Lügde-Missbrauchsprozess "Das soll er sich ruhig anhören"

Im Prozess um den Missbrauchsfall von Lügde hat das Gericht ein Verfahren abgetrennt. Für die erste Aussage eines Opfers wollte einer der Angeklagten den Saal verlassen - das durfte er nicht.

Angeklagter Andreas V. mit seinem Anwalt im Landgericht Detmold
Friso Gentsch / POOL / AFP

Angeklagter Andreas V. mit seinem Anwalt im Landgericht Detmold


Im Prozess um den hundertfachen sexuellen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde wird das Verfahren gegen einen der drei Angeklagten abgetrennt. Das entschied die Vorsitzende Richterin am zweiten Tag der Verhandlung vor dem Landgericht Detmold.

Dort hatte das Verfahren gegen drei Angeklagte am Donnerstag mit Geständnissen aller drei Angeklagten begonnen (mehr über den Prozessauftakt erfahren Sie hier). Abgetrennt wird nun das Strafverfahren gegen Heiko V. aus dem niedersächsischen Stade. Er soll sich in Webcam-Übertragungen angesehen haben, wie Minderjährigen schwere Gewalt angetan wurde.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 49-Jährigen Anstiftung und Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Kindern vor, zudem den Besitz von kinder- und jugendpornografischen Schriften. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Jann Henrik Popkes, sagte dem SPIEGEL, er rechne für seinen Mandanten nun nur noch mit einem weiteren Verhandlungstermin mit direkter Urteilsverkündung.

Die Zuschauer gehen, die Angeklagten bleiben

In dem Prozess sagte nun erstmals ein Missbrauchsopfer aus. Auf Antrag der Anwältin der 19-Jährigen wurde die Öffentlichkeit für die Anhörung vorübergehend ausgeschlossen. Auf ausdrücklichen Wunsch der jungen Frau sollten die drei Angeklagten hingegen im Saal bleiben.

Der Verteidiger des Hauptangeklagten Andreas V. beantragte daraufhin, sein Mandant wolle während der Aussagen nicht im Raum sein. "Nein, das soll er sich ruhig anhören", sagte die Richterin. Dann werde er sein Gesicht mit einer Akte verdecken, erwiderte der Verteidiger. "Ja, soll er sich dahinter verstecken", konterte die Richterin.

Insgesamt waren für den zweiten Verhandlungstag vier Zeugen geladen - darunter die junge Erwachsene, die einer Gerichtssprecherin zufolge zum Zeitpunkt der Übergriffe im Jugendlichenalter gewesen sein soll, sowie eine heute Zehnjährige, die ihrem Anwalt zufolge von Andreas V. im Alter von neun Jahren missbraucht wurde.

Der Kontakt in diesem Fall sei über die Freundin der damals Neunjährigen gelaufen, die als Pflegekind bei Andreas V. auf dem Campingplatz lebte und ebenfalls sexuell misshandelt wurde, sagte der Anwalt des Mädchens vor dem Saal. "Hätten die Behörden halbwegs optimal gearbeitet, wäre meiner Mandantin das Leid erspart geblieben. Denn es gab viele Hinweise auf Andreas V. - wie kann ein Jugendamt so einem Mann eine Pflegetochter anvertrauen?" Im Fall Lügde wird wegen zahlreicher Pannen auch gegen Mitarbeiter von Polizei und Jugendämtern ermittelt.

Grundsätzlich sollen die Betroffenen dem Gericht zufolge möglichst nicht mehr mit den Taten selbst konfrontiert werden. Es gehe vor allem darum, sich ein Bild zu verschaffen, wie es ihnen heute geht.

Der Prozess wird nach der Abtrennung eines Verfahrens nun gegen den 56-jährigen Andreas V. und den 34-jährigen Mario S. fortgesetzt. Die Anklage wirft ihnen hundertfachen sexuellen und schweren sexuellen Missbrauch von Kindern auf dem Campingplatz an der Landesgrenze zu Niedersachsen und in einem Haus in der Ortschaft Steinheim vor.

Der Verteidiger von Andreas V. hatte sich nach dem Geständnis seines Mandanten am Donnerstag erleichtert gezeigt. Johannes Salmen deutete an, dass die Gespräche mit V. wohl nicht immer einfach waren: "Ich möchte einen schlanken Prozess für alle", sagte Salmen - das klang nach: keine Verzögerungstaktik, ein schnelles Urteil.

Salmen sagte auch, er rechne mit einer Zahl an Gefängnisjahren "in zweistelliger Höhe", wohl mit Sicherungsverwahrung: "Wann, wenn nicht hier?" Bei allen Prozessbeteiligten gilt Andreas V. als schwer therapierbar, selbst bei seinem Verteidiger. Der Dauercamper wird wohl nie wieder freikommen.

"Es ist allerhöchste Zeit"

Ein Opferanwalt hatte am Donnerstag gesagt, vom Urteil müsse "ein starkes Signal" ausgehen, das sich an andere Täter richten solle: ein Urteil, das abschreckt und wachrüttelt. "Wir haben ein Problem mit Kindesmissbrauch, das muss der Gesellschaft endlich klar werden", sagte er. "Wir alle müssen sensibler werden, und die Politik muss überlegen: Was können wir besser machen? Es ist allerhöchste Zeit."

Die Vorsitzende Richterin hatte zu Beginn des Prozesses gesagt, die angeklagten Taten seien "zweifelsohne abscheulich", und: "Die Anschuldigungen lassen niemanden unberührt." Erschreckend sei die hohe Zahl mutmaßlicher Opfer sowie der lange Zeitraum der Vorwürfe von mehr als 20 Jahren (lesen Sie mehr darüber).

Bei den Ermittlungen waren mehr als 40 Kinder identifiziert worden, die womöglich missbraucht worden waren. Eingang in die Anklage fanden laut Gericht 34 mutmaßliche Opfer, es geht um etwa 300 Einzeltaten sowie Tausende Bild- und Videodateien, die sexuelle Übergriffe auf Minderjährige zeigen. Alle Opfer waren minderjährig, die jüngsten sollen vier Jahre alt gewesen sein.

mxw/le/dpa

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