Campingplatz in NRW Was zu den Missbrauchs­fällen in Lügde bekannt ist

Mindestens 23 Kinder sollen auf einem Campingplatz in Nordrhein-Westfalen missbraucht worden sein. Die Ermittlungen richten sich gegen drei Tatverdächtige, aber auch gegen Jugendämter. Der Überblick.
Zufahrt zum Campingplatz Eichwald

Zufahrt zum Campingplatz Eichwald

Foto: Friso Gentsch/ dpa

Was ist über die Opfer der Missbrauchsfälle bekannt?

Auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde bei Detmold sollen über einen Zeitraum von zehn Jahren mindestens 23 Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren sexuell missbraucht worden sein. Die Ermittler gehen von mehr als 1000 Einzeltaten aus. Johannes-Wilhelm Rörig, Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, sprach im "Westfalen-Blatt" von einem "monströsen Fall".

Bei den Opfern handele sich überwiegend um Mädchen, "größtenteils aus dem Umfeld des Campingplatzes", sagte Gunnar Weiß, der Leiter der Ermittlungsgruppe. Wie hoch die Dunkelziffer sei, könne man derzeit nicht seriös sagen.

Ein Sprecher teilte am Donnerstagmorgen mit, die Polizei habe zwar neue Hinweise bekommen, eine neue Opferzahl gebe es aber nicht. "Dem Opferschutz und der Opfernachsorge räumen wir einen hohen Stellenwert ein", sagte Achim Tietz als Leiter des zuständigen Kriminalkommissariats. "Wir haben entsprechende Hilfen für die Kinder, für betroffene Angehörige, aber auch für unsere Kolleginnen und Kollegen der Ermittlungskommission 'Camping' angeboten."

Was weiß man über die Verdächtigen?

Drei Männer sitzen in Untersuchungshaft: Der Hauptverdächtige, der 56-jährige Andreas V. aus Lügde, war im Dezember festgenommen worden, zwei weitere Verdächtige, ein 33-Jähriger aus Steinheim bei Höxter und ein 48-Jähriger aus Stade in Niedersachsen, Anfang Januar.

Andreas V. und der 33-Jährige sollen die Kinder missbraucht und gefilmt haben. Der 48-Jährige war laut Ermittlern Abnehmer des kinderpornografischen Materials. Er soll die beiden anderen Männer zu weiteren Taten angestiftet haben. Sie sollen sich über das Darknet ausgetauscht haben.

Die Ermittler gehen von weiteren Tätern aus. Es sei zumindest eher unwahrscheinlich, dass das Material nicht noch an weitere Personen weitergegeben wurde, sagten sie am Mittwoch.

Wer ist der Hauptverdächtige Andreas V.?

Den Ermittlern zufolge war der arbeitslose Andreas V. 2016 Pflegevater eines Mädchens geworden, das heute acht Jahre alt ist und auch zu den Opfern gehören soll. Seit dieser Zeit kam es offenbar zu den meisten Übergriffen.

Über das Mädchen soll Andreas V. Kontakt zu anderen Kindern hergestellt haben, mit Ausflügen ins Schwimmbad zum Beispiel. Er habe "eine Atmosphäre geschaffen, in der sich die Kinder zunächst wohlfühlten", sagte Ermittler Tietz. Wie der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter sagte, habe Andreas V. auch Druck aufgebaut: "Er hat gedroht, dass etwas passieren würde, wenn man sich offenbare."

Die Eltern von Andreas V. seien vor gut 30 Jahren zu dem Campingplatz gekommen und hätten dort eine Parzelle erworben, sagte der Campingplatz-Betreiber Frank Schäfsmeier. Nach dem Tod der Mutter habe Andreas V. die Parzelle übernommen, die "bedenklich" ausgesehen habe. Nachbarn hätten sich über die Unordnung beschwert. Gerüchte über Missbrauch habe es auf dem Campingplatz jedoch nie gegeben.

Andreas V. hatte seit einiger Zeit noch eine Wohnung in dem Ort gemietet, soll aber die meiste Zeit auf dem Campingplatz verbracht haben.

Worauf konzentrieren sich die Ermittlungen nun?

Neben den Ermittlungen gegen die drei Männer verfolgt die Polizei zwei weitere Stränge: Zum einen geht es um die Verbreitung von Kinderpornografie im Internet. Die Ermittler stellten Beweismaterial mit einem Datenvolumen von 14 Terabyte sicher. Nur ein Teil der Fotos und Videos soll in Lügde entstanden sein. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat Material aus anderen Fällen identifiziert.

Zum anderen ermittelt die Staatsanwaltschaft Detmold auch gegen mehrere Mitarbeiter der Jugendämter des Kreises Lippe und des Landkreises Hameln-Pyrmont in Niedersachsen. "Wir überprüfen, ob die Behörden Fehler gemacht haben", sagte der Detmolder Oberstaatsanwalt Vetter. Es gehe um eine mögliche Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht nach Paragraf 171 StGB. Hintergrund ist die Frage, wann es Hinweise gab, die eine Eignung von Andreas V. als Pflegevater in Frage stellten - und wie diesen Hinweisen nachgegangen wurde.

Gibt es Forderungen aus der Politik?

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung bekräftigte am Donnerstag seine Forderung nach einer Meldepflicht für Internetanbieter. Stießen die auf kinderpornografisches Material, sollten sie es dem BKA melden, sagte Johannes-Wilhelm Rörig dem "Westfalen-Blatt".

Der Beauftragte hatte schon im vergangenen Juni die Einführung einer solchen Meldepflicht für deutsche Anbieter verlangt. Damals erklärte Rörig, dass Meldungen zu Missbrauchsdarstellungen in Deutschland bisher vor allem vom US-amerikanischen Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder, dem National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC), kämen, weil in den USA eine gesetzliche Meldepflicht gelte.

skr/dpa/AFP
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