Kindesmissbrauch von Lügde Staatsanwalt wirft Andreas V. Hunderte Taten vor

Wegen der Missbrauchsserie auf einem Campingplatz hat die Staatsanwaltschaft zwei Männer angeklagt. Über die Vorwürfe gegen die beiden sind nun grausame Details bekannt geworden.

Kinderschuhe als Zeichen für die missbrauchten Kinder von Lügde: Protest vor dem Landtag in Hannover
Peter Steffen/dpa

Kinderschuhe als Zeichen für die missbrauchten Kinder von Lügde: Protest vor dem Landtag in Hannover


Im Fall des jahrelangen Kindesmissbrauchs im nordrhein-westfälischen Lügde hat das Detmolder Landgericht Einzelheiten zu den Anklagen gegen Andreas V. und Heiko V. mitgeteilt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 56-jährigen Andreas V. demnach in insgesamt 293 Fällen insbesondere sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen, schweren sexuellen Missbrauch von Kindern sowie den Besitz von kinderpornografischen Schriften vor.

Andreas V. soll in 226 der angeklagten Fällen zehn Kinder schwer sexuell misshandelt haben. In einem weiteren Fall soll er zwei Kinder veranlasst haben, sexuelle Handlungen aneinander vorzunehmen. Die Taten soll er im Sommer 1998 und seit Anfang des Jahres 2008 bis Dezember 2018 auf dem Campingplatz "Eichwald" begangen haben.

Die 64-seitige Anklageschrift führt insgesamt 22 Opfer auf, die zum Zeitpunkt der Taten alle minderjährig gewesen sein sollen. Im Dezember 2018 soll der Mann zudem im Besitz von 879 kinderpornografischen Bild- und Videodateien gewesen sein.

Bislang insgesamt acht Beschuldigte

Außer gegen den Ex-Dauercamper Andreas V. hat die Staatsanwaltschaft diese Woche auch den 49-jährigen Heiko V. aus Stade angeklagt. Ihm wirft sie in zwei Fällen Anstiftung zum schweren sexuellen Missbrauch von Kindern, in einem Fall Beihilfe zum sexuellen Kindesmissbrauch, in einem weiteren Fall die Vornahme sexueller Handlungen vor einem Kind sowie den Besitz kinder- und jugendpornografischer Schriften vor. Er soll von Herbst 2010 bis Frühjahr 2011 in mindestens vier Fällen an Webcam-Übertragungen des Campers Andreas V. teilgenommen haben.

In zwei Fällen soll der zweite Angeschuldigte den mutmaßlichen Haupttäter vorher zu sexuellen Handlungen an Kindern und deren Übertragung per Webcam ausdrücklich aufgefordert haben. In einem Fall beobachtete und kommentierte er laut Anklage die sexuellen Handlungen des Campers an einem Kind über die Webcam.

In einem weiteren Fall soll er während eines Livechats vor den Augen der anwesenden Kinder onaniert haben. Darüber hinaus wurden bei ihm laut Anklage im Januar 42.719 Bild- und Videodateien mit kinder- und jugendpornografischem Inhalt gefunden.

"Mein Mandant räumt den Besitz von kinderpornografischem Material ein. Bei diesem Material gibt es allerdings keinen Bezug zu den Vorfällen auf dem Campingplatz in Lügde", sagte Heiko V.s Anwalt Jann Henrik Popkes dem SPIEGEL. "Mein Mandant räumt auch ein, dass er an Live-Chats mit dem mutmaßlichen Haupttäter teilgenommen hat, der in einem dieser Chats ein Kind missbraucht haben soll." Er halte die U-Haft für seinen Mandanten weiterhin für nicht angemessen, sagte Popkes. Ein Gutachten habe festgestellt, dass keine Pädophilie bestehe.

Die zuständige Jugendschutzkammer des Detmolder Landgerichts prüft derzeit die Zulassung der Anklagen gegen die beiden Männer. Die Missbrauchsserie von Lügde im Kreis Lippe war Ende Januar bekannt geworden. Bislang sind 41 Opfer identifiziert. Die meisten der betroffenen Kinder waren zur Tatzeit zwischen drei und 14 Jahre alt. Die Ermittlungen richten sich gegen insgesamt acht Beschuldigte.

apr/AFP



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