Gewalt in der Leipziger Silvesternacht Das Chaos von Connewitz

Was genau geschah während der Ausschreitungen in der Leipziger Silvesternacht? Ein Video weckt Zweifel an bisherigen Darstellungen der Polizei.
Polizisten räumen das Connewitzer Kreuz in Leipzig: Kampf um die Deutungshoheit

Polizisten räumen das Connewitzer Kreuz in Leipzig: Kampf um die Deutungshoheit

Foto: Sebastian Willnow/ DPA

Die Ausschreitungen am frühen Neujahrsmorgen im Leipziger Süden haben eine bundesweite Debatte ausgelöst - über Linksradikalismus ebenso wie über Gewalt von und gegen Polizisten. Der Kampf um die Deutungshoheit ist im vollen Gange, obwohl noch immer nicht ganz klar ist, was genau rund um das Connewitzer Kreuz in den ersten Stunden des neuen Jahres geschah.

Fest steht: Die Behörden haben nach den Vorfällen im linksalternativen Stadtteil Connewitz mehrere mutmaßliche Randalierer verhaftet, in einem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Mordversuchs an einem Beamten. Insgesamt gibt es 13 Verdächtige, der erste Prozess gegen einen 27-Jährigen beginnt bereits am Mittwoch vor dem Amtsgericht Leipzig.

Fest steht auch: Die ursprünglichen dramatischen Formulierungen von der "Notoperation" eines Beamten zog die Polizei inzwischen zurück - nachdem die "Tageszeitung" unter Berufung auf Krankenhauskreise diese Darstellung in Zweifel gezogen hatte .

Nun berichten mehrere Medien, darunter "Zeit Online"  und die "taz", über ein Amateurvideo, das einen Teil des Geschehens dokumentieren soll. Der Clip ist etwa eine Minute lang und teilweise wackelig, er zeigt nur einen kleinen Ausschnitt der fraglichen Vorgänge. Für einige der strittigen Punkte dürften die Aufnahmen dennoch aufschlussreich sein:

  • Welche Rolle spielt die Einkaufswagen-Attacke?

Die Polizei hatte noch in der Silvesternacht mitgeteilt , eine "Gruppe von Gewalttätern" habe versucht, einen brennenden Einkaufswagen "mitten in eine Einheit der Bereitschaftspolizei zu schieben". Rasch übernahm die auf Linksextremismus spezialisierte "Soko LinX" im Landeskriminalamt (LKA) die Ermittlungen. Am 2. Januar hieß es in einer Pressemitteilung  von LKA und Staatsanwaltschaft nur noch, der Einkaufswagen sei "in Richtung der Polizeibeamten" geschoben worden.

In dem jetzt veröffentlichten Video ist ein brennender Einkaufswagen, der mit bemalter Pappe als Polizeiauto verkleidet ist, nur für wenige Sekunden zu sehen: Eine Person schiebt ihn im Laufschritt über die Kreuzung, dann verschwindet er links aus dem Bild.

Brennender Einkaufswagen auf dem Connewitzer Kreuz: "Steine, Flaschen und Feuerwerkskörper"

Brennender Einkaufswagen auf dem Connewitzer Kreuz: "Steine, Flaschen und Feuerwerkskörper"

Foto: Sebastian Willnow/ DPA

Ob sich dort tatsächlich Polizisten befanden, ist aus der Aufnahme nicht ersichtlich - auch nicht, wie und wo genau der Einkaufswagen zum Stehen kommt. Die Beamten, um die es im weiteren Verlauf des Geschehens gehen wird, befinden sich dem Video zufolge an einer anderen Stelle auf der Kreuzung.

Der Sprecher der Leipziger Ermittlungsbehörde, Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz, sagte dazu nun: "Welche Rolle der Einkaufswagen spielt, müssen die Ermittlungen zeigen." Es lasse sich "noch nicht abschließend" sagen, in welchem Zusammenhang er zu den Angriffen auf die Polizisten stehe.

  • War es ein geplanter Angriff auf die Polizei?

Die Polizei meldete am 2. Januar, Bereitschaftspolizisten seien auf dem Connewitzer Kreuz "mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern" beworfen worden. 20 bis 30 Täter, von denen einige vermummt gewesen seien, hätten zudem mehreren Beamten die Helme vom Kopf gerissen, sie zu Fall gebracht und attackiert.

Viele Details dieser Darstellung belegt das nun vorliegende Video nicht - es widerlegt sie aber auch nicht. Zu sehen ist etwa, wie ein Polizist zu Boden gebracht wird und wie ein Angreifer mit einer Art Karatetritt einen anderen Beamten angreift. Zudem fliegen Feuerwerkskörper direkt in Richtung der Polizei. Im Hintergrund sind zudem Rufe zu hören: "Verpisst euch" und "Haut ab, ihr Schweine".

