Gekaperter Lkw in Limburg "Der wollte noch weiter"

Acht Autofahrer wurden verletzt, weil ein Mann einen gekaperten Lkw in ihre Wagengruppe steuerte. Ein Betroffener schildert, wie er die Tat erlebte. Der Verdächtige sitzt wegen versuchten Mordes in Untersuchungshaft.

Yann Schreiber/ AFP

Aus Limburg berichtet


Dass es kein normaler Verkehrsunfall war, wurde Helmut Diefenbach innerhalb weniger Sekunden klar. Der Unternehmer kam gerade von einer Baustelle und einem Zahnarzttermin, als er in seinem Ford Focus an einer roten Ampel halten musste, auf der linken Spur, direkt auf Höhe des Amtsgerichts Limburg. Feierabendverkehr, einiges los. Vor ihm viele Autos, hinter ihm viele Autos, plötzlich ein lautes Krachen. "Ich dachte noch, das ist weit genug hinten, zu mir kommt's nicht mehr", sagt Diefenbach. Doch da täuschte er sich.

Als Helmut Diefenbach das erzählt, sitzt der 63-Jährige im Büro seiner Firma für Bautenschutz in Dornburg-Thalheim, wenige Kilometer nördlich von Limburg. Zwei bis drei Sekunden nach dem ersten Krachen habe es ihn erwischt, sein Wagen sei auf den des Vordermanns geschoben worden. Zuvor habe er im Rückspiegel noch gesehen, "wie in der Mitte die Autos geschoben wurden, wie sie links und rechts regelrecht weggespritzt sind".

Ein anderes Auto habe seines beiseitegedrückt, erinnert sich Diefenbach. Er sei zunächst sitzen geblieben. "Erstmal abwarten, ob da noch etwas kommt, weil das so ein Geschiebe war." Aus seiner Schockstarre löste er sich erst, als sein Wagen zu qualmen begann. Diefenbach arbeitete sich über die Beifahrertür nach draußen. Unverletzt.

Helmut Diefenbach: "Glück im Unglück"
Arno Frank

Helmut Diefenbach: "Glück im Unglück"

Noch ist es für eine endgültige Bewertung der Geschehnisse zu früh. Doch schon jetzt lässt sich sagen: Helmut Diefenbach hat viel Glück gehabt am Montag in Limburg, ebenso wie alle anderen Betroffenen.

Gegen 17.20 Uhr brachte ein Mann einen Lastwagen in seine Gewalt und rammte damit mehrere Autos. Der tatverdächtige Omar Al I. wurde von einer Gruppe zufällig anwesender Bundespolizisten noch am Tatort festgenommen. Der 32-jähriger Syrer soll sich dabei gewehrt haben, er sitzt wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr in Untersuchungshaft. Nach Informationen des SPIEGEL schwieg er vor dem Haftrichter.

Neun Menschen wurden leicht verletzt, darunter der Tatverdächtige. Sein mögliches Motiv ist noch unklar, die Staatsanwaltschaft ermittelt nach eigenen Angaben in alle Richtungen.

Omar Al I. war den Behörden nach SPIEGEL-Informationen bereits wegen gefährlicher Körperverletzung, Drogenbesitzes und Ladendiebstahls aufgefallen - nicht aber als Extremist. Seine Wohnung wurde durchsucht, Handys und USB-Sticks beschlagnahmt. Islamistisches Propagandamaterial, Waffen oder Sprengstoff wurden bislang nicht gefunden.

"Auch wenn der Tathergang an die schrecklichen Anschläge von Nizza oder Berlin erinnert, ist das Motiv des festgenommenen Mannes nach wie vor unklar", sagte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU). Der Tatverdächtige habe nach derzeitigen Erkenntnissen keine Verbindungen in die gewaltbereite islamistische Szene gehabt.

Helfer waren schnell zur Stelle

Am Tag nach dem Vorfall sind am Tatort alle Spuren gesichert. Alle Fahrzeuge sind weggeräumt, auch der weiße LKW, der halb auf dem Mittelstreifen zum Stehen gekommen war, mit zersplitterter Windschutzscheibe.

LKW am Tatort
Thorsten Wagner/ DPA

LKW am Tatort

Die Schiede ist eine Hauptverkehrsader Limburgs, sie kommt in einer sanften Kurve aus dem Zentrum, abschüssig ist es an dieser Stelle. Weiter oben, in der Diezer Straße, soll sich der Verdächtige des Mercedes Actros bemächtigt haben, der gerade "auf Lebensmitteltour im Raum Limburg" war, wie es aus der Spedition heißt. Laut Ermittlern soll er den Fahrer gewaltsam aus der Kabine gezogen haben, offenbar ohne den Einsatz von Waffen. Bevor er den ersten Wagen rammte, fuhr er - so die Ermittler - nur "wenige Meter".

Durch den Aufprall wurden laut Staatsanwaltschaft sieben PKW und ein Kleintransporter zusammengeschoben. Helmut Diefenbach sagt, als er aus seinem Wagen kam, seien Ersthelfer schon damit beschäftigt gewesen, die ältere Dame im Fahrzeug direkt daneben zu befreien. "Die war eingeklemmt und wurde über die Heckklappe rausgeholt. Man sagt immer, es würde nur noch gegafft, aber in diesem Fall haben wirklich alle geholfen, es waren ja auch Fußgänger unterwegs."

Diefenbach spricht vom "Glück im Unglück", dass der Vorfall so glimpflich ausgegangen ist. Von Terror möchte er ausdrücklich nicht sprechen, aber an einen gewöhnlichen Unfall glaubt er auch nicht. "Nein", sagt Diefenbach, "der ist da mit voller Wucht reingefahren, bis er eben neben mir stand. Ein Eindruck war, der wollte noch weiter."

Mit Material der dpa



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