Lehrerin als Stalking-Opfer "Gero war eine tickende Zeitbombe"

Von , Bremen

2. Teil: "Sein Verhalten hatte etwas Obsessives"


Er habe Gero direkt gefragt, ob er sich in Heike Block "verknallt" habe, sagt der Schulleiter. Gero habe ihm gegenüber beteuert, er sei zu solch einer "emotionalen Bindung" gar nicht fähig. "Ich glaubte ihm, weil ich ihn als äußerst schwer zugänglichen Jungen kennengelernt habe." Vielmehr habe er geglaubt, dass Heike Block bei Gero "etwas bewegen" könne. "Und sie traute sich das anfangs zu." Später habe er Gero zudem ausdrücklich gewarnt, Heike Block zu nahe zu kommen.

Doch der Angeklagte Gero S. widerlegt vor Gericht die Aussagen des Rektors. Der 21-Jährige sitzt auf der Anklagebank, Brille, blass, zerbrechlich, die Augen kneift er oft zu, und es scheint ihm eine Freude zu sein, penibel genau darauf hinzuweisen, dass Heike Blocks Tagebuchaufzeichnungen der Wahrheit entsprechen. Er formuliert mit großer Präzision, hört sich gern selbst reden und sagt mehrfach an seinen einstigen Rektor gerichtet: "Ich kann das nicht bestätigen." Oder: "Ich kann mich nicht an die angeblich drastische Warnung erinnern, dass ich Heike in Ruhe lassen soll."

Anfang Februar dokumentiert Heike Block in ihrem elektronischen Tagebuch: "Gero gesteht mir seine Liebe. Info an Herrn S., dass ich mich mit Gero nicht mehr allein treffen kann. Unverständnis von seiner Seite."

Cornelia N., eine Kollegin von Heike Block, schilderte vor Gericht, wie verzweifelt die 35-Jährige war. Dass sie zunächst Angst hatte, Gero bringe sich um, und später Angst vor ihm selbst hatte. "Sein Verhalten hatte etwas Obsessives. Er war eine tickende Zeitbombe." Sie selbst verfasst am 11. Februar 2008 eine eidesstattliche Erklärung für den Fall, dass sie "nicht in der Lage sein sollte, eine Aussage zu machen".

Darin führt sie auf, dass der Schulleiter ihr gegenüber behauptet habe, Gero S. "im Griff zu haben". Ihrer Auffassung nach habe aber "keiner Gero im Griff". Sie empfinde die Situation als "besorgniserregend und auch bedrohlich".

Weder Rektor S. noch die Landesschulbehörde hätten ihr geantwortet, sagt Cornelia N.

Er habe die Einschätzung dieser Lehrerin für "nicht stichhaltig" befunden, sagt der Schulleiter im Beisein seines Anwalts vor Gericht. "Tragischerweise" habe die Kollegin jedoch Recht behalten.

Ende Februar 2008 wird Heike Block verbeamtet. Ab jetzt besteht sie darauf, Gero grundsätzlich nur noch im Beisein von Zeugen zu unterrichten. Als dieser seine Therapie abbricht, weigert sie sich, ihn weiter zu betreuen.

Gespräche mit Gero S.' Mutter "brachten einfach nichts"

In den Sommerferien und auch danach bombardiert Gero S. seine ehemalige Lehrerin mit E-Mails, eine davon ist ausgedruckt acht Seiten lang. "Wärst Du nicht gewesen, könnte ich Dir heute nicht mehr schreiben, vielleicht kann ich Dir eines Tages dafür danken, dass Du mein Leben bewahrt hast", schreibt er. Und: "Du kannst wirklich sehr verletzend und kühl sein, aber manchmal auch zum Knuddeln." Oder: "Was mir (…) niemand bezahlen kann, sind die Minuten und Stunden, die ich mit Dir verbracht habe, waren sie auch noch so schmerzhaft."

Zudem entwickelt Gero S. einen hasserfüllten Neid auf die Frau, die er begehrt, die sich ihm aber verwehrt. "Ich muss zugeben, dass ich Dich um Dein Leben, das Du führst, beneide. (…) Ich habe kein Geld (…), keinen Führerschein, kein Auto, so gut wie keine Möbel, kein Geschirr, kein Besteck, keinen Kühlschrank, keine Waschmaschine, kaum Kleidung, und wenn, dann nur billige minderer Qualität, während das bei Dir etwas anders aussieht (…). Ich habe keine Eltern und Freunde wie Du, denen ich mich anvertrauen kann und die mir helfen können (…) Du führst mir ein Leben vor, das für mich unerreichbar erscheint (…). Ich bin nicht so klug wie Du, ich seh nicht so gut aus wie Du, vielleicht bin ich auch nicht so nett wie Du. Aber vor allem eines haben wir nicht gemeinsam: unsere Vergangenheit."

Gero S. lebt bei seiner alleinerziehenden Mutter, die in der Mediathek des Gymnasiums angestellt ist. Der Junge gilt schon früh als begabt, laut Gutachter hat er einen IQ von 136. Doch er fällt vor allem unangenehm auf - durch gewaltverherrlichende Zeichnungen und faschistoide Einstellungen.

Das Verhältnis zwischen Sohn und Mutter gilt als gestört. Sie soll ihm mehrfach gesagt haben, er sei "nicht gewollt". So erzählte er es selbst. Und dass er manchmal eingesperrt werde. Vor Gericht schilderte eine Betreuungslehrerin, dass Gespräche mit der Mutter eingestellt wurden. "Sie brachten einfach nichts."



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