Gegen Ende des Videos ist schließlich zu sehen, wie ein offenkundig verletzter Beamter von Kollegen weggebracht wird. Die Beine des Mannes schleifen kraftlos über die Straße. Mit Blick auf diese Videoaufnahme spricht viel dafür, dass Polizisten gezielt attackiert wurden - sonderlich geplant oder orchestriert wirkt das Geschehen in dieser Sequenz indes nicht.

  • Wurde einem Polizisten brutal der Helm vom Kopf gerissen?

Einen Beamten sollen unbekannte Täter auf besonders brutale Art angegriffen haben: Den Ermittlern zufolge rissen sie ihm den Helm vom Kopf und übten massive Gewalt gegen Körper und Kopf aus.

Der 38-Jährige kam offiziellen Angaben zufolge mit einem Schädel-Hirn-Trauma sowie einer schweren Verletzung am Ohr ins Krankenhaus, wo er operiert wurde. Auf dem Video lässt sich nicht erkennen, ob Polizisten die Helme vom Kopf gerissen wurden. Deutlich zu sehen ist lediglich, dass nicht alle Einsatzkräfte Helme trugen. Oberstaatsanwalt Schulz betonte, die bisherige Darstellung der Ermittler beruhe auf ersten Erkenntnissen.

Offenbar gibt es inzwischen auch bei den Ermittlern Zweifel an dieser ursprünglichen Schilderung des Hergangs. "Wir werden überprüfen, wie es dazu kam, dass die Polizisten keine Helme mehr auf dem Kopf hatten", sagte Schulz. Das nun veröffentlichte Video könne dabei womöglich helfen. "Wir müssen sehen, ob wir das aufklären können."

Polizeieinsatz in Leipzig-Connewitz: "Ein enorm dynamisches Geschehen"

Polizeieinsatz in Leipzig-Connewitz: "Ein enorm dynamisches Geschehen"

Foto: Sebastian Willnow/ dpa

Welche Beweismittel den Ermittlern vorliegen, etwa in Form von Videos, wollte Schulz nicht sagen. Ein Zeugenaufruf vom 2. Januar sei ohne Resonanz geblieben. Niemand habe sich gemeldet, auch Bildmaterial sei der Polizei nicht übergeben worden. Das neue Video habe man erst durch die Veröffentlichung in den Medien sehen können. "Es wird im Rahmen der Ermittlungen Berücksichtigung finden."

  • Ist der Vorfall als Mordanschlag zu werten?

Die "Soko LinX" ermittelt wegen versuchten Mordes. Der Tod des Mannes sei billigend in Kauf genommen worden. Die Staatsanwaltschaft geht eigenen Angaben zufolge von niedrigen Beweggründen aus: Der Mann sei attackiert worden, weil er Polizist ist.

Oberstaatsanwalt Schulz sagte nun, man sehe "im Moment keine Veranlassung, vom Anfangsverdacht des versuchten Mordes" abzuweichen. Die Art, wie der Polizist attackiert wurde, lasse den Schluss zu: "Wer so zutritt, nimmt billigend in Kauf, dass jemand zu Tode kommt." Details des Tatablaufs seien indes unklar, räumte er ein. "Es war ein enorm dynamisches Geschehen."

Schulz betonte, das Video belege den grundsätzlichen Sachverhalt. "Eine Gruppe gewaltbereiter Personen suchte die körperliche Auseinandersetzung mit der Polizei" und habe "massiv auf die Beamten eingewirkt". Der Oberstaatsanwalt verwies auf den Karatesprung ins Kreuz eines Polizisten, den man auf dem Video erkennen kann.

Wie erklärt die Polizei ihre Kommunikation?

Erst auf Nachfrage hatte die Polizei eingeräumt, dass Teile ihrer ersten Darstellung der Vorfälle nicht stimmten oder übertrieben dargestellt waren. So hatten die Behörden am Freitag die Darstellung zurückziehen müssen, wonach der am Ohr verletzte Beamte notoperiert worden war.

In Polizeikreisen heißt es, es sei regelmäßig so, dass sich der Sachverhalt nach der ersten Pressemitteilung verändere. Basis sei stets die Einsatzdokumentation, die auf Funksprüchen von Polizisten vor Ort basiere. Das Risiko, dass bei der Übertragung nicht jedes Detail korrekt sei, könne man nicht eliminieren.

Ein Sprecher der Polizeidirektion Leipzig wollte sich zu dem Sachverhalt nicht äußern und verwies auf LKA und Staatsanwaltschaft. Eine LKA-Sprecherin sagte, die Polizei habe eigenes Videomaterial über die Vorfälle, das in die laufenden Ermittlungen einfließe. Was auf diesen Videos zu sehen ist, wollte sie nicht sagen.