Urteil im Lügde-Prozess "Perfides System aus Bestechung, Erpressung, Drohungen und Gewalt"

Andreas V. und Mario S. sind wegen hundertfachen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden. "Zu keinem Zeitpunkt" habe sie bei den Männern Reue feststellen können, sagt die Richterin. Das Rückfallrisiko sei hoch.

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Von , Detmold


Es fällt Anke Grudda schwer, Worte zu finden für das, was sie in den elf Verhandlungstagen sehen und hören musste. "Wie soll man das nennen?", fragt die Vorsitzende Richterin im Saal 165 des Landgerichts Detmold. "Widerwärtig? Monströs? Ich glaube, alle Bezeichnungen reichen nicht aus." Fest stehe nur, sagt sie, dass sich die Bilder der Übergriffe in die Köpfe aller Beteiligten eingebrannt hätten. "Und zwar für immer."

Um kurz nach 9 Uhr verkündet Grudda das Urteil im Missbrauchsfall von Lügde: Der Hauptangeklagte Andreas V. muss für 13 Jahre ins Gefängnis, sein Komplize Mario S. für 12 Jahre. Für beide ordnete Grudda eine anschließende Sicherungsverwahrung an. Die Männer lebten auf dem Campingplatz "Eichwald" in Lügde, die meisten ihrer Taten geschahen in ihren Wohnwagen. Andreas V. und Mario S. wurden in mehr als 400 Fällen wegen sexuellen Missbrauchs und schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt.

"Was Sie da angerichtet haben"

Es ist das Ende eines Prozesses, der Antworten finden musste auf die schwierige Frage, welche Strafen angemessen sind für hundertfachen Missbrauch an Mädchen und Jungen im Kindergartenalter. Grudda spricht knapp eine Stunde, rechts von ihr sitzen die Angeklagten. Andreas V., 56, Jeans und grauer Kapuzenpullover, blickt der Richterin während der Ausführungen ins Gesicht, seinen Ellenbogen hat er auf den Tisch vor sich gestützt. Mario S., 34, schwarzes Shirt und langer Kinnbart, schaut zu Boden. Beide zeigen keine Regung, auch dann nicht, wenn sie von Grudda angesprochen werden: "Sie haben 32 Kinder und Jugendliche zu Objekten Ihrer sexuellen Begierde degradiert", sagt sie, "das ist Ihre Schuld, und es ist Ihnen nicht mal bewusst geworden, was Sie da angerichtet haben." Reue, sagt Grudda, habe sie bei den Männern "zu keinem Zeitpunkt feststellen" können.

Mario S. (l.) und Andreas V.: Lange Haftstrafen nach Hunderten Missbrauchsfällen auf Campingplatz
Bernd Thissen/DPA

Mario S. (l.) und Andreas V.: Lange Haftstrafen nach Hunderten Missbrauchsfällen auf Campingplatz

Der Prozess dauerte gut zwei Monate, 33 Zeugen waren geladen. Es ging zügig voran, weil die Angeklagten am ersten Verhandlungstag den Großteil der Taten gestanden hatten. Grudda stellte es den Opfern danach frei, auszusagen oder nicht. Manche Kinder erschienen vor Gericht, bestätigten das, was sie schon der Polizei erzählt hatten. Andere kamen nicht, auch deswegen, weil Psychologen ihnen davon abgeraten hatten. Die meisten Opfer von Andreas V. und Mario S. sind inzwischen in Therapie. Manche leiden unter Angstzuständen, manche haben sich selbst verletzt, es gibt Betroffene, die können kaum mehr schlafen, oder nur, wenn Licht eingeschaltet ist.

Kein Zweifel. Das ist die Formulierung, die Grudda am häufigsten verwendet. Kein Zweifel, dass sich die Taten so zugetragen haben, wie in der Anklage der Staatsanwaltschaft beschrieben. Andreas V. habe auf dem Campingplatz ein "perfides System aus Bestechung, Erpressung, Drohungen und Gewalt" angewendet. Er habe Kindern Eis versprochen dafür, dass sie sich nackt fotografieren ließen. Ein Mädchen habe er geschlagen, als es aufhören wollte, ihn oral zu befriedigen.

Gericht sieht hohes Rückfallrisiko

Kein Zweifel, sagt Grudda, dass bei den Männern eine Sicherungsverwahrung anzuordnen sei, weil ihr Rückfallrisiko "sehr hoch" sei und selbst Therapien wohl nichts ändern würden. Andreas V. und Mario S. werden damit auch nach dem Ende ihrer Freiheitsstrafen nicht freikommen. Und schließlich auch kein Zweifel, sagt die Richterin, dass die Betroffenen ein Leben lang mit den Taten zu kämpfen hätten.

Ein paar der Opfer hören Gruddas Worte. Sie haben in einem Raum im Erdgeschoss des Landgerichts Platz genommen, wo der Urteilsspruch per Videoschalte live auf eine Leinwand übertragen wird. Das Gericht hatte es den Betroffenen ermöglicht, die Entscheidung mitzubekommen, ohne mit den Tätern in einem Raum sitzen zu müssen. Rund 15 Personen nahmen das Angebot an. Manche sind mit ihren Angehörigen gekommen, andere mit Betreuern der Hilfsorganisation Weißer Ring.

Nach dem Urteilsspruch steht der Opferanwalt Roman von Alvensleben vor dem Gerichtssaal. Er vertritt ein 10-jähriges Kind, das von Andreas V. missbraucht wurde. Ein "vernünftiger Ausgang" sei das, sagt der Anwalt über das Urteil. Die Sicherungsverwahrung sei entscheidend gewesen, weil es den Betroffenen ein Stück der Angst nehme, irgendwann wieder auf die Täter treffen zu müssen. Rechtsanwältin Zeliha Evlice, die eine inzwischen 19-jährige Frau vertritt, nennt das Urteil "akzeptabel". Der Prozess habe aber auch gezeigt, "dass das Gesetz für solche Taten an Kindern auch eine lebenslange Freiheitsstrafe vorsehen sollte."

Muss sich am Gesetz etwas ändern? Reicht das Strafmaß bei solchen Delikten aus? Auch nach dem Prozess bleiben eine Menge Fragen zurück. Warum flogen Andreas V. und Mario S. so lange nicht auf? Warum hat die Polizei die Hinweise, die es gab, nicht ernst genug genommen? Warum wurden bei den Ermittlungen so viele Fehler gemacht, warum wurden Beweise übersehen, warum gingen andere verloren? Und warum vertraute das Jugendamt Andreas V. 2017 eine Pflegetochter an?

Die Polizei Bielefeld ermittelt im Zusammenhang mit dem Fall gegen 14 Amtsträger, es sind Polizisten, Jugendamtsangestellte und Mitarbeiter der Familienhilfe. Im nordrhein-westfälischen Landtag in Düsseldorf hat derweil der Untersuchungsausschuss zum Fall Lügde seine Arbeit aufgenommen. Die Abgeordneten wollen klären, wo Fehler passierten und warum, auch dort geht es um die Arbeit der Polizei, der Jugendämter und der Politik. Die Mitglieder des Ausschusses werden sich in den kommenden Monaten durch mehrere Tausend Seiten Akten wühlen müssen.

Das Urteil gegen die Täter ist gesprochen, die Aufarbeitung des Falls ist noch lange nicht abgeschlossen.


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