Polizeichaos in Lügde "Der Albtraum geht immer weiter"

So unfassbar der mutmaßliche Missbrauchsfall von Lügde, so unglaublich ist das Versagen der Behörden. Einen Schuppen des Verdächtigen hat die Polizei etwa gar nicht durchsucht - ein Beispiel von vielen.

V.s Parzelle während des Abrisses. Inzwischen stehen dort nur zwei Müllcontainer
Guido Kirchner/DPA

V.s Parzelle während des Abrisses. Inzwischen stehen dort nur zwei Müllcontainer

Von , Lügde


An dem Ort, an dem die Verbrechen passierten, stehen nur noch zwei große Müllcontainer. Darin Bodenbeläge und Glaswolle. Es sind die letzten Reste der Parzelle und des Wohnwagens von Andreas V., der auf dem Campingplatz "Eichwald" in Lügde lebte und hier über Jahre Kinder missbraucht haben soll. An das frühere Grundstück von V. grenzen andere Parzellen und Wohnwagen, in den Vorgärten der Nachbarn drehen sich Windräder, Deutschlandfahnen wehen im Wind.

Ein paar Meter weiter, am Eingang zum Campinggelände, steht Frank Schäfsmeier. Der Platzbetreiber wurde gerade in seinem Büro von der Polizei vernommen. "Mal wieder", sagt Schäfsmeier. "Es scheint nicht zu enden, der Albtraum geht immer weiter."

In den vergangenen Monaten sei die Polizei Dutzende Male hier gewesen, erzählt der Campingplatzchef . Außerdem seien "Hunderte Schaulustige" nach Lügde gekommen, Autos mit Kennzeichen aus ganz Deutschland seien vorgefahren, alle hätten den Wohnwagen von V. sehen wollen. Schäfsmeier hatte irgendwann genug. Er holte sich die Erlaubnis der Polizei und von V.s Anwalt, um "den ganzen Krempel loszuwerden", wie er sagt.

Vier CDs, eine Mini-CD, zwei Disketten, elf Videokassetten

Vor einer Woche begann eine Firma in Schäfsmeiers Auftrag, V.s Behausung abzureißen. Allerdings hatte es das Unternehmen nicht nur mit alten Teppichen und Bodenbelägen zu tun. Im Zuge der Arbeiten stieß die Firma auch auf vier CDs, eine Mini-CD, zwei Disketten und elf Videokassetten.

Mögliche Beweismittel also, die die Polizei bei einer der zahlreichen Durchsuchungen hätte sicherstellen können. Womöglich müssen.

Der Missbrauchsfall von Lügde ist nicht nur ein monströses Verbrechen. Er steht auch für Behördenversagen auf allen Ebenen. Der Fall steht für Jugendämter, die offenbar nicht richtig hinsehen; für eine Polizei, die Hinweisen nicht nachgeht, die wohl schlampig ermittelte, Beweismittel am Tatort übersah oder verlor. Es geht um die Frage, ob der Staat und seine Institutionen sexuellen Missbrauch ernst genug nehmen. Einiges deutet darauf hin, dass das nicht der Fall ist.

Die Ereignisse in Lügde haben deswegen auch die Politik erreicht. Seit ein paar Tagen fordert die SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag den Rücktritt von Innenminister Herbert Reul (CDU). "Wir haben es in Lügde nicht mehr mit Ermittlungspannen zu tun, sondern mit Ermittlungschaos", sagt Hartmut Ganzke, der innenpolitische Sprecher der SPD.

V. war Dauercamper, er wohnte seit fast 30 Jahren auf dem Campingplatz "Eichwald". 2017 bekam er vom Jugendamt Hameln-Pyrmont eine Pflegetochter zugesprochen, die fortan ebenfalls in seinem Wohnwagen lebte. 2016 gingen beim Jugendamt mehrere Hinweise ein, dass V. pädophil sein soll, Konsequenzen hatte das offenbar nicht. V. hatte ein Kindertrampolin vor seinem Grundstück. Hört man sich in diesen Tagen auf dem Campingplatz um, erzählen alle, dass er "ständig von Kindern umgeben" gewesen sei.

Niemand habe das hinterfragt. Niemand will etwas gesehen, etwas gehört haben. Ein Junge, der sagt, dass er in die dritte Klasse gehe, erzählt, wie "der Addi" ihm beigebracht habe, den Rasenmäher zu bedienen. Addi, so haben hier alle Andreas V. genannt.

