Prostitution statt erster Liebe Experten fordern Aufklärung über Loverboy-Methode

Sie machen sich an junge Frauen und Mädchen ran, täuschen die große Liebe vor: Doch sogenannte Loverboys haben nur ein Ziel - ihre Opfer in die Prostitution zu treiben. Jetzt wird verstärkt Aufklärung gefordert.


Sandra Norak glaubte an die große Liebe, doch ihr Loverboy machte sie zur Prostituierten. Sechs Jahre schaffte Norak für ihn an, dann konnte sie sich aus den Fängen des vermeintlichen Freundes befreien. "Loverboys sind Menschenhändler. Sie sind keine Freunde, sie sind keine Lebensgefährten, sondern sie sind Täter", warnt Norak in einem Bericht für den nordrhein-westfälischen Landtag, der für diesen Freitag eine Expertenanhörung zu dem Thema angesetzt hat.

Eltern, Betroffene und Sachverständige fordern, die Aufklärung junger Mädchen über die sogenannte Loverboy-Methode in Schulen zu thematisieren. In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl der Meldungen von Opfern und Angehörigen gestiegen, heißt es in der Stellungnahme einer Elterninitiative. Der Gutachter Jürgen Antoni empfiehlt ein breit angelegtes Aufklärungskonzept ab der siebten Klasse.

Bei der Masche spielen die Täter minderjährigen Mädchen eine Liebesbeziehung vor, treiben sie so in eine emotionale Abhängigkeit, um sie dann in die Prostitution zu führen. Loverboys sind laut Antoni junge Männer zwischen 18 und 28 Jahren, meist ausländischer Herkunft, die gezielt nach minderjährigen Mädchen suchen. "Die erste Kontaktaufnahme geschieht häufig auf dem Schulhof, vor Fastfood-Restaurants, in den meisten Fällen jedoch über soziale Netzwerke wie Facebook oder Badoo."

Oft geben die vermeintlichen Freunde vor, sie seien existenzbedrohend verschuldet und brauchten die Hilfe der Mädchen. Parallel isolieren sie ihre Opfer von Familie und Freunden. Wenn es den Mädchen und jungen Frauen dann erst nach Monaten oder Jahren gelinge, sich aus den emotionalen Fängen zu befreien, erstatteten sie oft aus Angst und Scham keine Anzeige, so Antoni. Dementsprechend gebe es auch wenige Anklagen in dem Bereich.

"Extrem hohe Dunkelziffer"

Es sei von einer "extrem hohen Dunkelziffer" auszugehen, sagt Antoni. Das werde dadurch begünstigt, dass die Masche in keiner Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) gesondert aufgeführt werde. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts (LKA) wurden 2016 und 2017 nur je zwei Fälle von Menschenhandel mit der Loverboy-Methode erfasst, 2018 waren es drei Fälle.

Das Bundeskriminalamt (BKA) geht in seiner Auswertung 2017 davon aus, dass bundesweit die Loverboy-Masche bei mehr als einem Viertel der Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung angewendet wurde. Der Expertengruppe gegen Menschenhandel des Europarats (Greta) zufolge hat die Zahl der registrierten Menschenhandelsfälle in Deutschland in den vergangenen Jahren zugenommen. So gab es 2017 insgesamt 671 registrierte Opfer, wie der Bericht unter Berufung auf das Bundeskriminalamt angibt. Im Jahr davor seien es 536 gewesen.

Sandra Norak kritisiert, dass die Opfer häufig stigmatisiert würden mit Anmerkungen wie "Du warst doch naiv". Damit würde dem Opfer "mehr oder weniger die Verantwortung an der an ihm begangenen Straftat zugeschoben". Ein Kernproblem sei auch das bei vielen Betroffenen fehlende Opferbewusstsein. Sie würden die Prostitution häufig als Freiwilligkeit betrachten.

Das führe dazu, dass die Mädchen ihre Ausbeuter sogar schützten, sagte Norak. Wenn dann noch Drohungen und Gewalt durch den Loverboy und seine möglichen Gehilfen ins Spiel kämen, werde es noch schwieriger, eine Aussage zu bekommen.

wit/dpa

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