Loveparade-Verfahren "Ich rechne damit, dass der Prozess eingestellt wird"

Wird im Loveparade-Prozess weiterverhandelt? Bei einem Rechtsgespräch geht es auch um diese Frage. Gabriele Müllers Sohn starb 2010 bei der Loveparade. Sie glaubt nicht daran, dass jemand verurteilt wird.

Große Strafkammer im Loveparade-Prozess (Archivfoto)
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Große Strafkammer im Loveparade-Prozess (Archivfoto)

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Im Loveparade-Prozess treffen sich die beteiligten Juristen zum sogenannten Rechtsgespräch. Dabei soll eine Art Zwischenbilanz des Verfahrens gezogen werden. Die Verteidiger, Nebenklage-Anwälte, Staatsanwälte und Juristen der Strafkammer werden auch darüber beraten, ob der Prozess bis zu einem Urteil fortgesetzt wird oder nicht.

Sollten sie bei ihren Beratungen zu dem Schluss kommen, dass man den Angeklagten im Fall einer Verurteilung nur eine geringe Schuld nachweisen kann, könnte das Strafverfahren eingestellt werden.

Bei dem Unglück auf der Loveparade 2010 kamen in einem Gedränge 21 Menschen ums Leben, mehr als 650 wurden verletzt. Der Prozess vor dem Landgericht Duisburg ist einer der größten und aufwendigsten der Nachkriegszeit. Wegen der vielen Beteiligten findet das Verfahren aus Platzgründen im Kongresszentrum der Düsseldorfer Messe statt.

Es begann im Dezember 2017, zehn Personen sind angeklagt, sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier des Loveparade-Veranstalters Lopavent. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor. Bislang wurden 58 Zeugen vernommen.

Gabriele Müller, 61, saß bei vielen der Zeugenvernehmungen im Gerichtssaal. Müller ist Nebenklägerin im Prozess, ihr Sohn Christian starb beim Techno-Event, er war damals 25 Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Im Rechtsgespräch wird heute erörtert, wie es mit dem Loveparade-Prozess weitergeht. Welche Erwartungen haben Sie?

Müller: Ich rechne damit, dass der Prozess eingestellt wird. Womöglich nicht von heute auf morgen, aber eventuell bis zum Sommer. Das ist natürlich nicht befriedigend, aber es war ja früh klar, dass es wohl keine Verurteilungen geben wird. Und warum sollte man den Prozess dann noch bis 2020 weiterlaufen lassen? Dann wäre die Sache ja sowieso verjährt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben lange dafür gekämpft, dass die Verantwortlichen für die Katastrophe vor Gericht landen. Wäre Ihnen es im Nachhinein lieber, wenn es gar nicht zum Prozess gekommen wäre?

Müller: Nein, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin froh, dass es diesen Prozess gibt. Er ist wichtig für mich, ohne ihn hätte ich mit dem Tod von Christian noch viel weniger umgehen können. Aber es nützt nichts, jahrelang zu hadern. Es bringt einen auch nicht weiter, irgendwann ist Schluss. Ich bin froh, dass ich mein Leben einigermaßen auf die Reihe bekomme und als Friseurin arbeiten kann.

SPIEGEL ONLINE: Bei wie vielen Prozesstagen waren Sie dabei?

Müller: Ich war bei rund 20 Terminen dort. Ich habe das gebraucht, zu Hause wäre es mir nicht besser gegangen. Auch wenn manche der Zeugenaussagen schwer erträglich waren. Ich war bei Gericht, als Adolf Sauerland ausgesagt hat, der frühere Duisburger Oberbürgermeister. Auch bei Rainer Schaller, dem Loveparade-Veranstalter, habe ich zugehört.

SPIEGEL ONLINE: Was genau war bei diesen Zeugen schwer zu ertragen?

Müller: Solange es um Generelles ging, redeten die Herren frei von der Leber weg. Aber sobald der Richter brenzlige Fragen stellte, Fragen nach den Verantwortlichkeiten, wurden sie einsilbig. Dann hieß es: Ich kann mich nicht mehr erinnern. Oder: Dafür war ich nicht zuständig. Ich fühlte mich ohnmächtig, wütend. Ich habe vier Wochen gebraucht, um diese Zeugenaussagen zu verdauen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen der Prozess neue Erkenntnisse geliefert, wie es zum Tod Ihres Sohnes gekommen ist?

Müller: Auf jeden Fall. Die Planer wussten vor der Veranstaltung, dass es an der Rampe, an der das Unglück später passierte, gefährlich werden könnte. Trotzdem erhöhten sie nicht die Sicherheitsvorkehrungen an diesem Ort. Sie dachten wohl: das wird schon. Ich weiß jetzt auch, dass sich die Katastrophe an dem Tag schon Stunden vorher angekündigt hatte. Sie passierte nicht von jetzt auf gleich. Es gab Überwachungskameras auf dem Gelände und Monitore, aber kaum jemand hat draufgeschaut. Es gab Polizeiketten, um den Besucherstrom zu unterbrechen. Aber davon wusste der Einsatzleiter offenbar erst mal nichts. Die Kommunikation funktionierte nicht, es gab keinen Funk, kein Telefon, keinen Lautsprecher. Polizisten mussten Papierschilder schreiben, um sich zu verständigen.

SPIEGEL ONLINE: Von der Polizei sitzt aber niemand auf der Anklagebank, dafür städtische Beamte und Mitarbeiter des Veranstalters.

Müller: Dass niemand von der Polizei belangt werden kann, ist schlimm für mich. Aber die zehn Angeklagten halte ich auch nicht für unschuldig. Die sitzen meiner Meinung nach zu Recht jeden Tag im Gerichtssaal, sie wussten, wie brisant und gefährlich die Veranstaltung werden würde. Andererseits ist es kaum möglich, ihnen die ganze Schuld an der Katastrophe anzulasten. Ich kann verstehen, dass es extrem schwer ist für das Gericht, hier ein rechtskräftiges Urteil zu fällen.

SPIEGEL ONLINE: Womöglich wird der Prozess nach dem Rechtsgespräch gegen die Zahlung einer Geldauflage eingestellt. Könnten Sie damit leben?

Müller: Was ist schon eine gerechte Strafe für 21 Tote und so viele Traumatisierte? Gibt es die überhaupt? Ich glaube nicht. Ob die Angeklagten am Ende Geld zahlen müssen oder nicht, ist mir auch ziemlich egal. Für mich wäre es wichtiger, dass die Angeklagten eine Aussage machen. Wer hat Druck auf sie ausgeübt? Warum haben sie das Event genehmigt? Das würde womöglich noch etwas mehr Licht ins Dunkel bringen.

Video: Die Loveparade von Duisburg - Eine amtlich genehmigte Katastrophe?

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