Anfang Dezember wurde er verhaftet, er sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft in Detmold wird wohl in wenigen Wochen Anklage erheben. Es soll mindestens 40 Opfer geben, es sind Kinder zwischen vier und 13 Jahre. Sie sollen von V. und mehreren anderen Männern missbraucht und dabei gefilmt worden sein. Manche Opfer kamen mit V. in Kontakt, als sie auf dem Campingplatz Verwandte besuchten.

Bei der Kreispolizeibehörde Lippe, die ursprünglich für den Fall zuständig war, sollen schon 2002 Hinweise eingegangen sein, wonach V. ein achtjähriges Mädchen missbraucht haben soll. Ermittlungen gab es daraufhin offenbar nicht.

Immer wieder passierten bei der Polizei Lippe haarsträubende Fehler. Nach V.s Verhaftung verschlampten die Beamten 155 CDs und DVDs, die bei dem Dauercamper sichergestellt worden waren. Von den Asservaten fehlt bis heute jede Spur. Ende Januar übernahm das Polizeipräsidium in Bielefeld die Ermittlungen. Es werde nun jeder Stein umgedreht, volle Aufklärung, volle Transparenz, so versprach es Innenminister Reul damals. Doch auch die Polizei in Bielefeld steht nach den Funden des Abrissunternehmens ziemlich blamiert da.

Kinderpornografie, die "nicht im Zusammenhang" mit diesem Fall stehen soll

Zu den neu aufgetauchten Datenträgern teilt die Polizeibehörde auf SPIEGEL-Anfrage mit, dass sich auf den Videokassetten nur Unterhaltungssendungen und auf manchen CDs nur Musik befunden habe. Allerdings habe es bei mehreren CDs "Beschädigungen" gegeben, eine CD habe man nur "teilweise auslesen" können. Das Ergebnis: "Nach bisherigem Kenntnisstand handelt es sich bei den Inhalten nicht um relevante Daten, die auf weitere Opfer oder andauernden Missbrauch schließen lassen. Es könnte sich dabei um Kinderpornografie handeln, die aber nicht im Zusammenhang mit den Ermittlungen der Ermittlungskommission 'Eichwald' steht." Was genau das heißt? Unklar.

Campingplatzchef Schäfsmeier: "Wem bitteschön sollte der Schuppen denn sonst gehören?"
SPIEGEL ONLINE

Campingplatzchef Schäfsmeier: "Wem bitteschön sollte der Schuppen denn sonst gehören?"

Die Taktik der Polizei ist offenbar, die Sache mit den nicht entdeckten CDs und Videokassetten herunterzuspielen. "Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft", teilt man mit, "ist die Relevanz von Datenträgern für die Beweisführung hinsichtlich der Missbrauchstaten geringer anzusehen, als in der öffentlichen Berichterstattung vermittelt." Alles halb so wild, das ist wohl das Motto bei den Ermittlern.

Allerdings kam im Zuge der Abrissabreiten auch heraus, dass die Polizisten bei den Durchsuchungen von V.s Parzelle einen Geräteschuppen des Dauercampers übersehen hatten, der sich hinter seiner Behausung befand. Man habe bislang keine Erkenntnisse darüber gehabt, dass der Verschlag dem Hauptbeschuldigten zuzuordnen sei, teilt die Behörde mit. Aus dem Innenministerium heißt es dazu: "Dass dieser Geräteschuppen erst jetzt dem Tatverdächtigen zugeordnet werden konnte, liegt an den nur schwer zu klärenden Nutzungsverhältnissen auf dem Campingplatz."

Schwer zu klärende Verhältnisse? Campingplatzchef Schäfsmeier schüttelt den Kopf, er sagt: "Das ist Blödsinn. Der Schuppen stand direkt hinter der Parzelle, wem bitteschön sollte er denn sonst gehören?"

V.s vergessener Schuppen war nicht versiegelt

Am Montag wurde der Verschlag durchsucht. Laut Polizei habe man darin Werkzeuge und Metallschrott gefunden: "Gegenstände, die als Beweismittel infrage kommen könnten, wurden nicht festgestellt." Jedoch befand sich an dem Schuppen wohl auch kein Polizeisiegel, so wie an V.s Wohnwagen. Inzwischen ist der Geräteverschlag auf dem Schrottplatz.

