Urteil im Prozess gegen Münchhausen-Mutter "Keiner hat sich getraut, das zu hinterfragen"

Keine Glasknochenkrankheit und auch kein Rheuma: Eine Mutter hat Ärzten und Behörden vorgespielt, ihre Kinder seien schwer erkrankt, um Sozialleistungen zu erschwindeln. Jetzt wurde sie zu acht Jahren Haft verurteilt.

Angeklagte Maike B. im Lübecker Landgericht: "Eine überbesorgte Mutter im Kampfmodus"
Rainer Jensen/ DPA

Angeklagte Maike B. im Lübecker Landgericht: "Eine überbesorgte Mutter im Kampfmodus"

Von , Lübeck


Über den Ausgang ihres Prozesses machte sich Maike B. schon nach dem ersten Verhandlungstag am Lübecker Landgericht keine Illusionen. "Es wird Knast oder Psychiatrie für mich", sagte sie damals dem SPIEGEL. Zumindest in diesem Punkt sollte sie recht behalten.

Am Mittwochvormittag wurde das Urteil über die fünffache Mutter gesprochen, die ihren Kindern Krankheiten eingeredet und sie in den Rollstuhl gezwungen hat. Die zwischen 2010 und 2016 etwa 140.000 Euro an Hilfs- und Sozialleistungen erschlichen und Medikamente im Wert von Hunderttausenden Euro gehortet hat.

Acht Jahre muss B. ins Gefängnis - wegen schweren Missbrauchs Schutzbefohlener, Betrugs und Urkundenfälschung. Sie wurde wegen Fluchtgefahr noch im Gerichtssaal verhaftet und in Untersuchungshaft genommen.

"Voll schuldfähig"

Wenig überraschend hat B.s Anwalt nach dem Urteil Revision angekündigt - seine Mandantin hatte in der Vergangenheit mit etlichen Eingaben unter Beweis gestellt, dass sie gewillt ist, sämtliche Rechtsmittel auszuschöpfen.

In der Urteilsbegründung betonte die Vorsitzende Richterin Helga von Lukowicz, dass keines der Kinder an den behaupteten Krankheiten gelitten habe - weder an der seltenen Glasknochenkrankheit noch am Willebrand-Syndrom (eine angeborene Störung der Blutgerinnung) oder unter Rheuma. Dennoch habe die Mutter sie angehalten, diese im Kontakt mit Ärzten, Pflegekräften und Behörden zu simulieren.

"Die Kinder wussten, dass sie nicht so stark beeinträchtigt sind, wie ihre Mutter vorgab. Aber sie wussten nicht, dass sie nicht krank sind", sagte Lukowicz. Maike B. habe ihren Kindern schreckliche Folgen der angeblich chronischen Krankheiten in Aussicht gestellt, wie etwa Querschnittslähmung. Auch soll sie ihnen gedroht haben, sie in ein Heim oder die Psychiatrie zu bringen, so die Richterin.

Laut dem Urteil ist Maike B. voll schuldfähig - obwohl die medizinische Gutachterin Mariana Wahdany ihr ein Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom attestiert hat.

Dabei handelt es sich um eine Persönlichkeitsstörung, bei der überwiegend Mütter ihre Kinder krank machen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Weil B. ein Gespräch verweigerte, kam die Psychiaterin auf Basis von Zeugenaussagen und Gerichtsakten zu ihrer Einschätzung. Für B. seien die Kinder nicht Individuen, sondern Objekte gewesen, sagte die Gutachterin. Der Angeklagten fehle es an Empathie.

"B. konnte Menschen manipulieren"

Dutzende Zeugen hatten vor Gericht ausgesagt - das Bild, das sich ergab, lässt tatsächlich auf ein Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom schließen:

  • Demnach sammelte B. detaillierte Informationen über Krankheiten, Fachärzte und Medikamente, machte sich selbst zur "Expertin".
  • Sie schirmte ihre Kinder ab, machte sie von sich abhängig und zu Komplizen.
  • Sie pflegte ein enges Verhältnis zu behandelnden Ärzten und beeinflusste sie in ihrem Sinne.
  • Sie manipulierte ihr soziales Umfeld, schuf auch dort Abhängigkeitsverhältnisse.
  • Bei Angst vor Entdeckung drohte sie mit Anzeigen, Medienveröffentlichungen und Reputationsverlust.
  • B.s Handeln wirkte nach außen reflektiert, geplant, rational. Sie machte klare Ansagen, war hochfunktional.

"B. konnte Menschen manipulieren", sagte zum Beispiel Christine Irmler. Die Frau hat nach eigenen Angaben 2015 im Haus der Angeklagten als Reinigungskraft gearbeitet. Die Söhne von Maike B. hätten angeblich an der Glasknochenkrankheit gelitten und im Rollstuhl gesessen. "Aber zu Hause sind sie frei rumgeturnt", erinnerte sich Irmler gegenüber dem SPIEGEL, "nur wenn eine Pflegekraft kam, ging plötzlich nichts mehr." Als sie misstrauisch geworden sei, habe B. sie entlassen - "sie hatte wohl Angst, dass ich ihr auf die Schliche komme".

"Ziemlich Rabatz gemacht"

"Frau B. hatte das Talent, andere Eltern für sich einzunehmen und dann gezielt Unfrieden im schulischen Umfeld zu verbreiten", sagte Jessica Gube, Lehrerin an der örtlichen Waldorfschule, dem SPIEGEL.

