Lehrerin als Stalking-Opfer "Gero war eine tickende Zeitbombe"

Von , Bremen

3. Teil: "Gejammer der Lehrer finde ich unverschämt"


In den Jahren 2002 und 2005 stalkt Gero S. zwei Mädchen, legt ihnen Geschenke vor die Tür. Als sie auf Distanz gehen, schreibt er hasserfüllte Briefe und droht damit, Raketen auf die Häuser ihrer Eltern abzufeuern. Eines der Mädchen, so berichtet es eine Lehrerin vor Gericht, habe noch heute Angst vor Gero S.

In einer E-Mail an Heike Block schreibt er von "Wut (…) gegen Euch Lehrer". "Mir dann von verschiedenen Lehrern deren Gejammer noch anzuhören, wie anstrengend bei Euch alles manchmal ist, finde ich unverschämt."

Heike Block geht im September zum Anwalt, sie will eine einstweilige Verfügung erwirken. In ihrem Protokoll notiert sie, dass Rektor Gerd S. jedoch dafür kein Verständnis habe. Vor Gericht streitet Gerd S. auch das ab. Er habe davon nichts gewusst, ebenso wenig habe er E-Mails von Gero an seine Lehrerin gelesen.

Heike Block aber protokolliert: "Herr S. übergibt mir die gelesenen E-Mails im Lehrerzimmer vor Zeugen."

Heike Block führte dezidiert Buch über das krankhafte Verhalten ihres Schülers, als habe sie geahnt, dass ihre Aufzeichnungen eines Tages Gegenstand eines Prozesses werden würden. Es half ihr nicht.

Ihr Mörder stellte sich nach der Tat, ist geständig. "Unsere Aufgabenstellung ist es, über Gero S. zu urteilen", betont Richter Kellermann während des Verfahrens des Öfteren. "Ob diese Tat prognostizierbar war, ist nicht zu sagen und auch nicht Gegenstand dieser Verhandlung." Inwiefern der Schulleiter Verantwortung auf sich geladen habe, das werde die Kammer nicht entscheiden.

Für Heike Blocks Familie aber ist das Protokoll ein Beleg dafür, dass der Leiter des Gymnasiums nicht seiner Fürsorgepflicht gegenüber der 35-Jährigen nachgekommen ist. Es gehe an Schulen primär um den Schutz der Schüler, darum, diese zum Abschluss zu führen, sagt Heike Blocks Bruder. "Aber wer schützt die Lehrer?"

Wie viele Männer hatte sie? Führte sie ein Poesiealbum?

Erst als Gero S. im März 2009 - wenige Tage nach dem Amoklauf von Winnenden - in einer Facharbeit über Recht und Gerechtigkeit schwadroniert, für die er sorgen wolle, schlägt der Rektor Alarm. Er will den Jungen zwangseinweisen lassen. "Ich habe eine Gefahr für die Lehrerschaft gesehen, aber nicht für eine einzelne Person", beteuert der Schulleiter vor Gericht. Auch von den beiden Stalking-Fällen will er erst spät erfahren haben.

Die Polizei bestätigt "eine allgemeine Gefährdungslage", das Amtsgericht lehnt eine Einweisung jedoch ab. Gero S. fühlt sich verraten - von Heike Block und vom Rektor. Gero verlässt ohne Abitur die Schule und geht zur Bundeswehr.

Heike Block atmet auf. Sie ahnt nicht, dass Gero S. bereits am 3. November 2008 den Entschluss gefasst hatte, sie zu ermorden.

Er installierte damals an Autobahnabfahrten Videokameras, um herauszufinden, wo seine Lehrerin wohnt. Als er sie in Bremen-St.-Magnus ausfindig macht, hockt er sich ins Gebüsch und fotografiert die alleinlebende Pädagogin. Mehrfach fährt er nach Hamburg, um das Haus ihrer Eltern auszuspionieren. Zu Hause entwirft er einen 260-seitigen Katalog mit 6500 Fragen an Heike Block. Wie viele Männer sie hatte, welche sexuellen Erlebnisse, führte sie ein Poesiealbum?

Sechs Tage vor Weihnachten radelt Gero S. zum Parkplatz seiner alten Schule, klemmt einen Peilsender unter Heike Blocks silbernen Mini Cooper. Bei eisiger Kälte fährt er mit dem Rad nach St. Magnus, kauert sich ins Gebüsch und verfolgt via Handy, welche Route die 35-Jährige fährt. In der Jackentasche hat er zwei Messer, im Rucksack Kabelbinder, eine Digitalkamera, der Fragenkatalog ist auf einem USB-Stick gespeichert. Er will sie 48 Stunden lang in ihrer Wohnung verhören, danach töten.



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