Polizeigewalt in Chicago Tod eines Teenagers bringt Bürgermeister und Polizeichef in Bedrängnis

In Chicago erschießt der Polizist Jason den Teenager Laquan McDonald - und wird erst nach über einem Jahr angeklagt. Kritiker wittern Vertuschungsversuche.

AP

Gegen Kaution ist der Polizist Jason Van Dyke aus der Untersuchungshaft in Chicago entlassen worden. Van Dyke ist wegen des Mordes an dem schwarzen Teenager Laquan McDonald angeklagt. Van Dyke hatte 16 Kugeln auf den 17-Jährigen abgefeuert und auch dann noch geschossen, als der Teenager längst wehrlos und sterbend auf der Straße lag.

Dass es zur Anklage kam, ist wesentlich der Veröffentlichung eines Videos zu verdanken. Die Aufnahme wurde erst auf Anordnung eines Richters publik gemacht. Sie zeigt die tödlichen Schüsse - und beweist, dass Van Dyke und die Polizei lange Zeit gelogen haben. Sie hatten behauptet, McDonald habe sich auf Van Dyke zubewegt.

Doch das Video ist eindeutig: McDonald bewegte sich von den Polizisten weg. Als die ersten Schüsse fielen, waren Van Dyke und der Teenager rund 3,5 Meter voneinander entfernt.

Video zeigt Polizeigewalt in Chicago: 73 Sekunden bis zum Tod

REUTERS/Chicago Police Department
Van Dyke war am 24. November angeklagt worden. An dem Tag wurde nur wenige Stunden später auch das Video veröffentlicht. Staatsanwältin Anita Alvarez behauptete, sie habe die vorbereitete Mordanklage ohnehin bald verkünden wollen. Weil sie befürchtet habe, das Video könne gewalttätige Proteste auslösen, habe sie diesen Schritt vorgezogen, um Randale zu verhindern. Nach McDonalds Tod war es zu zahlreichen Protesten gekommen, Demonstranten skandierten "Sechzehn Schüsse" und "Bestraft kriminelle Polizisten".

Bürgermeister Rahm Emanuel hat angekündigt, eine Task Force zu gründen, die sich darum kümmern soll, dass Fehverhalten von Polizisten stärker und schneller geahndet wird. Bis Ende März soll das Gremium Empfehlungen vorlegen.

Dass das genug ist, glaubt kaum jemand. Nicht nur Emanuel, auch Alvarez und Polizeichef Garry McCarthy stehen in der Kritik. Dass sie im Amt bleiben, finden viele skandalös.

Kritik an Bürgermeister, Polizeichef, Staatsanwältin

In einem Gastbeitrag für die "New York Times" erhebt der Professor Bernard Harcourt von der Columbia-Universität schwere Vorwürfe: Der Fall sei vertuscht worden, um zu verhindern, dass das Video von McDonalds Tod die Wiederwahlchancen Emanuels torpediert. Angesichts vieler weiterer schwarzer Opfer von Gewalt weißer Polizisten wie Michael Brown in Ferguson hätte ein Video tödlicher Polizeischüsse wie dieser "Herrn Emanuels Wiederwahlchancen begraben. Und es hätte wahrscheinlich die Karriere von Polizei-Superintendent Garry F. McCarthy beendet." Alvarez wiederum sei auf die Unterstützung der Polizeigewerkschaft für ihre Wiederwahl angewiesen.

Eine Woche nach Emanuels Wiederwahl im April habe sich die Stadt mit McDonalds Angehörigen auf eine Entschädigung von fünf Millionen Dollar geeinigt. Zudem habe Chicago Tausende Dollar ausgegeben, um die Veröffentlichung des Videos zu verhindern. Emanuel, McCarthy, Alvarez - "Diese Offiziellen haben nicht mehr das Vertrauen der Öffentlichkeit. Sie sollten zurücktreten."

Harcourt und die "New York Times" sind mit ihrer Kritik nicht allein. Auch die Zeitung "Chicago Sun-Times" schreibt in einem Editorial, McCarthy habe das Vertrauen und die Unterstützung großer Teile Chicagos verloren. So könne er seinen Job nicht tun. "Superintendent McCarthy sollte zurücktreten. Falls er das nicht tut, sollte Bürgermeister Rahm Emanuel ihn feuern."

Gewerkschaft sieht Schützen als pflichtbewussten Polizisten

Nur Stunden nach McDonalds Tod habe die Polizei unter McCarthy ein falsches Statement herausgegeben, wonach der Teenager mit einem Messer in der Hand auf die Polizisten zugelaufen war, bevor er erschossen wurde.

Auch Staatsanwältin Alvarez und Bürgermeister Emanuel kommen in der Lokalzeitung schlecht weg. Alvarez habe die Ermittlungen bestenfalls widerwillig betrieben und trotz offenkundiger Indizien lange mit der Anklage gezögert. Emanuel zögere offenbar, Polizisten für Fehlverhalten zur Rechenschaft zu ziehen.

Es gebe allerdings keine belastbaren Indizien dafür, dass Emanuel den Fall bis nach der Wiederwahl ausgebremst habe. Es sei normal, dass derartige Videos erst zum Abschluss der Ermittlungen veröffentlicht würden. Andernfalls seien diese gefährdet.

Der nächste Gerichtstermin Van Dykes ist für den 18. Dezember angesetzt. Unterstützer versuchen, den Schützen als pflichtbewussten Polizisten darzustellen.

"Ich denke, Officer Van Dyke hat auf Trainingsmodus umgeschaltet und das getan, was er zu der Zeit als gerechtfertigt ansah", sagte Dean Angelo Sr., Präsident der Polizistenvereinigung Fraternal Order of Police in Chicago. Die Gewerkschaft habe die Kaution nicht direkt bezahlt, aber Mitglieder dazu ermuntert, für diesen Zweck Geld zu spenden.

Van Dykes Anwalt Dan Herbert sagte, sein Mandant fürchte um sein Leben, habe sich gesetzestreu verhalten. Das Video erzähle nicht die ganze Geschichte. Es lasse die Sache so aussehen, als seien die Schüsse nicht gerechtfertigt gewesen. Aber Van Dyke könne seine Handlungen vor Gericht rechtfertigen.

ulz/AP



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