Lehrerin als Stalking-Opfer "Gero war eine tickende Zeitbombe"

Von , Bremen

4. Teil: "Ich habe einen Menschen umgebracht, bitte holen Sie mich ab"


Als Heike Block gegen 14.30 Uhr an jenem 18. Dezember parkt, rennt Gero S. auf sie zu, fuchtelt mit einer Pistolenattrappe vor ihr herum. Die Lehrerin schlägt sie ihm aus der Hand, schreit laut um Hilfe. Der 21-Jährige zieht eines der Messer, sticht wie von Sinnen auf sie ein. Mehr als 20-mal.

Danach steht Gero S. auf, macht Lockerungsübungen, dann ruft er selbst die Polizei. "Ich habe einen Menschen umgebracht, bitte holen Sie mich ab."

Er habe selten einen Fall erlebt, bei dem es so viele Warnsignale für ein Verbrechen gegeben habe, sagte Staatsanwalt Uwe Picard. Doch was hat es genutzt?

Nach Angaben von Lehrern, die noch immer am Gymnasium Osterholz-Scharmbeck arbeiten, hat sich nach dem Mord an Heike Block nichts geändert. "Es gab bisher keine Aufarbeitung, keine Gespräche, keinen Notfallplan für ähnliche Fälle oder Neuerungen, wie man auffällige Schüler besser im Blick behalten könnte. Das Einzige, was bleibt, ist die Angst vor dem Rektor und seiner Alleinherrschaft", sagt einer. Eine Kollegin sagt: "Der Schulleiter hat den Fall unterschätzt. Das kann jeden Tag an jeder Schule passieren."

"Wir müssen unseren Frieden finden"

Rektor Gerd S. war für eine Stellungnahme auf SPIEGEL ONLINE nicht erreichbar. In einem offenen Brief hatten der Schulvorstand und das Lehrerkollegium die Vorwürfe gegen den Rektor bereits im Mai 2010 zurückgewiesen und betont, an der Schule herrsche "keine Atmosphäre der Angst". Sowohl Lehrern als auch Schülern würde "bei Problemen bestmöglich" zur Seite gestanden.

Zwei Dienstaufsichtsbeschwerden gegen den Schulleiter wurden bereits abgelehnt - beide wurden von Lehrern initiiert. Über die der Eltern Block soll nach Ende des Prozesses gegen Gero S. entschieden werden.

Aus dem Kollegium ist zu hören, dass die Schulverwaltung das Urteil gegen Gero S. herbeisehne, um den Fall Heike Block endlich zu den Akten legen zu können.

Ein Schritt, zu dem sich auch die Eltern der ermordeten Lehrerin durchringen müssen. "Wir haben als Familie besprochen, dass wir nach der Urteilsverkündung nicht mehr länger gegen Windmühlen ankämpfen wollen", sagt Wilfried Block. "Wir müssen - auch aus Selbstschutz - unseren Frieden finden. Ansonsten gehen wir zugrunde. Unsere Tochter hat sich bemüht und in ihrem Beruf alles gegeben. Sie hat es mit ihrem Leben bezahlt."



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