Drei Kinder der Angeklagten hätten die Schule zeitweise besucht. Als eine Tochter plötzlich, wie bereits die Geschwister, mit einem Rollstuhl aufgetaucht sei, habe das Kollegium Verdacht geschöpft und "ziemlich Rabatz gemacht" - mit der Folge, dass B. die Schule als behindertenfeindlich dargestellt habe. Die Tochter sei kurz darauf von der Schule genommen worden.

"Hohe kriminelle Energie"

Zwar sei bei der Bemessung des Strafmaßes das diagnostizierte Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom berücksichtigt worden, sagte die Richterin bei der Urteilsverkündung. Allerdings liege weder eine Schuldunfähigkeit nach §20 noch eine verminderte Schuldfähigkeit nach §21 des Strafgesetzbuchs vor.

"Ein Münchhausen-by-Proxy bedingt nicht automatisch eine Strafminderung", erklärt der Psychiater Ulrich Sachsse gegenüber dem SPIEGEL. "Das muss in jedem Einzelfall sehr genau geprüft werden."

Weil Täter oder Täterinnen ihr Vorgehen oft akribisch planten und sich Misshandlungen oft über Jahre hinzögen, könne in den seltensten Fällen von irrationalem oder affektivem Handeln gesprochen werden, das strafmindernd wäre.

Betrug, so betont Sachsse, sei zudem kein typisches Element des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms. "Es bedarf einer zusätzlichen hohen kriminellen Energie, wenn Versicherungs- oder Sozialbetrug hinzukommen."

Maike B. hatte Ärzten gefälschte Berichte vorgelegt, um Untersuchungen und Behandlungen in die Wege zu leiten. Ihr Motiv war, von Krankenkassen und Sozialleistungsträgern Geld für Betreuungsleistungen zu erhalten, die in Wirklichkeit gar nicht nötig waren.

"Überbesorgte Mutter im Kampfmodus"

Dass der Betrug überhaupt möglich wurde, sei auch einem "Fehler im System geschuldet", sagt der ehemalige behandelnde Hausarzt, Helmut Trapp, dem SPIEGEL. "Viele Arztbriefe wurden mir nicht direkt vom Facharzt zugeschickt, sondern von der Mutter übergeben." Dadurch seien die Fälschungen überhaupt erst möglich geworden.

Trapp und weitere behandelnde Ärzte hatten vor Gericht ausgesagt. Die Vorsitzende Richterin kritisierte auch das Verhalten der Mediziner. Anstatt blind den Diagnosen der Fachärzte zu vertrauen, hätten sie die Kinder selbst genauer untersuchen müssen. Ein seit Jahren umstrittener Kinderrheumatologe hatte B.s Kindern offenbar fälschlich eine Glasknochenkrankheit diagnostiziert und teure Medikamente und Therapien verschrieben. Staatsanwältin Hansen geht davon aus, dass gegen den Mediziner ein Verfahren eingeleitet wird.

"Ich habe B. als eine überbesorgte Mutter im Kampfmodus erlebt", sagte der behandelnde Kinderarzt Markus Giersch vor Gericht. Ob und wie es den Kindern in Zukunft gelingen kann, die Macht der Mutter über ihr Denken und Handeln zu brechen, ist schwer zu prognostizieren. Der jüngste Sohn ist heute elf, die älteste Tochter 27 Jahre alt.

Welche Rolle spielte der Vater der Kinder?

Ebenso unklar ist, wie der Vater - im Prozess als passiv und von der Ehefrau dominiert beschrieben - seine Erziehungsaufgaben für die noch minderjährigen Kinder während B.s Haft wahrnehmen wird. Das Paar besitzt das gemeinsame Sorgerecht.

"Wir müssen aber prüfen, ob wir nach den Aussagen im Hauptverfahren Ermittlungen gegen den Vater aufnehmen", sagt Staatsanwältin Renate Hansen. Es müsse geklärt werden, ob Michael B. sich möglicherweise der Unterlassung schuldig gemacht habe.

"Wir fühlen uns verletzt, betrogen und beschämt"

In der ostholsteinischen Gemeinde Lensahn hat der Betrugsfall Spuren hinterlassen. "Unsere Lehrkräfte haben mit Tränen in den Augen die Geschichte der schwer kranken Kinder gehört", erinnert sich der Rektor der örtlichen Gesamtschule, Bernd Ziemens. "Da trat eine Mutter als Anwältin ihrer schwer kranken Kinder auf. Keiner hat sich getraut, das zu hinterfragen."

Die Schule installierte auf Drängen B.s für mehr als 140.000 Euro einen behindertengerechten Fahrstuhl, eine Rollstuhlrampe und Notfallrutschen - viel Geld für die Gemeinde. B. sei sehr resolut aufgetreten. "Sie stellte Forderungen, bestand auf schriftlichen Abmachungen mit der Schulleitung", so Ziemens. "Was sie vorbrachte, war stets mit der subtilen Drohung verbunden, dass sie die Presse oder die Staatsanwaltschaft einschaltet, falls wir nicht spuren."

Die Schule verhalte sich grundsätzlich wohlwollend gegenüber Eltern und Schülern. "Doch durch den Fall der Familie B. hat unsere Gutgläubigkeit gelitten. Wir fühlen uns verletzt, betrogen und beschämt."

Auf Anfrage des SPIEGEL erklärte B., es werde "noch einige Zeit dauern" bis sie sich zur Sache äußern werde. Die Deutungshoheit über ihr Leben und ihre Geschichte will sie offenbar auch nach dem Urteil nicht abgeben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Texts stand, es liege keine Schuldunfähigkeit nach den Paragrafen 20 und 21 des Strafgesetzbuchs vor. Richtig ist, dass sich Paragraf 21 auf verminderte Schuldfähigkeit bezieht.

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