Derweil wird im Landtag in Düsseldorf das Unverständnis größer und größer. Er verstehe nicht, dass die Abrissarbeiten nicht von der Polizei begleitet wurden, sagt SPD-Politiker Ganzke. Bei der Polizei in Bielefeld heißt es dagegen, dass "keine Veranlassung bestanden" habe, "Beamte tagelang für eine Beobachtung der Abrissarbeiten abzustellen oder selbst auf Kosten der Steuerzahler einen Abriss vorzunehmen". Es scheint so, als sei die Tragweite des Verbrechens noch immer nicht allen bewusst.

Die beiden Müllcontainer, die noch auf V.s früherem Grundstück stehen, würden bald abgeholt, erzählt Schäfsmeier. Dann sei endlich alles weg. Er werde die Fläche nicht an einen neuen Camper vergeben, er wolle sie stattdessen "schick machen". Ein bisschen Gras, ein paar Blümchen. "Ein Ort", sagt Schäfsmeier, "wo man gerne hinguckt."

insgesamt 42 Beiträge
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kublaikhan2 16.04.2019
1. Mit Schlampigkeit
oder intellektueller Überforderung der dortigen Behörden ist das Desaster kaum zu erklären. Die Ursachen liegen tiefer. War es nicht der SPD-Innenminister Jäger, der eher die Polizei kontrollierte und ihr auf die Finger schaute als den Verbrechern? Als Polizist traute man sich doch nichts mehr gegen irgendwelche dubiosen Gestalten was zu unternehmen.. Der Minister de Frau Kraft(los) war ja auch für die Vorkommnisse an Silvester in Köln und dem Erstarken der Kriminalität in nrw verantwortlich, die nun gerade durch Reul nun richtig Gegenwind bekommt. Erstaunlich, welche Vergesslichkeit sich der nrw-SPD bemächtigt, die nun Herrn Reul dafür verantwortlich machen möchte. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass einige Polizisten in diese trübe Angelegenheit involviert sind. Und was ist mit den Jugendämtern, den zivilen Behörden? Welch ein schwieriger Gang ist es für manche Paare, ein Kind zur Adoption zu bekommen. Und da wird einer äußerst dubiosen Gestalt in einem versifften Verschlag ein junges Mädchen überantwortet und alle Warnungen und Hinweise in den Wind geschlagen. Diese Leute gehören vor Gericht. Und wenn sie wieder mit einem Schild um Gehaltserhöhnungen kämpfen, auf dem steht: Wir sind es wert. Dann sage ich: Ihr seid es NICHT!!
kublaikhan2 16.04.2019
2. Nachtrag
Die Polizeibehörden und die zuständigen Jugendämter sind ein Fall für den Staatsanwalt. So leicht dürfen die NICHT davonkommen.
hiko.fairbanks 16.04.2019
3. Das tägliche Versagen der Behörden
Ich habe diesen Wahnsinn des Behörden-Versagens jeden Tag. Das Jugendamt sagt: "Es kann nichts machen.", das Gericht spricht Beschlüsse am laufenden Band, setzt aber noch nicht einmal das Verwarngeld für unentschuldigtes Nichterscheinen durch, geschweige denn die angedrohten Sanktionen bei Verstößen gegen die Beschlüsse. Kindesentführung bleiben ebenfalls straffrei. Solange die Kinder nicht getötet werden, fühlt sich keine Behörde verantwortlich.
swandue 16.04.2019
4.
2016 Hinweise, dass V. pädophil sein soll, 2017 kriegt er ein Pflegekind! Selbst wenn es keinen Grund gegeben hätte, Schlechtes von dem Herrn zu denken, wirkt es seltsam, dass ein Pflegekind auf einen Campingplatz gegeben wird. Die Not scheint groß zu sein, Kinder irgendwo unterzubringen, z.B. auch im Ausland, wie man kürzlich durch eine "Tatort"-Folge erfahren hat.
jla.owl 16.04.2019
5. weit weg von Düsseldorf
Reul hat doch Aufklärung versprochen und dann kann nicht mal ein Beamter beim Abriss anwesend sein... aber ja, ich halte hier nicht viel von der Provinzpolizei, hab dazu schon zu viel erlebt, ok, Berlin ist so gesehen auch nur Provinz... und ja, es gibt auch hier richtig gute Leute, aber auch einige mit einen riesen Problem, wie auch immer, wir sollte dass so erkennen und strukturell etwas verändern... ja, auch sie aus Kommentar Nummer 1...
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