Letzte Ausgabe von "News of the World" Journalisten entschuldigen sich bei ihren Lesern

Das britische Boulevardblatt "News of the World" liegt zum letzten Mal am Kiosk. Leser bekommen darin Geschichten über Kate Middleton, David Beckham und Boris Becker serviert - und ernste Worte der Redakteure zu dem großen Abhörskandal.

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London - Nach einer Woche voller skandalöser Enthüllungen erscheint heute die letzte Ausgabe der britischen Sonntagszeitung "News of the World". Mit der schlichten Schlagzeile "Thank You & Goodbye" (Danke und Auf Wiedersehen) verabschiedet sich die durch einen Abhörskandal zu Fall gebrachte Boulevardzeitung von ihren Lesern. Die Redakteure schrieben einen Nachruf auf das seit 168 Jahren bestehende Blatt, bevor sie die letzte Ausgabe in der Nacht auf Sonntag in Druck gaben.

In dem Text entschuldigen sich die Journalisten dafür, ihre Leser enttäuscht zu haben. Zu den Vorwürfen, unter anderem Schmiergelder an Polizisten gezahlt zu haben, äußerten sie sich nicht.

Rupert Murdoch, australischstämmiger Medienmogul und Besitzer des Blatts, hatte erst am Donnerstag entschieden, die Zeitung einzustellen, weil Mitarbeiter über Jahre die Telefone von Prominenten, aber auch Angehörigen getöteter Soldaten sowie eines ermordeten jungen Mädchens abgehört und Polizisten für Informationen bezahlt haben sollen. Scotland Yard zufolge sollen bis zu 4000 Menschen angezapft worden sein. Im Laufe der vergangenen Woche hatten immer mehr Firmen ihre Anzeigen für die anstehende Ausgabe des Sonntagsblattes zurückzogen.

"Wir sind ganz einfach vom Weg abgekommen. Telefone wurden abgehört und das tut uns wirklich leid", schreiben Mitarbeiter auf der Web-Seite der Zeitung. "Wir haben hohe Standards gelobt und gefordert, aber - wie wir uns jetzt schmerzlich bewusst sind - sind manche, die für uns gearbeitet haben, bis 2006 einige Jahre lang diesen Standards auf beschämende Weise nicht gerecht geworden."

"Die beste Zeitung der Welt"

In der letzten Ausgabe von "News of the World" haben die Redakteure nicht nur Worte des Bedauerns, sondern auch Worte des Lobs übrig. "Die beste Zeitung der Welt 1843-2011" ist auf der Titelseite der letzten Ausgabe zu lesen. "Nach 168 Jahren sagen wir traurig, aber sehr stolz unseren 7,5 Millionen Lesern Lebwohl", heißt es in einer zweiten Überschrift.

Die Vorder- und Rückseite zeigen Collagen mit Bildern von Erfolgsstorys der Zeitung. In einer 48 Seiten dicken Souvenirbeilage erinnern die Redakteure an die spektakulärsten - und teils auch stark umstrittenen - Titelseiten. Zum Beispiel an den Auftakt zu einer Serie im Jahr 2000, als das Blatt die Namen von 110.000 verurteilten Kinderschändern veröffentlichte, um auf diese Weise den Mordfall an der kleinen Sarah Payne zu begleiten. Auch die Titelgeschichte um Boris Becker und sein angeblich in einer Besenkammer gezeugtes Kind schaffte es noch einmal in die "News of the World".

Die Ersten, die die Titelseite der 8674. und letzten Ausgabe von "News of the World" zu Gesicht bekamen, waren Reporter und Kamerateams anderer Medien, die am Samstagabend vor dem Redaktionsgebäude in London warteten. Laut einem Bericht der "Financial Times" (FT) vergingen mehrere Stunden, bis sich "News of the World"-Redakteure blicken ließen und um 21.15 Uhr einen Ausdruck des Covers präsentierten.

