Mutmaßlicher Mittäter im Missbrauchsfall Lügde Verteidiger will Verfahren abtrennen

Jahrelang soll Andreas V. Kinder sexuell missbraucht und dabei gefilmt haben. Welche Rolle spielte Heiko V., der teils per Internet dabei zugeschaut haben soll? Sein Anwalt will ihn aus dem Hauptverfahren raushalten.

Polizeieinsatz auf dem Campingplatz "Eichwald"
Guido Kirchner/ DPA

Polizeieinsatz auf dem Campingplatz "Eichwald"

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Im anstehenden Prozess um den Missbrauchsfall in Lügde könnte das Verfahren gegen einen der drei Angeklagten abgetrennt werden. Das ist zumindest das Anliegen des Rechtsanwalts Jann Henrik Popkes, der den Beschuldigten Heiko V. verteidigt.

Der Prozess am Landgericht Detmold beginnt am Donnerstag, die Staatsanwaltschaft wirft Heiko V., 49, Anstiftung und Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Kindern vor, zudem den Besitz von kinder- und jugendpornografischen Schriften.

Hauptbeschuldigter im Fall Lügde ist Andreas V., 56, der in seiner Campingbehausung jahrelang Kinder missbraucht haben soll, teils vor laufender Livekamera. Laut Anklage soll Heiko V. an solchen Liveübertragungen per Internet teilgenommen haben.

"Ich werde darauf hinwirken, dass das Verfahren gegen meinen Mandanten vom jetzt beginnenden Prozess abgetrennt und gesondert weitergeführt wird", sagt Popkes dem SPIEGEL. Die Vorwürfe, die sich gegen Heiko V. richteten, würden sich "quantitativ und qualitativ erheblich" von den Vorwürfen unterscheiden, die den beiden anderen Angeklagten, Andreas V. und Mario S., zur Last gelegt werden. Heiko V. soll laut Anklage in mindestens vier Fällen an den Webcam-Übertragungen von Andreas V. teilgenommen haben, die Staatsanwaltschaft wirft Andreas V. sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen und schweren sexuellen Missbrauch von Kindern in 298 Fällen vor.

"Mein Mandant hat sich strafbar gemacht", sagt Popkes, "er hat den Besitz von Kinderpornografie zugegeben. Er hat auch zugegeben, dass er über das Internet an Liveübertragungen des Hauptbeschuldigten teilgenommen hat, in denen es zu sexuellen Handlungen an einem Kind gekommen ist. Ohne die Vorwürfe gegen meinen Mandanten zu bagatellisieren, ist es aber ein Unterschied, ob ich ein Kind selbst missbrauche oder ob ich ein Zaungast bin." Sein Ziel sei eine Bewährungsstrafe für Heiko V., sagt der Verteidiger: "Das halte ich auch für realistisch." Bei dem Angeklagten wurden mehr als 42.000 Bild- und Videodateien mit einschlägigem Material sichergestellt.

Abtrennung "theoretisch möglich"

Eine Sprecherin des Landgerichts Detmold teilt mit, dass eine Abtrennung "theoretisch möglich" sei, wenn die Kammer sie für "sachdienlich" halte. Zu dem konkreten Fall könne man derzeit nichts sagen, die Kammer werde einen entsprechenden Antrag im Rahmen der Hauptverhandlung prüfen.

Andreas V. und Mario S. lebten auf dem Campingplatz "Eichwald" in Lügde. Beide Männer sollen über Jahre in ihren Wohnwagen Kinder sexuell missbraucht und dabei gefilmt haben.

Zwei Tage vor Beginn des Prozesses haben sich Regierungs- und Oppositionsfraktionen im nordrhein-westfälischen Landtag auf die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses geeinigt. Das gaben CDU, FDP, SPD und Grüne am Dienstag bekannt.

Der Landtag will den Ausschuss am Mittwoch offiziell einsetzen. Er soll Fehlverhalten auf allen mit den Vorgängen befassten Ebenen oder Behörden aufklären. Dies könne nur gelingen, "wenn das Handeln von Polizei, Landkreisbehörden und Landesregierung im Fall Lügde gleichermaßen intensiv untersucht wird", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. Der Ausschuss befasst sich mit drei Komplexen: Polizei und Staatsanwaltschaft, Jugendämter sowie dem Umgang der Landesregierung mit dem Fall.

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