Verschwundene Beweismittel Staatsanwaltschaft geht im Fall Lügde von Schlamperei aus

Nach dem Verschwinden von Beweismitteln im Missbrauchsfall von Lügde vermutet die Staatsanwaltschaft, dass die Asservate nicht entwendet wurden. Sie glaubt, dass Nachlässigkeit dahintersteckt.

Polizei in Detmold
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Polizei in Detmold


Nachdem aus Räumen der Kriminalpolizei Beweisstücke zum Missbrauchsfall von Lügde verschwunden sind, gehen Staatsanwaltschaft und Sonderermittler davon aus, dass die Asservate aufgrund nachlässigen Umgangs nicht auffindbar sind. Das teilte die Staatsanwaltschaft Detmold mit.

Die Behörde glaubt nicht, dass die Beweisstücke entwendet wurden. Ein Diebstahl sei aber nicht auszuschließen. Bislang hätten sich dafür aber keine hinreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte ergeben.

Aus diesem Grund sei ein Ermittlungsverfahren - auch gegen Unbekannt - bei der Staatsanwaltschaft Detmold nicht anhängig, teilte die Behörde mit. Bei dem aktuellen Vorgang handele es sich lediglich um einen Prüfvorgang. Hierbei würden laufende Erkenntnisse gesammelt.

Am Donnerstag wurde bekannt, dass ein Koffer und eine Hülle mit etwa 155 Datenträgern seit mehreren Wochen in der Kreispolizeibehörde Lippe vermisst werden. Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) setzte deswegen ein Team aus Sonderermittlern ein. Reul sprach von Polizeiversagen, er sei fassungslos.

Die verschwundenen Datenträger waren bereits gesichtet worden, allerdings wurden nur drei von ihnen gesichert. Laut Ermittlern befanden sich darauf Musik, Filme und Fotos von Jungen und Mädchen, unter anderem Aufnahmen vom Tauchen. Ob sich auf den verschwundenen Datenträgern auch kinderpornografisches Material befindet, ist unklar. Am 30. Januar fiel laut Innenministerium auf, dass Beweisstücke fehlen.

Raum war nicht wie vorgeschrieben abgesichert

Der Raum, in dem sich die Asservate befanden, sei zudem nicht wie vorgeschrieben abgesichert gewesen. Der Polizeibeamte, der das Material gesichtet habe, sei außerdem dafür gar nicht ausreichend qualifiziert gewesen, sagte Landeskriminaldirektor Dieter Schürmann dem SPIEGEL.

Ein Sprecher des NRW-Innenministeriums sagte der "Rheinischen Post" zufolge, dass ein Polizei-Anwärter mit der Auswertung beauftragt wurde. Innenminister Reul hält dies demnach für unverantwortlich.

Im Skandal um die verschwundenen Beweisstücke schaltet sich nun auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) ein. Er erhebt Vorwürfe gegen die nordrhein-westfälische Landesregierung. "Wir reden hier nicht von einer Polizeibehörde, bei der alles in Ordnung wäre, sondern im Gegenteil", sagte Sebastian Fiedler, Bundes- und NRW-Landesvorsitzender des BDK dem Westdeutschen Rundfunk. "Seit mehreren Jahren weisen meine Kollegen in Lippe darauf hin, dass sie am Limit arbeiten."

Ende Januar war der Missbrauchsfall in Lügde bekannt geworden. Drei Männer sitzen in Untersuchungshaft, darunter der mutmaßliche Haupttäter Andreas V. Seit 2008 soll er immer wieder Kinder missbraucht haben, auch seine heute acht Jahre alte Pflegetochter. Die Polizei geht von mindestens 31 Opfern und tausend Einzeltaten aus. Die Ermittler beschlagnahmten Tausende Kinderpornodateien, das sichergestellte Datenvolumen beträgt 14 Terabyte.

In Untersuchungshaft sitzen zudem der 33 Jahre alte Mario S., der ebenfalls Kinder missbraucht haben soll, und ein 48-Jähriger aus Stade, der den Missbrauch per Live-Chat verfolgt haben soll.

Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt auch gegen Mitarbeiter der Jugendämter Hameln-Pyrmont und Lippe, es geht um den Verdacht auf Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht. Bereits 2016 hatte es Hinweise auf Andreas V. gegeben, denen möglicherweise nicht nachgegangen wurde. Auch gegen zwei Lipper Polizisten wird deswegen ermittelt.

Am Dienstag musste der Hamelner Landrat Tjark Bartels zudem einräumen, dass der Leiter des Jugendamts nach der Verhaftung des Hauptverdächtigen Andreas V. im Missbrauchsfall die Akten manipuliert und nachträglich einen "glättenden" Vermerk eingefügt hatte. Überdies hatte er den Vermerk rückdatiert. Der Jugendamtsleiter wurde vom Dienst freigestellt.

apr/sen/dpa

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