Lebensgefährlicher Wehrdienst Kastriert in der Kaserne

Russland ist schockiert: Vorgesetzte sollen einen 19-jährigen Wehrpflichtigen so bestialisch gefoltert haben, dass ihm Beine und Genitalien amputiert werden mussten. Doch Gewalt und Misshandlungen sind in der russischen Armee an der Tagesordnung. Kritiker fordern eine grundlegende Reform.

Hamburg - Was sich am Neujahrsmorgen in der Panzerakademie von Tscheljabinsk am Ural ereignete, war monströs, krank und unappetitlich - aber keineswegs neu. Schwer alkoholisiert sollen mehrere Dienstälteste den 19-jährigen Soldaten Andrej Sytschew gefesselt und in die Hocke gezwungen haben. Dann schlugen sie Zeitungsberichten zufolge auf ihn ein. Stundenlang. Vergewaltigten und quälten ihn so heftig, dass ihm später beide Beine, ein Finger und die Genitalien amputiert werden mussten.

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Soldaten-Elend: "Nur eine rostige Schraube im Getriebe"

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Die Fesseln des jungen Soldaten seien so fest zugezogen gewesen, dass die Blutzirkulation unterbrochen wurde, erklärte eine örtliche Vertreterin der Hilfsorganisation Soldatenmütter Russlands, Ljudmila Sintschenko, der "Nesawissimaja Gaseta". Wäre Sytschew sofort medizinisch behandelt worden, hätte man seine Beine vermutlich retten können. "Er kam aber erst am 4. Januar ins Lazarett und weitere zwei Tage später auf die Intensivstation eines Krankenhauses - in bewusstlosem Zustand", so Sintschenko.

Aufgrund einer schweren Blutvergiftung räumten die behandelnden Ärzte Andrej "wenig Chancen" ein, erklärte Sytschews Schwester Natalja im Interview mit der Internetzeitung "gazeta.ru". Zudem sind offenbar mehrere innere Organe des Jungen durch die Schläge schwer geschädigt, darunter auch die Lungen.

Das hielt die Verantwortlichen nicht davon ab, die Flucht nach vorn anzutreten: Als der Staatsanwalt der Tscheljabinsker Garnison die Familie des Opfers am 8. Januar empfing, erklärte er, Andrej habe sich die Beine selbst abgebunden - um ins Lazarett zu kommen und sich dadurch dem Dienst zu entziehen. Eine für die Angehörigen kaum nachvollziehbare Darstellung.

"Der Soldat ist nur ein Stück Dreck"

Was normalerweise als versuchte Selbstverstümmlung oder Dienstunfall zu den Akten gelegt wird, erfuhr im Fall Sytschew eine ungewöhnliche Öffentlichkeit: Mitarbeiter des Krankenhauses hielten sich nicht an ihre militärische Schweigepflicht und informierten das örtliche Komitee der Soldatenmütter Russlands über die Misshandlungen.

"Eine solche Bestialität, eine solche Grausamkeit und Unverantwortlichkeit durch einen Vorgesetzten habe ich noch nie erlebt", empörte sich die Vorsitzende der Soldatenmütter, Walentina Melnikowa, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "In unserer Armee ist der Soldat nur ein Stück Dreck, eine rostige Schraube im Getriebe. Sein Leben ist weder dem Staat noch den Kommandierenden etwas wert."

Der schnell um sich greifenden Empörung konnte sich auch die Regierung nicht verschließen. In Moskau gingen nach Bekanntwerden des Verbrechens rund zweihundert Demonstranten auf die Straße und forderten den Rücktritt von Verteidigungsminister Sergej Iwanow. Eine weitere Protestaktion in Jekaterinburg sei von der Polizei aufgelöst worden, berichtete der Radiosender Echo Moskvy.

"Zynische Form der Körperverletzung"

Erste zögerliche Maßnahmen wurden ergriffen: Der Kommandeur der Panzerakademie, Wiktor Sidorow, wurde entlassen, drei Offiziere und vier Soldaten festgenommen. Einer von ihnen, Sergeant Aleksandr Siwjakow, wurde nach Absatz 3, Artikel 286 des Strafgesetzbuches angeklagt - wegen Überschreitung der Amtsgewalt.

