Love-Parade-Verfahren Die Pannen des Panikforschers

Auf Hunderten Seiten seziert das Landgericht Duisburg die Anklage zur Love-Parade-Katastrophe. Besonders schlecht kommt das zentrale Gutachten eines britischen Professors weg: Es sei inhaltlich und methodisch mangelhaft.

Gedenken an Love-Parade-Opfer im Jahr 2010
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Gedenken an Love-Parade-Opfer im Jahr 2010

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Der Beschluss, mit dem das Landgericht Duisburg vorerst alle Hoffnungen auf eine strafrechtliche Aufarbeitung der Love-Parade-Katastrophe zunichte machte, umfasst 460 Seiten. Auf der ersten steht das Aktenzeichen des Vorgangs, es lautet 35 KLs-1132 Js 23/11-5/14, doch die entscheidenden Worte folgen erst auf Blatt 14: "Die Eröffnung des Hauptverfahrens wird aus tatsächlichen Gründen abgelehnt." Das habe die 5. Große Strafkammer unter Vorsitz von Joachim Schwartz am 30. März beschlossen. Und damit endet der strafrechtliche Fall Love Parade womöglich.

Um zu verstehen, weshalb das Gericht diese unerwartete Entscheidung getroffen hat, muss man sich noch einmal die Vorwürfe vor Augen führen: Die Staatsanwaltschaft hatte im Februar 2014 den Duisburger Stadtentwicklungsdezernenten Jürgen Dressler sowie fünf Mitarbeiter des städtischen Bauamts und vier Verantwortliche des Veranstalters Lopavent wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung angeklagt.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft waren Fehler in der Planung ursächlich für die Katastrophe mit 21 Toten und Hunderten Verletzten. Weil sich zu viele Menschen auf zu engem Raum gedrängt hätten, "musste es zwangsläufig zu einem Versagen des Systems kommen", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt seinerzeit. Die Planer und ihre Kontrolleure hätten erkennen müssen, dass lebensgefährliche Situationen entstehen würden, hieß es in der 556-seitigen Anklage. Dabei stützten sich die Ermittler im Wesentlichen auf das Gutachten des britischen Panikforschers Keith Still, an dem schon bald Zweifel aufgekommen waren.

Verheerend lange Fehlerliste

Das Landgericht Duisburg zerlegt Stills Expertise nun vollständig. Die Arbeit des Professors weise erhebliche inhaltliche und methodische Mängel auf, befindet die Kammer. Zudem habe er gegen grundlegende Pflichten eines Sachverständigen verstoßen, woraus die Unverwertbarkeit seiner Arbeit resultiere. So habe sich Still in Veröffentlichungen und Vorträgen mit der Love Parade befasst und dabei seine Neutralitätspflicht verletzt. Hinzu kommt noch eine verheerend lange Liste von handwerklichen Fehlern:

  • Still ließ laut Gericht "sämtliche andere mögliche Unglücksursachen, insbesondere Handlungen der die Veranstaltung vor Ort begleitenden Personen" außer Acht.
  • Still legte demnach seinen Berechnungen Planzahlen des Veranstalters über Besucherströme zugrunde, von denen er zugleich behauptete, sie seien manipuliert. Zudem konnte er laut Gericht die Teilnehmerzahlen der Love Parade, die er unterstellte, nicht begründen. Außerdem widersprach er sich mit Angaben darüber, wie viele Personen zu welcher Zeit auf dem Gelände waren.
  • Still befasste sich dem Beschluss zufolge auch nicht mit den in Deutschland geltenden Normen und Regeln für Großveranstaltungen. Die Maßstäbe, nach denen er die vermeintlichen Fehler der Angeklagten erkannt haben wollte, würden nicht nachvollziehbar begründet, rügt das Gericht.
  • Still verwechselte laut Beschluss Kausalität mit Vorhersehbarkeit. Im deutschen Strafrecht ist es aber für die Frage der Schuld unerlässlich, den Weg eines konkreten Fehlers zu einer konkreten Verletzung lückenlos nachzeichnen zu können.

