Mein Leben als Schöffe Urteil im Namen des Bauches

Bei den Plädoyers vor Gericht wollen die Verteidiger alle Richter überzeugen - aber oft sprechen sie nur die Laienrichter direkt an. Das ist nicht seltsam, sondern logisch.
Zur Person

Peter Maxwill studierte gerade in Rom, als ihn das Landgericht Hamburg bis 2018 als Schöffen verpflichtete. Seit seiner Berufung sitzt er regelmäßig auf der Richterbank - zunächst als Student und freiberuflicher Journalist, später als Volontär und Redakteur bei SPIEGEL ONLINE. In einer Serie berichtet er von seinen Erlebnissen als Laienrichter im Namen des Volkes.

E-Mail: Peter_Maxwill@spiegel.de 

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Zweiter Sitzungstag im Prozess gegen einen mutmaßlichen Drogenkurier, Schlussplädoyer der Verteidigung. Der Anwalt des Angeklagten erhebt sich, richtet seinen Blick gen Richterbank - erst auf mich, dann auf die andere Schöffin. "Stellen Sie sich mal vor, Ihr Vater fordert Sie morgen früh um 9 Uhr auf, sofort das Land zu verlassen", sagt er. Mein erster Gedanke: Hä?

Worum es ging: Der Angeklagte hatte behauptet, dass eine verfeindete Familie nach seinem Leben trachte. Sein Vater habe ihn daher gedrängt, seine Heimat am Mittelmeer zu verlassen und nach Deutschland zu fliehen. Gestrandet als Verfolgter in einer fremden Welt, so ließe sich diese Argumentation zusammenfassen, geriet er dann an die falschen Leute - und auf die schiefe Bahn.

Die Frage des Verteidigers zielte wohl auf das Mitgefühl von uns Schöffen, weniger auf den juristischen Sachverstand der beiden Berufsrichter im Saal. Denn die kannten detailliert die Rechtslage und sämtliche Akten des Falls - ganz im Gegensatz zu den Laienrichtern. Womöglich ist das Kalkül vieler Verteidiger also: Die Richter in Robe mit Paragrafen und wohlformulierten Argumenten überzeugen, die Richter ohne Robe gerne auch mit Suggestivfragen und Emotionen. Denn die sollen ja sowieso mit einer gehörigen Portion Bauchgefühl ihr Urteil fällen.

Wie sehr die Verteidiger dabei offenbar auf die Bäuche der Schöffen setzen, habe ich regelmäßig in Prozessen gemerkt. Manche Verteidiger holen weit aus, um banalste Rechtsvorschriften selbst dem denkfaulsten Laienrichter zu erläutern. Andere leiten ihre Ausführungen auch entsprechend ein: "Ich frage den Zeugen das jetzt, damit auch die Schöffen das verstehen." Oder, bei einer anderen Befragung: "Erzählen Sie den Schöffen doch mal, wie es wirklich war!"

Diese Verteidigungsstrategie offenbarte sich auch im Verfahren gegen den mutmaßlichen Drogenkurier. Der hatte laut Anklage mehrere Kilo reinstes Amphetamin durchs halbe Land kutschiert, woraufhin sein Verteidiger im Plädoyer einen Vergleich zwischen harten Drogen und dem vergleichsweise harmlosen Marihuana bemühte: "Manchmal sitze ich in Gerichtsverhandlungen und denke, dass ich wahrscheinlich der einzige im Raum bin, der noch nie gekifft hat", sagte er - und fügte hinzu: "Dieser inkonsequente Umgang mit Drogen sollte sich auch in der Rechtsprechung niederschlagen."

Ob der Vergleich von kiloweisen Amphetaminen mit einem Joint bei den Schöffen Erfolg hatte? Darüber darf ich wegen des sogenannten Beratungsgeheimnisses nichts verraten. So viel lässt sich aber sagen: Der Angeklagte muss nun ins Gefängnis.

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