Die Stimmung sei düster gewesen, die Mitarbeiter der Zeitung sehr zurückhaltend. Rotgeweinte Augen und traurige Gesichter jedoch hätten Aussagen einer Journalistin zufolge Bände gesprochen. Vereinzelt kommentierten die mitgenommenen Redakteure aber doch die Augenblicke, die sich hinter den Kulissen abgespielt haben, seit Murdoch die Schließung beschlossen hatte: Die meisten Mitarbeiten seien geschockt gewesen, andere gar zusammengebrochen.

Zeitung als Souvenir

Vor allem Murdochs Ankündigung, Rebekah Brooks bleibe Chefin von News International, dem britischen Arm seines Konzerns News Corp., hatte viele Redakteure aufgebracht. Die 43-Jährige war zwischen 2000 und 2003 Chefredakteurin von "News of the World" - in dieser Zeit soll sich ein Teil des Skandals abgespielt haben.

Auch viele Bürger zeigen sich entsetzt über die Schließung der Zeitung. In einem Kiosk im Londoner Stadtteil Kingston fand die letzte Ausgabe reißenden Absatz. "Das Blatt ist eine britische Tradition", sagt ein Käufer, der sich am heutigen Sonntag seine "Souvenirausgabe" sicherte. "Und jetzt kommen die Australier und machen sie zu." Es sei den Redakteuren gegenüber nicht fair, sie so zu behandeln.

Noch ist völlig unklar, wie es für sie weitergeht. Klar ist nur: Für die "News of the World" werden sie nicht mehr schreiben. Ein letztes Mal sind heute Nachrichten aus dem Königshaus und der Welt der Promis zu lesen: Wie Kate Middleton in Los Angeles David Beckham traf, außerdem Fotos von Gwyneth Paltrow und dem Dessous-Model Florence Brudenell-Bruce, mit dem sich Prinz Harry seit Wochen treffen soll.

Zwischen Ermittlungen und Ethik

Mit dem Ende der Zeitung beginnt für Politiker und Ermittler die Aufklärungsarbeit. Premierminister David Cameron hatte angekündigt, nach der derzeit laufenden polizeilichen Untersuchung solle eine unabhängige Kommission dem Skandal auf den Grund gehen. Zudem werde es künftig einen Ausschuss geben, der die enge Verbindung zwischen Politik und Presse im Vereinigten Königreich beleuchten und die dahinter stehende Ethik sowie die Praktiken untersuchen soll.

Die britischen Behörden haben bisher drei Verdächtige im Zusammenhang mit dem Abhörskandal festgenommen. Zuletzt wurde nach Angaben der Polizei vom Freitagabend ein 63-jähriger Mann südlich von London unter dem Verdacht der Korruption in Gewahrsam genommen.

Zuvor waren bereits zwei weitere Männer im Zusammenhang mit der Affäre festgenommen worden. Dabei handelte es sich um Clive Goodman, der früher für die "News of the World" als Chefkorrespondent für das Königshaus tätig war, und den ehemaligen Kommunikationschef von Cameron, Andy Coulson. Dieser war von 2003 bis 2007 Chefredakteur der "News of the World". Goodman und Coulson wurden gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt.

Die Opposition befürchtet indessen die Zerstörung von Beweisen und Dokumenten und fordert deshalb eine schnelle Untersuchung. Premierminister David Cameron müsse sicherstellen, dass noch an diesem Wochenende konkret Mitglieder für einen richterlichen Untersuchungsausschuss bestimmt würden, hieß es in einem am Samstag veröffentlichten Brief der sozialdemokratischen Labour-Partei an den Regierungssitz Downing Street 10.

Camerons Büro teilte daraufhin mit, man handle "so schnell wie möglich und wie es juristische erlaubt ist" und sei bereits auf der Suche nach einem Richter für einen Untersuchungsausschuss. Vermutlich werde es am kommenden Mittwoch Gespräche zwischen Cameron und Labour-Chef Ed Miliband geben.

jus/cvo/dapd/dpa

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