Hinterbliebene im Loveparade-Prozess "Viele Schuldige, keine Verantwortlichen"

Nach mehr als 180 Verhandlungstagen soll der Prozess zum Loveparade-Unglück mit 21 Toten eingestellt werden. Hinterbliebene sind schwer enttäuscht - und wollen weiterkämpfen.
Hinterbliebene Paco Zapater und Gabi Müller (2017): "Ist ein ohne Urteil abgeschlossenes Verfahren fair?"

Hinterbliebene Paco Zapater und Gabi Müller (2017): "Ist ein ohne Urteil abgeschlossenes Verfahren fair?"

Foto: Friedemann Vogel/EPA-EFE/Shutterstock

Es gibt ein Video von der Loveparade in Duisburg, auf dem Christian zu sehen ist. Fremde ziehen ihn an der Rampe, die zum Partygelände führt, aus der Menschenmenge. Sein Kopf hängt nach unten. Eine Aufnahme, die seine Mutter Gabi Müller begleitet, Tag für Tag. Ihr Sohn Christian, 25 Jahre alt, stirbt an jenem 24. Juli 2010 im Gedränge des Techno-Festivals.

Gabi Müller braucht drei Jahre, um den Weg in ein neues Leben zu finden. Ihr Mann beruhigt sie in dieser Zeit: "Die Justiz wird das regeln, Gabi, wir leben in Deutschland." Er habe fest daran geglaubt, sagt Gabi Müller. "Für ihn war die Justiz eine Stütze in all dem Unglück."

Nach mehr als 180 Verhandlungstagen hat die 6. Große Strafkammer des Landgerichts Duisburg nun vorgeschlagen, den Prozess einzustellen. Aktueller Anlass sei die Behinderung des Verfahrens durch die Corona-Pandemie. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen einer Einstellung zugestimmt, die Entscheidung sei der Behörde "nicht leichtgefallen". Am Freitagabend teilte das Gericht mit, dass auch die Verteidigung zustimmt.

Mit einer Einstellung wird es kein Urteil geben, die Vorwürfe gegen die drei verbliebenen Angeklagten werden fallen gelassen, die Kosten in Millionenhöhe dürfte die Staatskasse übernehmen. Vor allem aber wird wohl niemand mehr juristisch dafür zur Verantwortung gezogen werden, dass bei der Loveparade 2010 in Duisburg 21 Menschen im Gedränge ihr Leben verloren und mehr als 650 verletzt wurden, physisch wie psychisch.

Gabi Müller erinnert sich an die Worte der ehemaligen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die den Hinterbliebenen und Überlebenden nach dem Unglück eine "lückenlose Aufklärung" versprach. "Ich vertraute ihr", sagt Gabi Müller.

Richterin unter Quarantäne

Zehn Jahre lang sei die Katastrophe von Polizei und Justiz aufgearbeitet worden, sagt Rechtsanwalt Julius Reiter. "Und nun endet das alles ohne ein Gerichtsurteil?" Gemeinsam mit dem früheren Bundesinnenminister Gerhart Baum vertritt Reiter zwölf Nebenkläger, auch Gabi Müller.

Der Prozess hatte im Dezember 2017 begonnen. Es sei aufgrund der dynamischen Entwicklung der Pandemie nicht einschätzbar, ob und wie die Verhandlung nun fortgeführt werden könne, begründete das Gericht seine Entscheidung. Bereits Mitte März war das Verfahren unterbrochen worden, weil eine Richterin unter Quarantäne gestellt worden war.

Einige Angeklagte sowie Schöffen und Ergänzungsschöffen gehören nach Angaben des Gerichts zu Risikogruppen. "Mehrere Personen weisen zudem weitere Risikofaktoren für einen schweren oder tödlichen Verlauf im Falle einer Ansteckung auf", sagt Thomas Sevenheck, Sprecher des Landgerichts Duisburg. Viele Verfahrensbeteiligte reisten aus verschiedenen Bundesländern an, einige aus dem Ausland. In dem fensterlosen, klimatisierten Sitzungssaal seien bei insgesamt 96 Prozessbeteiligten oft um die 60 Personen über einen langen Zeitraum anwesend.

Der Prozess wird nicht in einem gewöhnlichen Gerichtssaal verhandelt, sondern in einer Kongresshalle in Düsseldorf mit Platz für 500 Personen. Das Risiko von Infektionen hätte daher durch entsprechende Maßnahmen eingedämmt werden können, sagt Rechtsanwalt Reiter.

Gedenkstätte in Duisburg (Archiv): 21 Menschen starben, rund 650 wurden verletzt

Gedenkstätte in Duisburg (Archiv): 21 Menschen starben, rund 650 wurden verletzt

Foto: Revierfoto/ imago images/Revierfoto

Angeklagt sind drei Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent. Das Verfahren gegen die restlichen Beschuldigten - sechs Bedienstete der Stadt Duisburg und einen weiteren Lopavent-Mitarbeiter – war Anfang vergangenen Jahres ohne Auflagen eingestellt worden. Die nun verbliebenen Angeklagten hatten eine Einstellung gegen Geldauflage damals abgelehnt, weil sie auf einen Freispruch hoffen.

