Polizist in Leipzig verletzt Was über den Vorfall in Connewitz bekannt ist

Nach dem Angriff auf einen Polizisten in Leipzig-Connewitz ermitteln die Behörden wegen versuchten Mordes. Doch es gibt auch Kritik an dem Einsatz in der Silvesternacht. Der Überblick.
Connewitz: Dieser als Streifenwagen dekorierte Einkaufswagen trug laut Polizei zur Eskalation bei

Connewitz: Dieser als Streifenwagen dekorierte Einkaufswagen trug laut Polizei zur Eskalation bei

Foto: Sebastian Willnow/ DPA

Hunderte Menschen wollten am Connewitzer Kreuz in Leipzig ins neue Jahr feiern - doch kurz nach Mitternacht eskalierte die Situation. Die Polizei lieferte sich Auseinandersetzungen mit mehreren Gewalttätern. Dabei wurde ein Beamter nach Polizeiangaben schwer verletzt.

Der Vorfall hat Entsetzen und heftige politische Debatten weit über Leipzig hinaus ausgelöst. Die Behörden ermitteln inzwischen wegen versuchten Mordes und vermuten ein linksextremes Motiv. Der Vorfall wirft viele Fragen auf - hier die wichtigsten Antworten im Überblick:

Was ist in der Silvesternacht in Connewitz passiert?

Am Rande von Neujahrsfeierlichkeiten in dem linksalternativ geprägten Viertel hielten sich laut Polizeiangaben mehr als 1000 Menschen am Connewitzer Kreuz auf. Um kurz nach Mitternacht wurde ein Beamter der Bereitschaftspolizei angegriffen und schwer verletzt. Dem 38-Jährigen wurde dabei der Helm vom Kopf gerissen. Der Polizist verlor das Bewusstsein und musste ins Krankenhaus gebracht werden, wo er operiert wurde.

Dem Mann, der sich weiterhin zur stationären Behandlung im Krankenhaus befindet, gehe es "den Umständen entsprechend", sagte der Polizeisprecher dem SPIEGEL. "Es besteht keine Lebensgefahr." Der Sprecher des sächsischen Landeskriminalamts (LKA), Tom Bernhardt, sagte, der 38-jährige Polizist sei derzeit jedoch nur "bedingt aussagefähig".

Bei weiteren Zusammenstößen wurden nach Polizeiangaben zudem 22 Beamte leicht verletzt. Auch eine Person, die vorläufig festgenommen wurde, sei verletzt gewesen, sagte ein Polizeisprecher.

Was ist der Stand der Ermittlungen?

Die vom LKA Sachsen geführte Soko "LinX" ermittelt im Fall des verletzten 38-Jährigen wegen versuchten Mordes weiterhin gegen unbekannt. Eine politisch links motivierte Straftat sei "die wahrscheinlichste These", sagte LKA-Sprecher Bernhardt dem SPIEGEL und verwies auf "Erfahrungen und Szenekenntnisse" der Sicherheitsbehörden. Man ermittle aber "in alle Richtungen".

Wegen Flaschenwürfen und des Einsatzes von Pyrotechnik gegen Beamte wurden laut LKA zwölf weitere Ermittlungsverfahren eingeleitet, zudem eines wegen Landfriedensbruchs. Zehn tatverdächtige Personen seien vorläufig festgenommen, sechs von ihnen mangels Haftgründen am Donnerstag aber wieder entlassen worden. Nach LKA-Angaben handelt es sich um eine 25-jährige Frau und neun Männer im Alter von 20 bis 32 Jahren. Zwei nicht näher beschriebene Personen seien bereits am Neujahrsmorgen freigekommen.

Gegen die übrigen vier Verdächtigen beantragte die Staatsanwaltschaft Haftbefehle beim Ermittlungsrichter des Amtsgerichts Leipzig. Ihnen werden unter anderem tätliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamte sowie Körperverletzung vorgeworfen.

Die Soko "LinX" wurde Anfang November 2019 ins Leben gerufen und soll nach Aussage von Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) "den Druck auf die linksextremistische Szene in Leipzig" erhöhen.

Wie stellt die Polizei den schweren Angriff auf den Beamten dar?

Die Polizei Sachsen teilte am Silvesterabend mit, es würden "vereinzelt Personenkontrollen" durchgeführt, "damit Silvester für alle Feiernden in Leipzig möglichst sicher und störungsfrei verläuft" - das sollte auch ihre Präsenz im Stadtteil Connewitz erklären.

