Prozess in Lübeck Kinder in Rollstuhl verbannt - Mutter muss acht Jahre in Haft

Eine Frau aus Schleswig-Holstein spielte Ärzten und Behörden vor, ihre Kinder seien schwer erkrankt - und erschwindelte so Sozialleistungen. Nun hat ein Gericht die 49-Jährige verurteilt.

David Ebener / DPA

Im Misshandlungsprozess gegen eine 49 Jahre alte Mutter hat das Landgericht Lübeck das Urteil verkündet: Maike B. muss für acht Jahre ins Gefängnis. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass die Frau aus Lensahn im Kreis Ostholstein jahrelang ihre Kinder fälschlicherweise als krank ausgegeben und ihnen damit schweren Schaden zugefügt hat. Wegen Fluchtgefahr wurde die Angeklagte, die sich bis dahin auf freiem Fuß befunden hatte, noch im Gerichtssaal festgenommen.

Gegenüber Krankenkassen, Behörden und Ärzten behauptete B. laut Anklage, ihre Tochter und ihre drei Söhne litten an schweren chronischen Erkrankungen. Sie soll Arztberichte gefälscht und gegenüber Medizinern falsche Symptome geschildert haben, um so an Atteste zu gelangen. Die Liste der vermeintlichen Erkrankungen war lang: Sie umfasste Rheuma, Arthritis, Asthma, die Bluterkrankheit und die sogenannte Glasknochenkrankheit, bei der Knochen durch einen Erbgutfehler nicht richtig aufgebaut werden und deshalb leichter brechen.

Die Staatsanwaltschaft vermutete Geldgier und Geltungssucht als Motiv und beantragte zehn Jahre Haft für die 49-Jährige. Die Verteidigung sah eine Mitschuld des Gesundheitssystems und forderte deshalb eine milde Strafe. Sie kündigte nach der Urteilsverkündung Revision an.

Münchhausen-Stellvertretersyndrom

Der Mutter wurde schwere Misshandlung von Schutzbefohlenen in vier Fällen und gewerbsmäßiger Betrug in 17 Fällen vorgeworfen. Laut Anklage soll sich Maike B. 140.000 Euro an Sozialleistungen erschlichen haben. "Weil sich die vier Minderjährigen vormittags nur im Rollstuhl bewegen durften, waren sie sozial und schulisch sehr beeinträchtigt", sagte Staatsanwältin Renate Hansen.

Nach Aussage einer psychiatrischen Sachverständigen leidet B. an dem sogenannten Münchhausen-Stellvertretersyndrom, ist aber voll schuldfähig. Bei dieser psychischen Störung erfinden Eltern bei ihren Kindern Krankheitssymptome, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es fälschlicherweise, bei der Glasknochenkrankheit würden Knochen durch Nekrosen zersetzt. Wir haben das korrigiert.

wit/ala



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.