Love-Parade-Macher Sauerland und Schaller Die Unberührbaren

Wer trägt die Verantwortung für die Tragödie der Love Parade? Duisburgs damaliger Oberbürgermeister Sauerland und Unternehmer Schaller waren die Vordenker der Techno-Party - doch vor Gericht stehen ihre Mitarbeiter.

Party-Macher Schaller, Sauerland (v. li.): "Ich erinnere mich nicht an Namen"
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Party-Macher Schaller, Sauerland (v. li.): "Ich erinnere mich nicht an Namen"

Von und , Düsseldorf


Als Adolf Sauerland vor einiger Zeit gefragt wurde, wie viel er mit den Toten der Love-Parade-Katastrophe zu tun habe, antwortete er dem SPIEGEL: "Ungefähr so viel wie jedes der anderen 74 Ratsmitglieder auch." Der CDU-Oberbürgermeister von Duisburg verstand sich im Nachhinein als kleines Rädchen im Getriebe, fast schien es, als wolle er in der Masse der Stadtverordneten versinken. "Die moralische Verantwortung, das gewollt zu haben, die übernehme ich, und das ist verdammt scheiße, mit der zu leben. Aber die 74 anderen bitte auch", sagte Sauerland. Ein bisschen Schuld musste sein, aber eben nur ein bisschen.

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Inzwischen deutet sich an, dass Adolf Sauerland mit seiner Haltung auch juristisch obsiegen könnte. Dreieinhalb Jahre nach dem Desaster vom 24. Juli 2010 will die Staatsanwaltschaft Duisburg demnächst wohl Anklage erheben. Nach SPIEGEL-Informationen werden sich jedoch lediglich zehn der 16 Beschuldigten vor Gericht verantworten müssen. Dabei handelt es sich um den früheren Duisburger Stadtentwicklungsdezernenten Jürgen Dressler, fünf Mitarbeiter des städtischen Bauamts sowie vier Verantwortliche der Firma Lopavent, die die Techno-Veranstaltung organisiert hatte.

Gegen Adolf Sauerland und Lopavent-Chef Rainer Schaller hingegen wurde nicht einmal ermittelt.

Wäre die Love Parade ein Erfolg gewesen, hätten Sauerland und Schaller den Ruhm und Applaus eingeheimst. Doch mit der Katastrophe begann ihr Rückzug aus der Öffentlichkeit, ihre Absetzbewegung ins Private. Die Staatsanwaltschaft vernahm die beiden Vordenker der Duisburger Techno-Sause zwar als Zeugen, doch besonders ergiebig waren auch diese Befragungen nicht.

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Anderthalb Jahre nach dem Event offenbarte etwa Sauerland bei der Polizei erhebliche Erinnerungslücken: "Das weiß ich nicht", "Das kann ich nicht sagen", "Ich erinnere mich nicht an die Namen" - solche Formulierungen nutzte der Lokalpolitiker während seiner knapp fünfstündigen Vernehmung vielfach.

Die Genehmigung der Love Parade sei vorrangig Aufgabe der "Fachlichkeiten" gewesen, beteuerte Sauerland. Er selbst, so ließ er es erscheinen, habe mit dem Ganzen nur sehr wenig zu tun gehabt. "Meine Aufgabe war zu diesem Zeitpunkt erst einmal keine Aufgabe", beschrieb er seine Rolle zu Beginn der Planungen. Später präzisierte er: "Meine Rolle in dem ganzen Genehmigungsprozess war - wenn Sie so wollen - keine operative."

Gleichwohl hielt ein Kriminalhauptkommissar in einem 36-seitigen Vermerk fest, was womöglich gegen den Oberbürgermeister sprechen könnte. Demnach waren Sauerland die "wesentlichen Abläufe" wohl bekannt. Der Beigeordnete Wolfgang Rabe sowie der Pressesprecher der Stadt hätten ihren Chef mit den wichtigsten Informationen zur Love Parade versorgt. Allerdings könne sich daraus keine "strafrechtliche Verantwortlichkeit" ableiten lassen, prognostizierte der Ermittler.

Umstrittenste Person Duisburgs

Adolf Sauerland war lange Zeit die umstrittenste Person Duisburgs. Er wurde angefeindet, beschimpft, bedroht und mit Ketchup bespritzt. Polizisten mussten ihn beschützen und wenn er öffentlich auftrat, konnte es immer sein, dass sogleich ein gellendes Pfeifkonzert ertönte. Der damalige Bundespräsident Christian Wulff sagte über ihn: "Unabhängig von konkreter persönlicher Schuld gibt es auch eine politische Verantwortung. Das alles wird der Oberbürgermeister genau abwägen müssen."

Im Februar 2012 sprachen sich dann in einem Bürgerentscheid genau 129.833 Duisburger, und damit deutlich mehr als die notwendigen 91.228, gegen den Chef der Verwaltung aus. Für eine Kommune mit traditionell niedriger Wahlbeteiligung, in der alle mit einem knappen Ergebnis gerechnet hatten, war das eine Sensation. Das Ergebnis des Plebiszits bedauere er, sagte der Berufsschullehrer, denn er sei gerne Oberbürgermeister von Duisburg gewesen, "mit Herzblut und Leidenschaft". In seiner Amtszeit hätten viele positive Erlebnisse gelegen, "aber eben auch die Love Parade".

Einen Rücktritt aus freien Stücken hatte der CDU-Mann stets abgelehnt - unter anderem mit dem Hinweis, nicht er habe die Love Parade formal genehmigt, sondern die ihm unterstellten Beamten. Bei der Riesenfeier, die zur gigantischen Katastrophe geriet, waren im Juli 2010 insgesamt 21 Menschen gestorben und Hunderte verletzt worden. Wenn ein Gericht einen dieser Beamten schuldig spräche, sagte Sauerland einmal in einem Interview, dann ginge er, aber nur dann.

"Ein Leben danach"

Auch Unternehmer Rainer Schaller, dessen Firma die Love Parade veranstaltet hatte, wurde von der Ermittlungsgruppe der Kölner Polizei als Zeuge vernommen. Ähnlich wie Sauerland sagte er aus, über den Fortgang der Organisation nicht im Detail informiert gewesen zu sein. Es sei verabredet gewesen, dass er unterrichtet werde, wenn es unlösbare Probleme gegeben hätte, die aber seien nicht eingetreten. Schaller räumte jedoch ein, dass er seinen Party-Machern einen rigiden Sparkurs auferlegt habe. Was das konkret in der Umsetzung bedeutet habe? Keine Ahnung.

Zum Schluss fragten die Ermittler den Fitnesskettenchef noch, wie es ihm inzwischen gehe? "Es gibt ein Leben davor und ein Leben danach", sagte Schaller und fügte hinzu: "Das Leben danach ist nicht mehr so unbedarft wie das Leben zuvor."

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