Soldatenmord in London Scotland Yard nimmt weitere Verdächtige fest

Die Ermittler im brutalen Mordfall von Woolwich kommen voran: Täter und Opfer sind identifiziert, nun wird im persönlichen Umfeld nach dem Motiv der Attentäter geforscht. Die Polizei nahm zwei weitere Verdächtige wegen Beihilfe zum Mord fest.
Soldatenmord in London: Scotland Yard nimmt weitere Verdächtige fest

Soldatenmord in London: Scotland Yard nimmt weitere Verdächtige fest

Foto: Dan Kitwood/ Getty Images

Es dauerte nicht lang, bis die Londoner sich wieder gefangen hatten. "Keep Calm and Carry On" - die alte Durchhalteparole von Winston Churchill aus dem Zweiten Weltkrieg galt auch am Tag nach dem brutalen Mord von Woolwich. Am Tatort wurden Kränze niedergelegt und die Polizei war stärker präsent, aber sonst ging alles seinen gewohnten Gang.

Premierminister David Cameron und Londons Bürgermeister Boris Johnson priesen die Unerschütterlichkeit der Anwohner und appellierten an alle Londoner, ihrem Alltag nachzugehen. "Die Leute, die dies getan haben, wollen uns auseinander bringen", sagte Cameron in der Downing Street. "Doch sie sollten wissen: Es macht uns stärker."

Am Mittwochnachmittag hatten zwei junge Schwarze mit Fleischermessern einen britischen Soldaten vor seiner Kaserne im Osten Londons abgeschlachtet. Einer der Täter brachte anschließend einen Passanten dazu, mit seiner Handy-Kamera eine Art islamistisches Bekennervideo aufzunehmen. Mit einem blutverschmierten Fleischerbeil in der Hand erklärte er, sie kämpften im Namen Allahs und würden den Tod von Muslimen in aller Welt sühnen. Das Video wurde im Fernsehen gesendet, das Gruselbild zierte die Titelseiten der meisten britischen Tageszeitungen.

Der Mann mit dem Beil: Michael Adebolajo

Am Donnerstag wurde der Mann in dem Video von früheren Schulkameraden als Michael Adebolajo identifiziert. Laut "Guardian" wurde er 1984 als Kind nigerianischer Einwanderer in London geboren und wuchs mit zwei Geschwistern in Romford im Nordosten der Hauptstadt auf. Später studierte er an der Greenwich University. Vor ungefähr zehn Jahren sei der Sohn gläubiger Christen zum Islam konvertiert. Auch der zweite Täter ist Berichten zufolge britischer Staatsbürger nigerianischer Abstammung und zum Islam konvertiert.

Laut "Times" waren beide Täter den britischen Sicherheitsbehörden seit Jahren bekannt. Der Inlandsgeheimdienst MI5 sieht sich nun mit der Frage konfrontiert, wieso er die Gefahr nicht rechtzeitig erkannt hat.

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Foto: REUTERS/Ministry of Defence/Crown

Offensichtlich galt Adebolajo als harmloser Mitläufer. Er verkehrte in islamistischen Kreisen und war beim Verteilen von Propaganda-Flugblättern in Woolwich gesichtet worden. Er sei zu Treffen der inzwischen verbotenen britischen Islamistengruppe al-Muhajiroun gegangen, sagte Anjem Choudary, der frühere Chef der Gruppe, dem "Independent". Er sei aber kein Mitglied gewesen, nur Gast auf öffentlichen Veranstaltungen. Seit zwei Jahren habe er ihn jedoch nicht mehr gesehen.

Die Ermittler konzentrierten sich am Donnerstag auf das persönliche Umfeld der Täter. Sie durchsuchten insgesamt sechs Wohnungen in England, darunter die Londoner Wohnung, wo Adebolajo mit seiner Schwester wohnte. Ein Mann und eine Frau, beide 29 Jahre alt, wurden wegen Verdachts auf Beihilfe zum Mord festgenommen.

Es gab zunächst keine Hinweise darauf, dass die Täter Teil einer Terrorgruppe waren. Beobachter gingen davon aus, dass es sich um radikalisierte Einzeltäter handele. Beide liegen mit Schussverletzungen im Krankenhaus. Die Polizei machte keine Angaben dazu, ob sie vernehmungsfähig sind.

Das Verteidigungsministerium gab am Donnerstag auch den Namen des getöteten Soldaten bekannt. Er hieß Lee Rigby und war unter anderem in Celle und in der afghanischen Provinz Helmand stationiert. Der 25-Jährige hinterlässt einen zweijährigen Sohn.

Muslimverbände in der Defensive

Wie nach jedem islamistisch motivierten Anschlag begann eine Debatte über radikalisierte Muslime in Großbritannien. Politiker redeten gern darüber, wie Jugendliche vor der Radikalisierung bewahrt werden könnten, sagte Jahan Mahmood, ein in Jugendprojekten engagierter Historiker in Birmingham, der BBC. Die Regierung tue aber nicht genug, um gegenzusteuern. Auch die Muslimverbände könnten aktiver sein.

Die Vertreter der britischen Muslime fanden sich wieder einmal in der Defensive. Auf allen Kanälen beeilten sie sich, den Anschlag zu verurteilen. Immerhin bekamen sie Schützenhilfe vom Premierminister. Dies sei nicht nur ein Angriff auf Großbritannien, sagte Cameron, "sondern auch ein Verrat am Islam und der muslimischen Gemeinschaft, die so viel für unser Land tut."

Nachdem der erste Schock über den Mord verflogen war, wurde vereinzelt Kritik an der Überreaktion von Politik und Medien laut. "Muss David Cameron wirklich eine Sitzung des Krisenstabs leiten, um zu entscheiden, ob er die Terrorwarnstufe erhöhen soll, wenn er viel wichtigere Dinge zu tun hat?", fragte "Guardian"-Kolumnist Michael White. Der Premier hatte am Morgen persönlich eine Sitzung des Cobra-Sicherheitsrats geleitet, nachdem dieser bereits am Mittwoch getagt hatte.

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