Starke Zweifel hegt das Gericht auch an der von der Staatsanwaltschaft und Still dargelegten Unumkehrbarkeit des Geschehens. Bislang ging die Anklage auf Grundlage des Gutachtens davon aus, dass die aus Planungsfehlern resultierenden Ereignisse am Nachmittag des 24. Juli 2010 im Zeitraum von 15.30 bis 16.02 Uhr zwangsläufig zu einer Katastrophe führen mussten - egal was noch getan wurde. Das Gericht sieht das anders: Demnach kommen andere Ursachen für das Unglück in Betracht, etwa die eingezogenen Polizeiketten, die unterlassene Schließung der Zugänge und später entfernte Zäune an den Einlassanlagen.

Reaktionen zur Entscheidung des Landgerichts Duisburg
Seitenhieb auf die Staatsanwaltschaft

Die Zweifel der 5. Großen Strafkammer an der Anklage sind am Ende so groß gewesen, dass sie eine Verurteilung der Angeklagten für unwahrscheinlich halten musste. Es gab somit keinen hinreichenden Tatverdacht gegen die neun Männer und eine Frau, wie es im Juristendeutsch heißt. Die zwangsläufige Folge: Das Hauptverfahren wird nicht eröffnet. Eine andere Möglichkeit sieht die Kammer nicht.

Und daher kann sie sich in ihrem Beschluss offenbar auch einen Seitenhieb auf die Arbeit der Duisburger Ankläger nicht verkneifen. Es sei nicht die Aufgabe des Gerichts, vor dem Prozess wesentliche Teile des Ermittlungsverfahrens nachzuholen. Nachforschungen "größeren Umfangs zur Komplettierung eines von der Staatsanwaltschaft unzulänglich belegten Anklagevorwurfs sind gesetzlich nicht vorgesehen", befindet die Kammer. Das ist deutlich.

Staatsanwaltschaft und Nebenkläger wollen Beschwerde gegen den Beschluss einlegen. Darüber muss dann das Oberlandesgericht Düsseldorf entscheiden.

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insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
GSYBE 05.04.2016
1. Gericht
Das Gericht bescheinigt dem Gutachten, es sei `inhaltlich und methodisch´ mangelhaft. Nun ja, wenn ein Gericht sich selbst für kompetenter und wissender als einen vereidigten Sachverständigen hält, stellt sich mir die Frage: wozu braucht es Sachverständige?
denis111 05.04.2016
2.
Für WEN kam die Entscheidung des Landgerichts unerwartet? Für RTL2? Für Vox?
Emderfriese 05.04.2016
3. Begründung
Erstmal ein "Danke Schön" für den schnellen Nachtrag der Ablehnungsgründe. Es bleibt dennoch ein Nachgeschmack, der aus der Verkettung von untersuchungsrelevanten Beweisen und Gutachten mit einer scheinbar unfähigen Staatsanwaltschaft sowie einem (von mir unterstellten) Desinteresse der Stadtoffiziellen an einer wahrheitsgemäßen Klärung resultiert. Es will mir nicht in den Kopf, warum bei einem solchen Unglück nicht alles, aber auch alles unternommen wird, um die Hintergründe zu klären. Nichts zu tun, wie es jetzt wohl angestrebt ist von den Richtern, kann nicht der richtige Weg sein.
uban1 05.04.2016
4.
Richter sind auch nur Menschen, es gibt erstaunlich viele Fälle die vom LG zu OLG und höher bis nach Strassbourg und wieder zurück gehen, Alles immer sauber begründet und zerpflückt. Wenn nicht, teils dramatische, menschliche Schicksale dahinterstehen so wäre das eine akademische Übung der Übung wegen. Das Recht und der Rechtstaat sin zum grossen Teilen ganz gut im Vergleich was es früher gab, aber sie sind ebenso voller Fehler wie die ehemals weissen Götter. Dummerweise kann ein direkt Betroffener das nicht so entspantn sehen weil häufig die Existenz und oder Gesundheit davon abhängen.
turbomix 05.04.2016
5.
Zitat von GSYBEDas Gericht bescheinigt dem Gutachten, es sei `inhaltlich und methodisch´ mangelhaft. Nun ja, wenn ein Gericht sich selbst für kompetenter und wissender als einen vereidigten Sachverständigen hält, stellt sich mir die Frage: wozu braucht es Sachverständige?
Ja wozu? Sachverständige sollten nur untergeordnete Berater sein, nicht Urteilsrelevant. Sachverständige haben schon so viel Schlimmes angerichtet.
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