Missbrauch auf dem Campingplatz Lügde - Verbrechen ohne Beispiel

Kindesmissbrauch in Hunderten Fällen - den Angeklagten im Lügde-Verfahren, das nun beginnt, werden monströse Straftaten vorgeworfen. Der Überblick.

Wohnwagen mit Polizeisiegel auf dem Campingplatz "Eichwald" in Lügde (Archivfoto)
Friso Gentsch/ DPA

Wohnwagen mit Polizeisiegel auf dem Campingplatz "Eichwald" in Lügde (Archivfoto)

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Das nordrhein-westfälische Städtchen Lügde an der Grenze zu Niedersachsen steht seit einem halben Jahr für eine Verbrechensserie, die in der deutschen Kriminalgeschichte wohl beispiellos ist.

Auf einem Campingplatz sollen Männer in ihren Wohnwagen über Jahre Dutzende Kinder sexuell missbraucht und dabei gefilmt haben. Es geht um monströse Taten, die lange unentdeckt geblieben waren und bei deren Aufklärung so ziemlich alles schief ging, was schief gehen konnte.

Lügde gilt inzwischen als Chiffre für eine Gesellschaft, die bei Missbrauch zu oft wegsieht. Für Behörden, die das Thema nicht ernst genug nehmen. Und für einen Staat, der Kinder nicht richtig schützt.

Am Donnerstag beginnt vor dem Landgericht in Detmold der Prozess gegen den Hauptbeschuldigten und zwei weitere Angeklagte. Der Überblick zum Verhandlungsstart.

  • Die Beschuldigten

Andreas V., 56, lebte als Dauercamper auf dem Campingplatz "Eichwald" in Lügde, er ist der Hauptbeschuldigte in dem Fall. Laut der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, die dem SPIEGEL vorliegt und die sich auf die Vernehmungen der mutmaßlichen Opfer stützt, schuf V. ein perfides Missbrauchssystem. So gelang es ihm offenbar, immer wieder kleine Mädchen in seinen Wohnwagen zu locken. Im Dezember 2018 wurde er verhaftet, seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. V. lebte seit rund 20 Jahren von Grundsicherung, offenbar weil er zu krank war, um zu arbeiten. Er wohnte zusammen mit seiner Pflegetochter auf dem Campingplatz, das Kind wurde ihm 2017 vom Jugendamt anvertraut. Neben V. ist Mario S., 34, angeklagt, der auf dem Campingplatz ebenfalls eine Parzelle hatte und als Komplize von V. gilt. Der dritte Beschuldigte im Verfahren ist Heiko V., 49, ein Lkw-Fahrer aus Stade. Er soll sich über Live-Chats im Internet am Missbrauch beteiligt haben.

  • Die Tatvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Andreas V. des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen, des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und des Besitzes von kinderpornografischen Schriften. Es geht um insgesamt 298 Taten und 23 mutmaßliche Opfer. Schon in den Neunzigerjahren soll V. Kinder missbraucht haben.

Mario S. werden in 162 Fällen sexueller und schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen, zudem die Herstellung von kinderpornografischen Schriften. Laut Anklage soll sich S. an 17 Mädchen und Jungen vergangen haben, alle minderjährig. Manche der Opfer sollen sowohl von V. als auch von S. missbraucht worden sein, erst im einen, dann im anderen Wohnwagen. Andreas V. soll Live-Übertragungen im Internet organisiert haben, bei denen er vor einer Webcam Kinder missbraucht haben soll. Viermal soll Heiko V. an diesen Übertragungen teilgenommen haben. Ihm wird Anstiftung und Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Kindern vorgeworfen, zudem der Besitz von kinder- und jugendpornografischen Schriften. Die Ermittler sollen bei Heiko V. über 42.000 entsprechende Bild- und Videodateien gefunden haben.