Bei einer derartigen "sadistischen Folter" könne man keineswegs von einer simplen Überschreitung der Dienstbefugnisse sprechen, kritisierte die "Nesawissimaja gaseta". Vielmehr handele es sich um eine besonders grausame und zynische Form der schweren Körperverletzung. Dass nun ein Strafverfahren wegen "Überschreitung der Amtsgewalt" angestrengt werde, zeige lediglich, dass man die Fakten unter den Teppich kehren und den Prozess als maximal unwichtig einstufen wolle - während die Täter mit minimalen Strafen davonkommen sollen. "Die übliche Praxis in den russischen Streitkräften", so die Zeitung in einem Kommentar.

Jetzt betreiben Regierungsstellen und Politiker Schadensbegrenzung. Das Tscheljabinsker Gebietsparlament hat eine Untersuchungskommission einberufen, die eigene Ermittlungen im Fall Sytschew durchführen soll. Die Gebietsbehörden stellten für die medizinische Behandlung des Geschändeten 500.000 Rubel (knapp 14.800 Euro) zur Verfügung.

Wer kontrolliert die Kommandeure?

Auch Russlands Präsident Wladimir Putin kam nicht umhin, sich zu dem Fall zu äußern. Er kündigte an, eine spezielle Armeepolizeieinheit gründen zu wollen, die sich ausschließlich mit der Verfolgung von Straftaten innerhalb der Streitkräfte beschäftigen solle. "Das würde bedeuten, dass die Armee quasi zum Gefängnis wird", deutet Soldatenmutter Melnikowa Putins Pläne. Im Innern einer solchen Struktur befände sich die Armee, dahinter Stacheldraht, dahinter die Militärpolizei, dahinter wieder Stacheldraht und dann der Inlandsgeheimdienst FSB. "So sieht es Präsident Putin, aber wir nicht. Wir glauben, dass es Gewalt unter Soldaten in der Armee überhaupt nicht geben sollte."

Die Lösung? Man könne an den herrschenden Strukturen nichts verbessern, meint Melnikowa. "Ziele und Aufgaben der Streitkräfte müssen von Grund auf neu definiert werden", fordert die Menschenrechtlerin - mit neuen Führungskräften, Offizieren und gesetzlichen Vorgaben zur Regelung der Beziehungen unter den Angehörigen der Streitkräfte.

Bürgerrechte am Kasernentor abgegeben

Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums starben im vergangenen Jahr 16 Soldaten nach brutalen Einführungsritualen durch Vorgesetzte - die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher. Jeder der derzeit etwa 700.000 Wehrpflichtigen im Land sei in der einen oder anderen Form mit Erniedrigung, Gewalt und Erpressung in Berührung gekommen, sagen die Soldatenmütter. Seit den sechziger Jahren ist die Armee berüchtigt für die sogenannte "Dedowschina", die unumschränkte Herrschaft der "Großväter" in der Truppe.

Denis Michajlow* absolvierte seinen Militärdienst Ende der achtziger Jahre in einer geheimen Abteilung des Generalstabes in Moskau. "Ob solche Misshandlungen durch Dienstälteste vorkommen, hängt ganz wesentlich von der Kommandoebene ab. Je ungebildeter die Offiziere, je höher der Alkoholkonsum und je weiter weg die Einheit von Moskau, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für Missbrauch", erklärt Michajlow.

Ihm selbst habe ein Vorgesetzter mit einem Gewehrkolben die Finger zerquetscht, nachdem er beim nächtlichen Wodka-Kauf erwischt und dafür drei Tage in eine Zelle gesperrt worden war. Dies sei aber nicht aus Lust und Laune, sondern immerhin aufgrund eines offiziellen Vergehens geschehen.

Michajlow betont: "Die Armee wurde für den Krieg erfunden. Hier herrscht bereits der Kriegszustand." Das rüde Regime der Dienstältesten funktioniere, weil es tief in der Natur des Menschen und seinen Instinkten verankert sei: "Wer älter und stärker ist, setzt sich durch." Niemand in Russland mache sich Illusionen über die Zustände in den Streitkräften: "Wenn du in die Armee kommst, bist du deine Bürgerrechte los", so der Ex-Soldat.


* Name von der Redaktion geändert

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