Kinderpornografie 16-Jähriger im Campingplatz-Missbrauchsfall verdächtig

Im Missbrauchsfall von Lügde steht nun auch ein Jugendlicher unter Verdacht, er soll kinderpornografisches Material besessen haben. Ein Sonderermittler kritisiert die Arbeit der Polizei vor Ort scharf.

Versiegelter Campingwagen in Lügde (Archiv)
DPA

Versiegelter Campingwagen in Lügde (Archiv)


Im Fall des vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde gibt es einen weiteren Tatverdächtigen. Ein 16-Jähriger aus der Region soll kinderpornografisches Material besessen haben, das auf dem Campingplatz entstanden sei, sagte der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter.

Der Jugendliche sei am Montag vernommen worden, befinde sich aber wieder auf freiem Fuß, sagte Vetter. Die Ermittler seien durch die Auswertung sichergestellter Daten auf ihn gestoßen.

In Lügde sollen über mehrere Jahre mindestens 31 Kinder im Alter zwischen 4 und 13 Jahren missbraucht worden sein. Drei Tatverdächtige sitzen bereits in Untersuchungshaft, darunter auch der mutmaßliche Haupttäter Andreas V., der auf dem Campingplatz lebte. Gegen drei Männer wird zudem wegen Strafvereitelung und möglicher Beihilfe ermittelt, sodass es mit dem 16-Jährigen nun insgesamt sieben Beschuldigte in direktem Zusammenhang mit dem Missbrauch gibt.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) informierte in einer Sondersitzung des Innenausschusses am Nachmittag über den neuesten Ermittlungsstand. Er kündigte an, auch ältere Verdachtsfälle des sexuellen Missbrauchs in Lügde neu aufrollen zu lassen. "Es sieht so aus, dass es noch schlimmer ist, als ich befürchtet habe."

Herbert Reul (CDU)
DPA

Herbert Reul (CDU)

Seit Bekanntwerden des Falls wurden immer mehr Details öffentlich, die auf schwere Behördenfehler hindeuten - vor allem im Zusammenhang mit der Tatsache, dass Andreas V. eine Pflegetochter bekam und auch diese missbraucht haben soll.

Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt gegen Mitarbeiter der Jugendämter Hameln-Pyrmont und Lippe, es geht um den Verdacht auf Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht. Bereits 2016 hatte es Hinweise auf Andreas V. gegeben, denen möglicherweise nicht nachgegangen wurde. Auch gegen zwei Lipper Polizisten wird deswegen ermittelt.

Wie Reul nun im Innenausschuss berichtete, gab es offenbar schon deutlich früher Hinweise auf V. als bisher bekannt. So wurde V. offenbar schon 2002 verdächtigt, eine Achtjährige missbraucht zu haben. Derzeit werde noch geklärt, ob es damals ein Ermittlungsverfahren gab. Momentan, so Reul, sehe es nicht danach aus. Zudem habe es 2008 einen Hinweis gegeben, der damals aber nicht an die Staatsanwaltschaft weitergegeben worden sei.

In der vergangenen Woche war zudem das Verschwinden von Beweismitteln bekannt geworden: 155 DVDs und CDs sind nicht mehr auffindbar. Sie verschwanden laut Staatsanwaltschaft wohl durch Nachlässigkeit aus Räumen der Polizei Lippe. Ein Diebstahl lasse sich zwar nicht ausschließen, allerdings deutet bisher anscheinend nichts daraufhin. Ein leitender Beamter wurde suspendiert, weil er zu spät über den Verlust informiert habe. Innenminister Reul schickte ein Team von Sonderermittlern, um das Verschwinden der Beweismittel aufzuklären.

Sonderermittler Ingo Wünsch übte nun im Innenausschuss scharfe Kritik an der Arbeit der Polizei in Lippe. Der Umgang mit den Beweismitteln sei unstrukturiert und defizitär gewesen, es seien schwere handwerkliche Fehler gemacht worden.

Der Sonderermittler zeigte sich auch irritiert darüber, dass bei einer erneuten Durchsuchung auf dem Campingplatz am 22. Februar noch weitere Beweismittel gefunden wurden - obwohl es schon zuvor mehrere Durchsuchungen gegeben hatte. Laut Joachim Eschemann, Referatsleiter Kriminalität im Landeskriminalamt, handelt es sich dabei nicht um besonders versteckte Asservate, sie hätten zum Teil offen herumgelegen, etwa in Hängeschränken des Wohnwagens von Andreas V.

NRW-Innenminister Reul kündigte den Aufbau einer sogenannten Stabstelle Kindesmissbrauch an, die strukturelle Defizite bei den Ermittlungen systematisch aufarbeiten werde. An der Spitze soll ein erfahrener Kriminalbeamter stehen.

Reul berichtete zudem von einem weiteren Verdacht. Demnach soll ein Dauercamper im vergangenen Frühjahr eine 15-Jährige in Lügde missbraucht haben. Derzeit werde geprüft, ob dieser Fall zum Tatkomplex um Andreas V. gehöre.

wit/le/hut/dpa

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