  • Die mutmaßlichen Opfer

Andreas V. lockte offenbar immer wieder neue Opfer an, so führt es die Staatsanwaltschaft aus. Viele der betroffenen Mädchen sollen Freundinnen seiner Pflegetochter gewesen sein und deswegen in seinem Wohnwagen übernachtet haben. V. flog letztendlich auf, nachdem ihn eine Frau angezeigt hatte, deren Tochter ebenfalls bei dem Camper übernachtet hatte und dabei von ihm missbraucht worden sein soll. Laut Anklage waren die meisten Opfer zwischen fünf und elf Jahre alt. V. soll sie brutal vergewaltigt haben.

Nach seinen Taten soll er die Mädchen belohnt, ihnen Kleidung und Armbänder geschenkt haben. V. verstand es offenbar, andere zu manipulieren und sich selbst zu schützen. Einem Kind soll er gesagt haben, dass Geister kommen würden, falls es anderen etwas von den Übergriffen erzählen würde. Die Ermittler der Polizei Bielefeld gehen inzwischen von über 40 Opfern aus, das Landgericht Detmold hat 30 Nebenkläger zugelassen, die wiederum von 19 Anwälten vertreten werden.

  • Der Prozess

Die 3. Strafkammer des Landgerichts hat 53 Zeugen für die Verhandlung geladen, darunter die mutmaßlichen Opfer, deren Eltern und einen Polizisten. Manche Kinder werden von Psychologen betreut und gezielt auf die Verhandlung vorbereitet. Im Gericht gibt es ein Zimmer mit Spielzeug und Kuscheltieren, ein geschützter Ort, an dem sich die Mädchen und Jungen vor ihrer Zeugenaussage aufhalten können. Allerdings könnte es auch sein, dass ihnen die Aussage vor Gericht erspart bleibt: Falls sich die Angeklagten zu den Vorwürfen äußern, falls sie umfassend gestehen, könnte die Kammer darauf verzichten, die mutmaßlichen Opfer zu laden.

Der Anwalt Peter Wüller, der zwei Kinder vertritt, die wohl von Andreas V. missbraucht worden sind, drängt darauf, dass die Anklage nicht öffentlich verlesen wird. Er werde einen entsprechenden Antrag stellen, sagte Wüller dem SPIEGEL. "In der Anklageschrift sind die Kinder mit vollem Namen und Wohnort genannt, wenn man das öffentlich verliest, sind die Kinder identifizierbar." Wüller geht davon aus, dass Andreas V. und Mario S. zu einer Gefängnisstrafe von 14 oder 15 Jahren verurteilt werden, plus anschließender Sicherungsverwahrung. Der Verteidiger von Heiko V. hat bereits angekündigt, dass er die Kammer davon überzeugen möchte, das Verfahren seines Mandanten vom jetzt beginnenden Prozess abzutrennen.

  • Die politische Dimension des Falls

Der Fall Lügde hat eine enorme Tragweite, weil sich an ihm zeigt, wie unzureichend noch immer mit dem Thema Missbrauch umgegangen wird. Er steht für Behördenversagen auf allen Ebenen, für Jugendämter, die offenbar ihre Arbeit nicht richtig machten und Warnsignale ignorierten, für Polizisten, die Hinweise auf die Taten von Andreas V. bekamen, ihnen aber nicht richtig nachgingen.

Die Ermittlungen liefen zunächst schlampig, Beweismittel wurden am Tatort übersehen oder gingen verloren. Es gab immer neue Pannen. Die Polizei Bielefeld ermittelt derzeit gegen zwei Polizeibeamte wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt, außerdem gegen acht Mitarbeiter von Jugendämtern und vier Mitarbeiter anderer sozialer Organisationen wegen des Verdachts der Verletzung der Fürsorgepflicht. Die Opposition im nordrhein-westfälischen Landtag fordert seit Wochen den Rücktritt von Innenminister Herbert Reul (CDU). Trotz des politischen Streits haben sich in dieser Woche CDU, SPD, FDP und Grüne darauf verständigt, gemeinsam einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu den Missbrauchsfällen einzusetzen.

Anmerkung der Redaktion: Nachdem der Text in seiner ursprünglichen Fassung fertiggestellt wurde, hat sich die Zahl der Nebenkläger und ihrer Anwälte erhöht. Wir haben den Text um 10:35 Uhr entsprechend aktualisiert.

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