Vergewaltigungsfall in Stanford "Sie ist jemand"

Eine bewusstlose Frau wird nach einer Party an der Elite-Uni Stanford vergewaltigt. Ihr Peiniger kommt mit sechs Monaten Gefängnis davon. Nun hat sich "Girls"-Star Lena Dunham per Video mit dem Opfer solidarisiert.

AP/ The Recorder

Barfuß stehen sie da, vier Frauen vor einer weißen Wand. Kein Glamour, kein Schnickschnack. "Sie ist jemand" - wie ein Mantra wiederholen die Frauen diese Worte, bis sie dem Zuschauer dröhnend im Kopf widerhallen. Die Frauen, das sind Lena Dunham, Allison Williams, Jemima Kirke und Zosia Mamet - die Stars der Serie "Girls" - und sie haben eine Botschaft.

"Ich widme dies hier der tapferen Überlebenden des Stanford-Falls, die so viel gegeben hat, um die Diskussion zu ändern." Mit diesen Worten hat Lena Dunham das Video auf Twitter geteilt, in dem die vier Schauspielerinnen dem Opfer einer Vergewaltigung an der US-Elite-Universität Stanford Mut zusprechen - und Konsequenzen für den Umgang mit sexueller Gewalt in der Gesellschaft fordern.

Die 23-jährige Frau wurde im vergangenen Jahr von Brock Turner, einem 20-jährigen ehemaligen Athleten der Universität, vergewaltigt. Die Tat geschah nach einer Party der Studentenverbindung Kappa Alpha. Zwei Absolventen der Universität, die mit ihren Fahrrädern vorbeifuhren, hatten bemerkt, wie sich Turner hinter einem Müllcontainer an der bewusstlosen Frau vergangen hatte. Erst drei Stunden nach dem Überfall kam die 23-Jährige im Krankenhaus wieder zu sich.

Eine von fünf Frauen

"Es gibt vieles, worüber wir uns nicht einig sind", erklären die Schauspielerinnen in ihrem Video. "Aber eine Sache ist für uns vollkommen klar." Dann folgen Zahlen der Zentren für Krankheitskontrolle (CDC). Eine von fünf Frauen werde in ihrem Leben Opfer eines sexuellen Übergriffs, in 80 Prozent der Fälle ginge der Angriff von einem Bekannten aus und eines von vier Mädchen werde sexuell missbraucht, bevor es 18 Jahre alt werde.

"Warum reagieren wir als Gesellschaft darauf mit Unglauben, Schweigen und Beschämungen", fragen Dunham und ihre Kolleginnen. Ihre Forderungen: "Zuhören, unterstützen, handeln." Sie würden hoffentlich die Unterstützung repräsentieren, die jedem Überlebenden zustehe.

"Nicht, weil sie jemandes Tochter ist, jemandes Freundin oder jemandes Schwester", sagen die Frauen in dem Video. "Weil sie jemand ist." Dann küssen sich Dunham und ihre Kolleginnen die Hände, an denen sie sich gegenseitig festhalten.

"Du kennst mich nicht, aber du warst in mir"

Der Vergewaltigungsfall von Stanford hatte in den USA landesweit Bestürzung ausgelöst und für Kontroversen gesorgt. Eine Jury hatte den 20-jährigen Brock Turner mehrerer Verbrechen für schuldig befunden - darunter auch eines Angriffs mit der Absicht, das Opfer zu vergewaltigen. Der hatte sich darauf berufen, während der Tat, wie sein Opfer, stark betrunken gewesen zu sein.

In einer flammenden Erklärung, die die Frau vor Gericht verlas, und die auf der Seite "Buzzfeed" in ganzer Länge veröffentlicht wurde, hatte die Frau ihren Peiniger mit seiner Tat und ihren Auswirkungen konfrontiert. "Du kennst mich nicht, aber du warst in mir", eröffnete sie ihre Anklage. Dann schilderte sie die entwürdigenden Folgen der Tat, unter der sie noch ein Jahr später jeden Tag leide.

Ein Angriff sei kein Unfall, warf die 23-Jährige dem Täter vor, der sie entkleidet, mit den Fingern penetriert und sich an ihrem bewusstlosen Körper gerieben hatte. "Du hast mich mit dir in die Hölle gezogen, mich wieder und wieder in diese Nacht gestürzt", erklärte sie. Sein Schaden sei konkret, man habe ihm seine Privilegien genommen. Die Universität Stanford hatte Turner untersagt, den Campus zu betreten - ob als Student oder als Besucher. Ihr Schaden hingegen sei unsichtbar. "Ich bin ein menschliches Wesen, das unwiederbringlich verletzt wurde."

Drei Monate Haft, lebenslange Verletzung

Brock Turners Strafe fiel trotzdem milde aus. Der Richter, Aaron Perksy, ebenfalls ein früherer Stanford-Student und -Sportler, begründete die sechs Monate Haft für den ehemaligen Schwimmstar mit dessen Jugend und seiner bisherigen Straffreiheit. "Eine Gefängnisstrafe hätte schwere Auswirkungen auf ihn."

Dem "Guardian" zufolge wird Turner wahrscheinlich nicht länger als drei Monate der Strafe absitzen müssen. Das Urteil hatte dementsprechend starke Proteste ausgelöst, die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre Haft gefordert. Eine Onlinepetition, in der die Amtsenthebung von Persky gefordert wird, hat derzeit mehr als 800.000 Unterstützer. Dem Vater des Täters, Dan Turner, ging das Urteil hingegen noch zu weit. In einem Brief an Persky erklärte er, die Strafe sei viel zu harsch für "20 Minuten Action". Auch Brock Turner veröffentlichte einen Brief, in dem er sich über seine Behandlung beklagte. Er wolle eine "Stimmer der Vernunft" sein und junge Menschen vor den Folgen überhöhten Alkoholkonsums warnen, heißt es in dem Schreiben, das dem "Guardian" vorliegt.

In ihrer Erklärung sprach die Frau anderen Opfern sexueller Gewalt selbst Mut zu. "An Mädchen überall, ich bin bei euch." Zuvor hatte sie den Menschen gedankt, die ihr durch die schwere Zeit geholfen hätten, darunter auch den beiden Studenten, die die Tat entdeckten und Turner stellten. "Ich schlafe mit zwei gezeichneten Fahrrädern über meinem Bett, um mich daran zu erinnern, dass es Helden in dieser Geschichte gibt."

cne

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.