Lügde-Prozess Lange Freiheitsstrafen für Missbrauch auf Campingplatz

Das Landgericht Detmold hat Andreas V. und Mario S. wegen vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde schuldig gesprochen. Sie müssen 13 und 12 Jahre in Haft - und anschließend in Sicherungsverwahrung.

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Im Missbrauchsprozess von Lügde hat das Landgericht Detmold Andreas V. und Mario S. zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Die Kammer verhängte eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren gegen den 56-jährigen V. wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs in mehr als zweihundert Fällen. Der 34-jährige Mario S. muss dem Schuldspruch zufolge zwölf Jahre in Haft. Das Gericht ordnete außerdem für beide die anschließende Sicherungsverwahrung an.

Auf einem Campingplatz im ostwestfälischen Lügde missbrauchten die beiden der Anklage zufolge jahrelang in Hunderten Fällen insgesamt 34 Kinder. Der ältere der beiden Männer hat demnach in mehr als zweihundert Fällen Kinder vergewaltigt, der jüngere in fast fünfzig Fällen. Einige Opfer sollen zur Tatzeit noch im Kindergartenalter gewesen sein. Die meisten Taten sollen die Männer in der heruntergekommenen Behausung von Andreas V. auf dem Campingplatz an der Grenze zu Niedersachsen begangen haben.

Unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft

Mit ihrem Schuldspruch blieb das Gericht unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Sie hatte für Andreas V. 14 Jahre gefordert, die Verteidigung 12. Gegen Mario S. hatte die Anklage zwölfeinhalb Jahre Haft beantragt, seine Verteidigung verzichtete auf einen konkreten Strafantrag.

"Nach wie vor fällt es schwer, das Geschehen in Worte zu fassen", sagte die Vorsitzende Richterin Anke Grudda in der Urteilsbegründung. Worte wie "abscheulich, monströs, widerwärtig" reichten nicht aus, das Geschehen zu beschreiben. "Auch nach zehn Verhandlungstagen bleibt die Fassungslosigkeit."

Die beiden seien für Taten an 32 Kindern verurteilt worden, sagte Grudda. Die Zahl der Opfer sei vermutlich viel höher. Die Richterin sprach die Verurteilten mehrfach direkt an: "Sie haben 32 Kinder und Jugendliche zu Objekten ihrer sexuellen Begierden degradiert und 32 Kindheiten zerstört." Die Kammer habe leider nicht den Eindruck gewinnen können, dass die beiden auch nur ansatzweise verstanden hätten, welche Schuld sie auf sich geladen hätten.

Zu den Opfern des Dauercampers zählte laut Anklage auch ein Mädchen, das als Pflegetochter bei ihm einzog und als Lockvogel diente, um an weitere Opfer zu kommen. Eine Psychiaterin hatte Andreas V. im Prozess als manipulativ, narzisstisch und antisozial beschrieben, mit einer tief verwurzelten Neigung zu Kindesmissbrauch. Andreas V. und Mario S. hatten beide am ersten Verhandlungstag Ende Juni Geständnisse abgelegt.

Der Prozess hatte vor zehn Wochen Ende Juni begonnen. Aus Opferschutzgründen fand er in weiten Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Am Rande des Prozesses hatten Nebenklägervertreter von schweren Traumata ihrer Mandanten berichtet.

Andreas V. waren insgesamt rund 290 Missbrauchstaten zur Last gelegt worden. Mario S. hatte sich laut Anklage in rund 160 Fällen an Mädchen und Jungen vergangen - seit 1999 war er dazu immer wieder zu Gast auf dem Campingplatz, aber auch seine Wohnung in Steinheim bei Höxter soll Tatort gewesen sein. Beide Männer filmten ihre Taten, bei beiden stellte die Polizei Tausende Bild- und Videodateien sicher, die sexuelle Gewalt gegen Kinder- und Jugendliche zeigen.

Beweismittel verschwanden

Polizei und Jugendämter stehen in dem Fall in der Kritik. Sie sollen Hinweisen auf den Hauptverdächtigen zunächst nicht nachgegangen sein. Auch bei den Ermittlungen gab es Pannen, unter anderem verschwanden Beweismittel. Der nordrhein-westfälische Landtag hat deshalb einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss eingesetzt. Er soll die Rolle von Polizei und Staatsanwaltschaft, Jugendämtern sowie den Umgang der Landesregierung mit dem Fall beleuchten.

Nach Bekanntwerden des Falls hatte NRW-Innenminister Herbert Reul das Thema zur Chefsache erklärt. Mittlerweile stuft das CDU-geführte Ministerium Kindesmissbrauch und Kinderpornografie als "kriminalpolitischen Schwerpunkt" ein. In den Kreispolizeibehörden sei das Personal für die Bearbeitung solcher Fälle "deutlich aufgestockt" worden, hieß es aus dem Ministerium. Dennoch waren zuletzt noch Hunderte Durchsuchungsbeschlüsse unbearbeitet, die Polizei gilt als überfordert.

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In einem weiteren Urteil in dem Missbrauchsfall war bereits Heiko V. aus dem niedersächsischen Stade zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Die Kammer sprach ihn wegen Anstiftung und Beihilfe zum sexuellen und schweren Missbrauch von Kindern schuldig.

Er hatte nach Überzeugung des Gerichts an Webcam-Übertragungen teilgenommen, bei denen ein Kind auf dem Campingplatz sexuell missbraucht wurde. Dabei gab er demnach auch Anweisungen und befriedigte sich vor den Augen des Kindes selbst. Er wurde zudem wegen des Besitzes von kinderpornografischen Fotos und Videos schuldig gesprochen. Die Ermittler hatten Zehntausende Dateien bei ihm gefunden.

apr/dpa

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