Opferanwalt zum Fall Lügde "Schockierend, brutal, widerwärtig"

Jahrelang sollen zwei Männer auf einem Campingplatz in Lügde Kinder missbraucht haben. Anwalt Peter Wüller hatte Einblick in mehrere Ermittlungsakten. Der Inhalt ist nur schwer zu ertragen.

Peter Wüller
Friso Gentsch/ DPA

Peter Wüller

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SPIEGEL ONLINE: Auf dem Campingplatz "Eichwald" in Lügde sollen Andreas V. und sein Komplize Mario S. über Jahre Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Sie vertreten vier der mutmaßlichen Opfer und hatten nun Einsicht in die Ermittlungsakten der Polizei Bielefeld, welches Bild ergibt sich daraus?

Peter Wüller: Die Akten bestehen hauptsächlich aus den Vernehmungen der Kinder. Es gibt eine Hauptakte, und dann hat jedes Kind noch eine eigene Fallakte. Das ist auch gut, denn sonst würde man den Überblick verlieren, bei so vielen Taten, so vielen Opfern. Was die Kinder ausgesagt haben, ist schockierend, brutal, widerwärtig. Es geht mitunter um kleine Kinder, gerade mal vier Jahre alt, die gehen noch nicht zur Schule und können sich noch nicht selber die Schuhe zubinden.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele mutmaßliche Opfer tauchen in den Akten auf?

Wüller: Es sind 28 Kinder, die vom Hauptbeschuldigten Andreas V. missbraucht worden sein sollen. Und 18 Kinder, die Opfer von Mario S. geworden sein sollen. Manche von ihnen wurden von beiden Männern missbraucht, erst im Wohnwagen des einen, dann in dem des anderen. Aus Sicht der Beschuldigten hat man sich die Kinder offenbar geteilt.

Ein Kindertretauto und ein Hüpfball liegen vor der bereits zum Teil abgerissenen Parzelle des mutmaßlichen Täters
Guido Kirchner / dpa

Ein Kindertretauto und ein Hüpfball liegen vor der bereits zum Teil abgerissenen Parzelle des mutmaßlichen Täters

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Opfer die Männer kennengelernt?

Wüller: Die Kinder haben den Campingplatz als Abenteuerspielplatz gesehen, einer der Beschuldigten hatte ein Trampolin, das hat sie wahrscheinlich angezogen. Das war für die Kinder Freizeit, Spaß. Einige von ihnen waren nur am Wochenende auf dem Campingplatz. Aus meiner Sicht haben die Beschuldigten ein System entwickelt, um sich die Kinder gefügig zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah das aus?

Wüller: Es funktionierte über Bestrafung und Belohnung. Nach dem Motto: Wenn du tust, was ich dir sage, bekommst du Eis oder darfst Trampolin springen. Wenn du nicht tust, was ich sage, bekommst du Wohnwagenarrest. Offenbar mussten die Kinder dann so lange im Wohnwagen bleiben, bis die Männer ihren Willen durchgesetzt hatten.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Kinder, die versucht haben, sich dagegen zu wehren?

Wüller: Ein Junge sagte aus, er habe versucht, sich abzuwenden, aber das sind Kinder, die können sich nicht wehren wie ein Erwachsener.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, die Opfer sollen gezwungen worden sein, sich gegenseitig zu missbrauchen.

Wüller: Laut den Aussagen kam es mitunter vor, dass ein Kind den Befehl bekam, ein anderes im Genitalbereich anzufassen. Es waren offenbar manchmal mehrere Kinder gleichzeitig im Wohnwagen. Es soll dabei vorgekommen sein, dass ein Kind missbraucht wurde, während andere nackt danebenstehen und zusehen mussten. Es kam laut den Vernehmungsprotokollen auch vor, dass sich ein Beschuldigter an zwei Kindern gleichzeitig verging. Die Männer sollen ihre Taten gefilmt haben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Andreas V. und Mario S. die Kinder unter Druck gesetzt, damit sie gegenüber anderen schweigen?

Wüller: Dazu ist mir nichts bekannt. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass der Campingplatz womöglich eine Art Schutz für die Männer geboten hat. Wir reden hier nicht von einer einsamen Waldhütte, wir reden von einem Campingplatz, wo die Menschen dicht an dicht wohnen. Wie soll da niemand etwas mitbekommen haben?

SPIEGEL ONLINE: Der Fall steht auch für zahlreiche Polizeifehler, da offenbar jahrelang Hinweise nicht richtig verfolgt wurden. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Arbeit der Bielefelder Ermittler?

Wüller: Die Vernehmungen der Kinder wurden gut gemacht. Es gab ein spezielles Vernehmungszimmer, die Beamtinnen haben sich viel Zeit gelassen, sie haben die Kinder behutsam an das Thema herangeführt. Ich halte die Aussagen deswegen auch für absolut glaubwürdig. Obwohl sich einige der Opfer nicht kannten, sind ihre Erzählungen mitunter fast deckungsgleich. Es waren oft dieselben Abläufe, dieselben Drohungen, Belohnungen, Taten.

SPIEGEL ONLINE: In wenigen Wochen soll der Prozess beginnen, mit welcher Strafe für die Hauptbeschuldigten rechnen Sie?

Wüller: Die Maximalstrafe wäre 15 Jahre, mehr ist gesetzlich nicht drin. Ich rechne mit 14 Jahren, plus anschließender Sicherungsverwahrung.

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