Jörg Diehl

Love-Parade-Prozess abgelehnt Ende mit Schrecken

Das Landgericht Duisburg lehnt es ab, einen Strafprozess zur Love-Parade-Katastrophe zu führen. Für die Opfer und ihre Familien ist das kaum zu ertragen.
Love-Parade-Prozess abgelehnt: Ende mit Schrecken

Love-Parade-Prozess abgelehnt: Ende mit Schrecken

Foto: Ina Fassbender/ REUTERS

Die Hoffnung der Opfer, ihrer Angehörigen und der Hinterbliebenen war klein geworden über die Zeit, fast hatte sie sich aufgelöst: Erst dauerten die Ermittlungen und dauerten, und dann, schließlich, fast vier Jahre nach der Love-Parade-Katastrophe klagte die Staatsanwaltschaft bloß die "kleinen Fische" an, Sachbearbeiter, Kommunalbeamte, Angestellte. Adolf Sauerland, Rainer Schaller, der Einsatzleiter der Polizei - sie blieben allesamt verschont.

Dennoch, etwas Hoffnung war zuletzt noch, auf den Prozess und darauf, in dem ritualisierten Ablauf vor Gericht die Ursachen des Unglücks ergründet zu sehen. Die Hoffnung auch darauf, dass womöglich tödliche Fehler gesühnt werden könnten. Die Hoffnung auf Gerechtigkeit und Wahrheit. Sie linderte vielen den Schmerz.

Doch mit der aktuellen Entscheidung des Landgerichts, das Hauptverfahren nicht zu eröffnen, ist auch diese letzte Hoffnung zerstoben. "Die Katastrophe nach der Katastrophe" nennt die Bochumer Rechtsanwältin Bärbel Schönhof den Beschluss der 5. Großen Strafkammer. Schönhof vertritt zahlreiche Opferfamilien in der Nebenklage.

Und tatsächlich droht den Betroffenen und der Öffentlichkeit nun das Bild eines Unglücks zu entstehen, an dem niemand Schuld trägt, weil sich niemand dafür wird verantworten müssen. So als wären die Toten und Verletzten der Love Parade 2010 einem Wirbelsturm zum Opfer gefallen oder einer Flut. Doch das sind sie nicht. Sie starben bei einer Feier, die Menschen geplant, organisiert und überwacht hatten. Nur eben nicht gut genug. Aber wer machte welche Fehler und was hatten sie für Folgen? Diese Frage ist noch immer unbeantwortet.

Fragen nach Verantwortung, Fehlverhalten und Schuld

Polizei und Justiz haben sich um Aufklärung bemüht, daran gibt es keinen Zweifel: Die Hauptakte mit den wichtigsten Unterlagen umfasst mehr als 46.700 Seiten in 99 Aktenordnern. Hinzu kommen mehr als 800 Ordner mit ergänzendem Aktenmaterial. All das liegt den Anwälten der Nebenkläger und damit auch den Betroffenen vor. Doch ergeben sich daraus eindeutige Antworten auf die Fragen nach Verantwortung, Fehlverhalten und Schuld? Leider nicht. Wird es sie geben, wenn man noch mehr ermittelt? Wenn man einen weiteren Gutachter beauftragt? Wenn man all das noch einmal vor Gericht durchgeht? Wohl kaum.

Es ist an der Zeit, die Erwartungen an den Strafprozess als kathartische Kraft zu reduzieren, ja, es ist an der Zeit, die Hoffnung auf Schuld und Sühne sinken zu lassen. Das Strafrecht erscheint ungeeignet, hochkomplexe Unglücksfälle wie die Love Parade in individuelle Schuldportiönchen zu zerlegen und anschließend jedem Verantwortlichen die richtige Sanktion aufzuerlegen. Das zeigen nicht zuletzt die wenig erfolgreichen Prozesse nach der Bahnkatastrophe von Eschede, dem Düsseldorfer Flughafenbrand und dem Einsturz der Eishalle von Bad Reichenhall.

Dass nach der Love Parade so intensiv ermittelt worden ist, war richtig und gut. Und trotzdem kann es in diesem Fall mit 21 Toten und Hunderten Verletzten keine angemessenen Strafen geben. Damit werden wir uns abfinden müssen. Tröstlich ist das nicht, aber es ist wahr.

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