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Einer LKA-Mitteilung vom Donnerstag zufolge  war die Gegend aufgrund mehrerer Veranstaltungen ein "räumlicher Einsatzschwerpunkt". Wie das LKA weiter mitteilte, seien Beamte der Bereitschaftspolizei ab 0.15 Uhr aus einer größeren Gruppe "mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern beworfen" worden. Zudem sei ein brennender Einkaufswagen, der als Streifenwagen dekoriert war, in Richtung der Beamten geschoben worden.

Drei Bereitschaftspolizisten seien bei dem Versuch, einen der Täter festzunehmen, "zwischen der Mittelinsel des Connewitzer Kreuzes und der Bornaischen Straße durch etwa 20 bis 30 Personen angegriffen" worden. Diese seien "zumindest teilweise vermummt" gewesen. "Die Täter rissen den Beamten die Einsatzhelme vom Kopf, brachten diese zu Fall und wirkten massiv auf sie ein", heißt es weiter. Dabei sei ein Polizist schwer, zwei weitere "nicht unerheblich" verletzt worden. Nähere Angaben wollte eine LKA-Sprecherin unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht machen. Entgegen erster Angaben seien die Beamten aber nicht mit Pyrotechnik attackiert worden, sagte Ricardo Schulz, Sprecher der Staatsanwaltschaft Leipzig.

Augenzeugenberichte zu dem Vorfall widersprechen dieser Darstellung zum Teil. Welche Punkte sind strittig?

Es ist vor allem umstritten, was genau die gewalttätigen Auseinandersetzungen auslöste: Während die Polizei auf Twitter "vermeintlich 'friedlich' feiernde Personen" verantwortlich macht, sprechen mehrere angebliche Augenzeugen  auf Twitter von aggressivem Verhalten der Beamten .

Die sächsische Landtagsabgeordnete Juliane Nagel (Linke), die auch dem Leipziger Stadtrat angehört, kritisierte das Vorgehen der Einsatzkräfte als "ekelhafte Polizeigewalt" und "kalkulierte Provokation". Auf ihrer Internetseite gab sie an, selbst in der Silvesternacht am Connewitzer Kreuz gewesen zu sein. "Immer wieder rannten Polizeigruppen in Menschenansammlungen, rannten dabei Menschen um, verletzten Menschen. Daraufhin wurde die Polizei beworfen. Dies wiederholte sich immer und immer wieder", schrieb Nagel.

Auch die Vizechefin der örtlichen SPD, Irena Rudolph-Kokot, warf der Polizei in der "Leipziger Volkszeitung" eine "eskalierende Einsatztaktik" vor.

Welche Details werden unterschiedlich dargestellt?

Die ursprügliche Darstellung der Polizei des "schwer verletzten" Polizisten, der "notoperiert werden musste", wurde von der Berichterstattung der "tageszeitung" ("taz"  in Frage gestellt. Die "taz" wollte "aus Krankenhauskreisen" erfahren haben, dass der Beamte unter lokaler Betäubung an der Ohrmuschel behandelt worden sei. Eine Gefahr für sein Leben oder seine Hörkraft habe nicht bestanden. Auf Nachfrage des SPIEGEL blieb das LKA Sachsen allerdings weiter bei seiner Darstellung.

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Der Leipziger Polizeipräsident Torsten Schultze sagte in einem Interview der Leipziger Volkszeitung , der Polizist habe "ein Schädel-Hirn-Trauma" erlitten.

Warum bringt die Polizei die Ausschreitungen mit der linksautonomen Szene in Verbindung?

Der Stadtteil im Süden Leipzigs ist bundesweit bekannt für seinen alternativen Charakter, als Anlaufstelle und Zentrum für Linke und Autonome - ein politisches Viertel mit vielen Freiräumen, Kneipen, Kunst, Kultur. Allerdings kommt es in Connewitz auch häufiger zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Zudem ist der Stadtteil ein Paradebeispiel für Gentrifizierung: Wohnungen werden saniert, Neubauten entstehen, vorwiegend im höheren Preissegment. In den vergangenen zehn Jahren sind die Mieten in Connewitz um rund 30 Prozent gestiegen. Anwohner fürchten, aus ihrem Viertel gedrängt zu werden. Dass der Ärger über die Veränderung auch in Gewalt umschlagen kann, zeigte sich in den vergangenen Monaten in Leipzig: Immobilienunternehmen und deren Mitarbeiter wurden vermehrt zum Ziel von Angriffen .

Aktualisierung: Die Polizei hat ihre Aussage über die angebliche Notoperation am 3. Januar zurückgezogen. Eine Meldung dazu lesen Sie hier.

Mit Material von dpa