Love-Parade-Katastrophe Staatsanwaltschaft legt Beschwerde gegen Gerichtsentscheidung ein

"Nicht nachvollziehbar und rechtsfehlerhaft": Die Staatsanwaltschaft Duisburg geht gegen die Entscheidung des Landgerichts Duisburg vor, kein Hauptverfahren zur Love-Parade-Katastrophe zu eröffnen.

Gedenken am Ort der Love-Parade-Katastrophe (Archivfoto von 2010)
REUTERS

Gedenken am Ort der Love-Parade-Katastrophe (Archivfoto von 2010)


Die Staatsanwaltschaft Duisburg geht gegen die Entscheidung des Landgerichts Duisburg vor, kein Hauptverfahren zur Love-Parade-Katastrophe zu eröffnen. Man habe sofortige Beschwerde eingelegt, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Die Entscheidung des Gerichts sei "nicht nachvollziehbar und rechtsfehlerhaft".

Die umstrittene Entscheidung beruht im Wesentlichen auf Zweifeln am Gutachten des britischen Panikforscher Keith Still, dessen Expertise Grundlage der Anklage ist. Das Landgericht kritisierte, das Gutachten sei inhaltlich und methodisch mangelhaft, zudem gebe es Zweifel an Stills Unbefangenheit.

Das will die Staatsanwaltschaft nicht einfach hinnehmen. Still sei ein "international anerkannter renommierter Experte, an dessen Sachkunde und Unabhängigkeit keine Zweifel bestehen". Von einer Voreingenommenheit Stills könne keine Rede sein.

Zudem moniert die Staatsanwaltschaft, das Gericht hätte früher auf Zweifel aufmerksam machen müssen. Dies entspreche der üblichen Verfahrensweise. Bei entsprechenden Hinweisen hätte man nachermitteln können. Und was Bedenken gegen Still angehe: Es sei gängige Praxis, dass Gerichte im Zwischenverfahren selbst Gutachter beauftragten. Dazu hätte sich die Strafkammer "veranlasst sehen müssen".

Über die Beschwerde der Staatsanwaltschaft muss nun das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf befinden. Sollte es die Beschwerde ablehnen, gibt es dagegen kein weiteres Rechtsmittel. Das OLG könnte aber dem Landgericht auch auferlegen, die Hauptverhandlung durchzuführen.

Die Staatsanwaltschaft zeigte sich zuversichtlich, dass Letzteres geschehen wird. Nur durch eine Hauptverhandlung könnten die Ereignisse aufgeklärt werden - das sei im Interesse der zahlreichen Opfer und ihrer Angehörigen.

Der Präsident des Landgerichts hatte allerdings bei einer Pressekonferenz betont, die Strafkammer habe sich nur mit dem Vorwurf der Planungs- und Genehmigungsfehler bei Veranstalter und Stadt beschäftigt. Es gehe nur um die Frage individueller Verantwortung der Beschuldigten, nicht um die Aufarbeitung des Sachverhalts.

Bei der Love Parade in Duisburg am 24. Juli 2010 war es an einer Engstelle zu einem tödlichen Gedränge gekommen. 21 Menschen starben, mindestens 652 wurden verletzt, einige von ihnen schwer.

Reaktionen zur Entscheidung des Landgerichts Duisburg

ulz

insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
raimi24 05.04.2016
1. Richtig so
Es ist nicht nachvollziehbar, wenn ein Gericht 460 Seiten braucht, um zu erklären, dass kein hinreichender Tatverdacht besteht. Das gehört eindeutig in eine öffentliche Hauptverhandlung !
Tauem 05.04.2016
2. Wer entscheidet?
Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft offenbar der Gutachter. Und nicht die Richter nach Gesetz, Tathergang, allgemeinem Wissen und Logik. Ein Gutachter ist offenbar in der Welt dieses Staatsanwalts der Überrichter.
Fuscipes 05.04.2016
3.
Eine Aufarbeitung der Liebesparade, die zur tödlichen Falle wurde, ist aus vielen Gründen ratsam, denn es sollte zumindest vermieden werden, dass sich sowas wiederholt.
moistvonlipwik 05.04.2016
4.
Bislang ist nur die Beschwere eingelegt worden. Dies erfolgte offensichtlich, um die Frist zu wahren. Die Begründung steht noch aus (und die Entscheidung des OLG Düsseldorf erst recht).
ackergold 05.04.2016
5.
Wozu bestellt ein Gericht eigentlich Fachgutachter, wenn es hinterher das Gutachten als falsch bezeichnet und nicht anerkennt? Will man damit suggerieren, ein Richter wisse es eben doch besser, als ein Fachmann? Die Staatsanwaltschaft tut gut daran, die Interessen der Opfer wahrzunehmen und die Rechtsfehler ausräumen zu lassen. Dass ein Gericht sich weigert, ein Verfahren in einem Fall zu eröffnen, in dem viele Menschen umgekommen sind und das auch noch mit dieser Begründung, ist schon ein extrem starkes Stück.
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