Behördenversagen im Missbrauchsfall Lügde "Noch schlimmer als befürchtet"

Verschwundene Beweismittel, schlampige Ermittlungen, ein schockierter Innenminister: Der Missbrauchsfall von Lügde hat sich zur Behördenaffäre ausgeweitet. Die wichtigsten Fakten.

Ermittler auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde
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Ermittler auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde


Worum geht es?

Auf einem Campingplatz in Lügde, im äußersten Nordosten von Nordrhein-Westfalen, sollen jahrelang Kinder missbraucht und dabei gefilmt worden sein. Bislang gehen die Ermittler für den Zeitraum zwischen 2008 und 2019 von mindestens 31 Opfern und mehr als tausend Übergriffen aus.

Die meisten Opfer waren zwischen vier und 13 Jahren alt. Die Ermittler werten nach eigenen Angaben etwa 13.000 Dateien mit Kinderpornografie aus. Ob es noch weiter zurückliegende Fälle gibt, wird geprüft.

Wer sitzt in Untersuchungshaft?

  • Der mutmaßliche Haupttäter Andreas V., der seit mehr als 20 Jahren auf dem Campingplatz "Eichwald" als Dauercamper lebte. Das Jugendamt Hameln hatte den arbeitslosen 56-Jährigen Anfang 2017 auf Wunsch der Mutter als Pflegevater für ein kleines Mädchen eingesetzt. Wegen "pädagogischer Defizite" erhielt er wöchentlich Besuch von einem Träger der Familienhilfe. Auch an der heute Achtjährigen soll sich V. vergangen haben. Zudem soll er über das Mädchen Kontakt zu anderen Kindern hergestellt haben, auf Ausflügen ins Schwimmbad zum Beispiel.
  • Der 33-Jährige Mario S. aus Steinheim bei Höxter, der ebenfalls eine Parzelle auf dem Campingplatz besaß und dort Kinder missbraucht haben soll.
  • Ein 48-Jähriger aus Stade, der den Missbrauch in zwei Fällen per Live-Chat mit V. verfolgt haben soll. Dem Handwerker wird Anstiftung vorgeworfen.

Im November 2018 erhielten Ermittler Hinweise auf den sexuellen Missbrauch einer Sechsjährigen, die mit der Pflegetochter von Andreas V. befreundet war. Der 56-Jährige wurde angezeigt. Noch am selben Tag nahm das Jugendamt eigenen Angaben zufolge die Pflegetochter in Obhut.

Welche weiteren Verdächtigen gibt es?

Insgesamt gibt es nach derzeitigem Stand sieben Beschuldigte, die sich an Kindern vergangen, den Missbrauch mit ermöglicht oder kinderpornografische Aufnahmen besessen haben sollen. Abgesehen von den drei inhaftierten Verdächtigen gibt es drei weitere Beschuldigte, gegen die wegen Beihilfe oder wegen Strafvereitelung ermittelt wird.

Bei dem siebten Verdächtigen handelt es sich um einen 16-Jährigen, der kinderpornografisches Material besessen haben soll. Die Ermittler prüfen, ob dieser Junge selbst auch Opfer von sexuellem Missbrauch wurde. Sie waren durch die Auswertung sichergestellter Daten auf den Teenager gestoßen.

Tatort: der Campingplatz "Eichwald"
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Tatort: der Campingplatz "Eichwald"

Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) berichtete zuletzt auch über einen weiteren Missbrauchsverdacht aus Lügde. Demnach soll ein Dauercamper im vergangenen Frühjahr eine 15-Jährige auf dem Gelände des Campingplatzes vergewaltigt haben, die Ermittlungen wurden eingestellt. Laut Staatsanwaltschaft Detmold ist derzeit kein Zusammenhang zum Komplex um Andreas V. zu erkennen.

Warum wurde Andreas V. nicht früher gefasst?

Der Hauptverdächtige soll schon 2002 verdächtigt worden sein, eine damals Achtjährige missbraucht zu haben. Laut Reul wurde damals wohl kein Verfahren eingeleitet, der Innenminister sprach von einer besonders schockierenden Erkenntnis.

2008 habe es einen weiteren Hinweis gegeben, der Reul zufolge nicht an die Staatsanwaltschaft weitergegeben worden sei. Dem Hintergrund gehen die Ermittler derzeit nach.