Sie sind wegen fahrlässiger Tötung angeklagt – und dieser Vorwurf verjährt Ende Juli. Die Coronakrise verzögere die Verhandlungsweise bis zum Verjährungsdatum, sodass der angeklagte Vorwurf laut Mitteilung des Gerichts bis dahin nicht "verurteilungsreif" aufgeklärt werden könne. Außerdem sei die mögliche Schuld der drei Angeklagten als gering anzusehen. Das Gericht müsse ihre konstruktive Mitwirkung und die lange Verfahrensdauer zu ihren Gunsten berücksichtigen. "Unter Würdigung dieser und anderer Umstände würde sich eine eventuelle Strafe im unteren Bereich des Strafrahmens bewegen." 

Enttäuschung - und letzte Hoffnungen

Paco Zapater unterstellt dem Gericht, die Pandemie als Vorwand zu nutzen. Seine Tochter Clara wurde auf der Loveparade überrannt, sie starb an inneren Blutungen. Die 22-Jährige hatte auf der Riesenparty mit Freunden das Ende ihres Erasmus-Semesters feiern wollen. 

Zapater ist selbst Rechtsanwalt und Strafrechtler. Er sagt, er habe lange vor der Corona-Gefahr auf die Verjährungsfrist hingewiesen - vergeblich. "Ein Land, das den Kampf gegen das Coronavirus mit Bravour besteht, kann einen solchen Prozess nicht zu Ende bringen und uns erklären, warum unsere Kinder gestorben sind und wer die Verantwortlichen waren, wie kann das sein?", fragt Zapater. Dabei habe doch Mario Plein, Vorsitzender der 6. Großen Strafkammer, am ersten Verhandlungstag genau das versprochen: "Dass wir eine Antwort bekommen."

Gabi Müller sagt, Richter Plein habe sich "sehr bemüht". Er habe viele Zeugen befragt und Überlebende zu Wort kommen lassen. "Ich hatte das Gefühl, dass er alles tut, was in seiner Macht steht." Als das Verfahren gegen die sieben Angeklagten eingestellt wurde, habe er versprochen, seine Kammer werde ihrer Aufklärungspflicht weiter nachkommen.

Plein gab bekannt, im Verfahren sei es gelungen, das "multikausale Geschehen" gründlich aufzuklären. Sollte nun auch die Verteidigung einer Einstellung zustimmen, werde das Gericht diese Erkenntnisse in einen Beschluss fassen. Die Kammer wolle gerade für die Nebenkläger die Ergebnisse der Aufklärung zusammentragen, obwohl das Gericht dazu nicht verpflichtet sei, betont Sprecher Sevenheck. 

Gabi Müller hofft wieder. "Wir sind auch nach zehn Jahren noch immer an dem Punkt, dass es viele Schuldige gibt – aber keine Verantwortlichen. Das wird nach dem Beschluss hoffentlich anders sein." Das sieht auch ihr Anwalt so. Dennoch wäre es für einen angemessenen Abschluss des Prozesses erforderlich gewesen, den Sachverständigen Jürgen Gerlach zu seinem rund 4000-seitigen Gutachten zu befragen, meint Reiter. Gerlach komme zu dem Ergebnis, dass dem Unglück ein komplexes Ursachensystem zugrunde gelegen habe.

Die Anhörung des Gutachters war für acht Sitzungstage terminiert. Für eine Verurteilung oder einen Freispruch hätte zusätzlich noch eine Vielzahl weiterer Gutachten gehört werden müssen, sagt Gerichtssprecher Sevenheck. Das sei bis zum Ablauf der Verjährungsfrist Ende Juli in Zeiten von Corona nicht durchführbar.

Ursprünglich sollten alle Prozessbeteiligten bis Montag eine Stellungnahme zur vorgeschlagenen Einstellung des Verfahrens abgeben. Für die Nebenkläger wurde die Frist nun bis zum 27. April verlängert. Am 4. Mail will die Kammer dann ihre Entscheidung samt Beschluss verkünden.

Sie wollen weiterkämpfen

Sicher ist schon jetzt: Mit einer Einstellung dürfte nicht alles beendet sein. Claras Familie schließt nicht aus, vor den Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen. "Die deutsche Justiz hat unser Recht auf ein faires Verfahren nach Artikel 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention verletzt", sagt Paco Zapater und fragt: "Ist ein ohne Urteil abgeschlossenes Verfahren fair? Unserer Meinung nach: nein."

Auch für Gabi Müller ist mit einer Einstellung noch lange nicht Schluss mit Aufklärung. Wenn Richter Plein nicht sein Wort halte, sagt sie, "dann mach' ich nen Rundumschlag". Ihr Mann, der auf die deutsche Justiz vertraute, erlebt das alles nicht mehr. Er starb vergangenes Jahr an Krebs. Einen Tag nach dem neunten Todestag seines Sohnes Christian.

Anmerkung: Nach Veröffentlichung des Artikels hat das Landgericht Duisburg mitgeteilt, dass auch die Verteidigung der drei Angeklagten einer Einstellung zustimmt. Wir haben den Text entsprechend aktualisiert.

 

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