar die Frau anschließend derart unter Druck, dass sie sich schließlich prostituierte.

Zunächst hatte Tarik V. die Berlinerin laut Anklage noch damit gelockt, sie zu heiraten. Er sagte Sätze wie: "Wenn du mich liebst, dann machst du das für mich." Seine Verlobte hatte er zunächst als seine Schwester ausgegeben. Doch es dauerte nicht lange, bis er nach Überzeugung des Gerichts drohte, wenn sie nicht mit den zahlenden Männern schlafe, werde er ihren strenggläubigen und herzkranken Eltern erzählen, dass sie keine Jungfrau mehr sei. Die Frau hatte Angst, schämte sich, fürchtete, plötzlich verstoßen zu werden.

Die Täter isolierten Nesrin A. und nutzen ihre Zwangslage bewusst aus

Zudem drohte er den Ermittlern zufolge auch, ihr den Kopf abzuschneiden und diesen ihren Eltern zu schicken, wenn sie nicht gehorche. Es habe mehrere Todesdrohungen gegeben, sagte Richter Stoll. Aber entscheidend sei die Drohung, zu den Eltern zu gehen und diesen alles zu erzählen. "Die Geschädigte wusste, dass sie aufgrund des Verlustes ihrer Jungfräulichkeit praktisch keine Ehre mehr bei ihrer Familie hatte."

Für Stoll ist klar: "Die Angeklagten haben diese Zwangslage bewusst ausgenutzt." Als Motiv sah das Gericht schlicht Geldnot des Münchner Paars. Tarik V. war arbeitslos, seine Verlobte hatte wegen eines anderen Ermittlungsverfahrens ihre Aufträge als Dolmetscherin für Behörden und Gerichte verloren. Die Frau, die auch selbst auf den Strich ging, sei auch "die treibende Kraft" des Zuhältergeschäfts gewesen, habe etwa mit den Männern über den Preis verhandelt.

Das Paar isolierte Nesrin A. frühzeitig, meldete sie bei Facebook und Instagram ab und nahm ihr das Handy ab. Dann schrieben die beiden laut Gericht in Nesrins Namen eine SMS an die Eltern, dass diese nicht mehr nach Hause komme.

Zu Prozessbeginn hatten die Angeklagten die Taten bestritten. Beim Urteil wirkte Tarik V. meist reglos. Seine Verlobte trug trotz warmer Temperaturen beim Betreten des Gerichtsaals einen dicken Mantel, mit Kapuze - offenbar um nicht erkannt zu werden. Ob Verteidigung und Staatsanwaltschaft in Revision gehen, war zunächst unklar - die Anklage hatte sechs Jahre Haft, die Verteidigung einen Freispruch gefordert.

Nesrin A., der die Verurteilten phasenweise auch ihre Papiere abgenommen hatten, hatte sich Ende März 2018 in ihrer Not schließlich an einen Freier gewandt, der sie zur nächsten Polizeidienststelle brachte. Bis heute leidet sie unter den Folgen des Geschehenen. "Sie hatte Entzündungen an den Genitalien", so Stoll. Noch immer hat sie psychische Probleme. "Die beiden haben mein Leben ruiniert", sagte sie während des Prozesses.

*Name geändert



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