2016 gab es erneut Hinweise gegen Andreas V.. Ein Zeuge machte die Behörden auf ihn aufmerksam, wenig später wandte sich auch eine Mitarbeiterin des Jobcenters im nahegelegenen Blomberg an die Polizei. Beiden Fällen wurde offenbar nicht richtig nachgegangen. "Es sieht so aus", sagte Reul unlängst über den Fall und die Pannen, "dass es noch schlimmer ist, als ich befürchtet habe."

Laut Staatsanwaltschaft Detmold erfuhren auch die beteiligten Jugendämter 2016 von dem Verdacht. Wie konkret die Hinweise waren und wer zu welchem Zeitpunkt was hätte wissen müssen, wird noch ermittelt.

Was lief bei den jetzigen Ermittlungen schief?

Am 21. Februar wurde bekannt, dass etliche Beweismittel nicht mehr auffindbar sind: 155 DVDs und CDs mit Musik und Aufnahmen von Jungen und Mädchen verschwanden laut Staatsanwaltschaft wohl durch Nachlässigkeit aus Räumen der Polizei - Anzeichen für einen Diebstahl soll es nicht geben. Nur drei dieser Datenträger waren zuvor gesichert worden.

Der Landrat sprach von einer "eklatanten Fehlleistung" in der Kreispolizeibehörde Lippe. Inzwischen ist klar, dass der eigentlich zu sichernde Asservatenraum mit sämtlichen Beweisstücken meistens offen stand. Mit der Sichtung der 155 Datenträger wurde ein Polizeianwärter beauftragt, der damit offenkundig überfordert war.

Auch die Ermittlungen auf dem Campingplatz selbst verliefen augenscheinlich eher schlampig. Wochen nach der ersten Durchsuchung wurden erneut Beweismittel gefunden. Am Mittwoch, Donnerstag und Freitag rückten Beamte der Kommission "Eichwald" aus, um den Tatort noch einmal gründlich zu durchsuchen. Mithilfe eines spezialisierten Spürhundes stießen die Polizisten unter anderem auf einen bislang unentdeckten USB-Stick und weitere Datenträger, die nun untersucht werden sollen.

Erneute Durchsuchungsaktion in LügdLügde
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Erneute Durchsuchungsaktion in LügdLügde

Fehlverhalten gab es auch beim Jugendamt Hameln-Pyrmont. Der Hamelner Landrat Tjark Bartels räumte ein, dass der Amtsleiter nach der Verhaftung von Andreas V. Akten manipuliert und nachträglich einen "glättenden" und rückdatierten Vermerk eingefügt hatte.

Welche Konsequenzen haben diese Fehler?

Wegen Strafvereitelung im Amt und wegen Verletzung der Fürsorgepflicht ermittelt die Polizei inzwischen gegen 14 Behördenmitarbeiter. Darunter sind laut offiziellen Angaben zwei Polizisten und acht Angestellte von Jugendämtern der Landkreise Hameln-Pyrmont und Lippe.

Die Behörden haben inzwischen etwa 60 Beamte zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle herangezogen. Innenminister Reul setzte auch einen Sonderermittler zur Überprüfung der Polizeiarbeit ein und kündigte weitere Maßnahmen an: Er wolle den Kampf gegen Kindesmissbrauch mit einer neuen Stabsstelle in seinem Ministerium professionalisieren. An der Spitze soll ein erfahrener Kriminalbeamter stehen.

Landrat Axel Lehmann kündigte an, die Polizeifehler mithilfe eines Acht-Punkte-Programms aufzuarbeiten. Unter anderem sollen Personal- und IT-Ausstattung der Kriminalpolizei sowie interne Abläufe überprüft werden. Er wolle die gesamte Polizei beim Thema Missbrauch mehr sensibilisieren. Der Austausch mit den Jugendämtern und dem Gesundheitsamt soll verbessert werden.

Zudem gibt es personelle Konsequenzen. Auf Anweisung des Innenministeriums soll der Detmolder Polizeidirektor an das Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten versetzt werden. Landrat Lehmann entband zudem den Leiter der Direktion Kriminalität von seinen Aufgaben. Auch der Jugendamtsleiter von Hameln wurde vom Dienst freigestellt.

Der Umgang mit Beweisstücken soll ebenfalls grundlegend verbessert werden. Während der erneuten Durchsuchung des Campingplatzes räumten Beamte zuletzt sämtliche Gegenstände aus der Behausung von Andreas V. in einen Container. Diese Maßnahme soll verhindern, dass weitere Beweismittel verschwinden.

mxw



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