Prozess gegen Ex-Chef des Lübecker Weißen Rings Verteidiger lehnt Einstellung des Verfahrens ab

Der frühere Chef des Lübecker Weißen Rings ist wegen Exhibitionismus angeklagt. Der Prozess dauert länger als geplant - eine Verständigung über eine Einstellung gegen Zahlung einer Geldauflage ist gescheitert.

Detlef Hardt vor Gericht (Archivfoto vom ersten Verhandlungstag)
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Detlef Hardt vor Gericht (Archivfoto vom ersten Verhandlungstag)

Von Wiebke Ramm, Lübeck


Der Prozess gegen den ehemaligen Leiter des Lübecker Weißen Rings dauert länger als geplant. Das Gericht hat am Montag angekündigt, weitere Frauen als Zeuginnen hören zu wollen, die dem heute 74-jährigen Detlef Hardt sexuelle Übergriffe vorwerfen. Richterin Andrea Schulz gab am fünften Verhandlungstag vier weitere Termine bekannt. Mit einem Urteil ist erst für September zu rechnen.

Hardt ist vor dem Amtsgericht Lübeck wegen Exhibitionismus angeklagt. Er soll sich im April 2016 in seinem Büro vor der heute 41-jährigen Dora M. entblößt haben. Sie hatte damals beim Weißen Ring in einer finanziellen Notlage Hilfe gesucht. Bei einem Beratungsgespräch soll Hardt ihr sein Geschlechtsteil gezeigt und sie aufgefordert haben, ihn anzufassen. Alles Lüge, sagt Hardt.

Eine Verständigung über eine Einstellung des Verfahrens ohne Urteil ist am Montag gescheitert. Hinter verschlossenen Türen haben Richterin, Staatsanwältin, Verteidiger und Nebenklagevertreter über die Einstellung des Strafverfahrens gegen Zahlung einer nicht genannten Geldsumme gesprochen. Staatsanwältin Magdalena Salska hatte ein solches Verfahrensende in nichtöffentlicher Sitzung vorgeschlagen.

"Wir wollen keine Schlagzeile: Detlef Hardt muss zahlen"

Doch Detlef Hardt will keine Einstellung nach Paragraf 153 a Strafprozessordnung, er will einen Freispruch. "Wir wollen keine Schlagzeile: Detlef Hardt muss zahlen", sagte Verteidiger Oliver Dedow außerhalb des Saals. In der Öffentlichkeit bliebe der falsche Eindruck, an dem Vorwurf gegen seinen Mandanten sei etwas dran, sagte er.

Nach dem Gutachten einer Rechtspsychologin sind Hardt und sein Verteidiger siegesgewiss. Gutachterin Gabriele Teichert war zu dem Schluss gekommen, dass Dora M. in ihrer Darstellung des Geschehens möglicherweise übertrieben oder Detlef Hardt sogar gänzlich falsch beschuldigt haben könnte. Dass die Schilderung von Dora M. mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einem tatsächlichen Erlebnis basiert, hat die Sachverständige anhand ihres Aktenstudiums und der Aussage von Dora M. vor Gericht nicht festgestellt. Ein psychologisches Gespräch mit Dora M. unter vier Augen hat sie nicht geführt. Staatsanwaltschaft und Nebenklage überzeugt das Gutachten nicht.

Dora M. hätte "unter größten Bedenken" zugestimmt

Der Staatsanwaltschaft sind mehr als zwei Dutzend Frauen bekannt, die Detlef Hardt sexuelle Übergriffe vorwerfen. In vier Fällen hatte die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Zugelassen wurde sie nur im Fall Dora M. In anderen Fällen waren die Vorwürfe verjährt, die Anzeige erfolgte zu spät oder es lag keine strafrechtliche Relevanz vor, weil es den Paragrafen, der sexuelle Belästigung unter Strafe stellt, zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt noch nicht gab.

Dora M. hätte einer Einstellung gegen Geldzahlung "unter größten Bedenken" zugestimmt, sagte ihr Anwalt Robert Nieporte. Sie habe ein Interesse daran, dass ihr Privatleben nicht weiter öffentlich erörtert werde.

Eine Einstellung hätte für Detlef Hardt den Vorteil gehabt, dass der Vorwurf nach Zahlung vom Tisch gewesen wäre und er in diesem Fall nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden könnte. Nach einem Freispruch wird Hardt hingegen wohl noch einmal wegen exhibitionistischer Handlung auf der Anklagebank sitzen. Die Staatsanwaltschaft hat bereits angedeutet, in einem solchen Fall in die nächste Instanz gehen zu wollen. Hardt müsste sich wegen derselben Sache dann vor dem Landgericht verantworten.

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