Fall Maddie McCann Der falsche Fahnder

2007 verschwand Maddie McCann, Menschen aus aller Welt spendeten, um die Suche zu unterstützen. Kevin Halligen profitierte davon: Die Eltern des Mädchens setzten ihn als privaten Ermittler ein. Sie engagierten wohl einen Hochstapler.


Praia da Luz - Sie wollten ihr Kind zurück. Und fielen einem perfiden Hochstapler zum Opfer. Kevin Halligen versprach exklusive Satellitenbilder, er wollte seine guten Beziehungen zum Militär spielen lassen. Mit Methoden wie aus einem Spionagefilm sollte sein privates Ermittlerteam der vermissten Maddie auf die Spur kommen. Die Eltern Kate und Gerry McCann stimmten dafür einem millionenschweren Honorar zu. Doch Halligen war aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der, für den die McCanns ihn hielten.

Am 3. Mai 2007 verschwand die damals dreijährige Madeleine McCann aus einer Ferienanlage an der portugiesischen Algarve-Küste. Die Aufmerksamkeit für den Fall ist beispiellos. Seit Jahren kämpfen die Eltern darum, Maddie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Als Kevin Halligen 2008 in das Leben der McCanns trat, wurden sie von der portugiesischen Polizei verdächtigt, etwas mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun zu haben. Einer wie Halligen kam den Eltern da gerade recht.

Anfangs lief alles wie geschmiert

Seine Firma hatte bereits einige hochkarätige Fälle betreut und war gerade dabei, an der Elfenbeinküste zwei entführte Männer aus dem Öl-Geschäft zu befreien. Er hatte Erfahrungen beim britischen Geheimdienst, war als Sicherheitsexperte weltweit vernetzt und ging im Pentagon ein und aus. Zumindest behauptete er das.

Seine Partner glauben heute nicht mehr daran, dass irgendetwas von dem stimmt, was Halligen erzählte. "Ich habe fast 20 Jahre für das FBI gearbeitet. Und ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der so viele gebildete und kluge Leute hinters Licht geführt hat", sagt Geheimdienstagent James R. Conner in einer Dokumentation, die SPIEGEL TV am Sonntag zeigt ("Maddie und der falsche Fahnder", 22 Uhr, RTL).

Anfangs lief die Operation "Omega" wie geschmiert. Nach kurzer Zeit hatte das von Halligen zusammengestellte private Ermittlerteam Phantombilder von Verdächtigen, bald wurden die ersten Personen beschattet. Nach fünf Wochen strich Halligen die ersten 250.000 Dollar ein.

Finanziert wurden die privaten Ermittlungen aus einem Spendenfonds für die Suche von Maddie. Im Team kamen Zweifel an Halligen auf, als die erste Hälfte des Geldes gerade aufgebraucht war. Er trank offenbar, soll Schecks platzen gelassen haben, sei kaum da gewesen in "Maddie-Land", wie die Bewohner Praia da Luz inzwischen nannten.

Halligen führte ein schillerndes Leben

Während die Ermittler den Ferienort auseinandernahmen und die Stimmung des Misstrauens vor Ort weiter schürten, führte Halligen in Washington wohl ein schillerndes Leben mit Chauffeur, sündhaft teueren Hotels und Reisen. "Wenn das Honorar montags kam, gab Halligen es sofort aus. Für Renovierungsarbeiten an seiner Villa und Geschäftsessen für 700 Pfund", erzählt Henri Exton, ehemaliger Mitarbeiter des britischen Geheimdienst MI5. Die Ermittler, die vergeblich auf ihr Geld warteten, hatten das Nachsehen.

Kevin Halligen: Streitet die Vorwürfe gegen ihn ab
SPIEGEL TV

Kevin Halligen: Streitet die Vorwürfe gegen ihn ab

Fast ein halbes Jahr nach dem Start von Halligens Operation kamen Fragen auf, wo das viele Geld in so kurzer Zeit abgeblieben sein konnte. Noch immer fehlten die versprochenen Satelliten-Aufnahmen von der Nacht, in der Maddie verschwand. Die McCanns setzten viel Hoffnung in sie. Halligen behalf sich stattdessen mit Aufnahmen von Google Maps. "Wir haben gelacht", erzählt Henri Exton.

2009 ließ die britische Presse den Skandal auffliegen. Halligen tauchte ab - gesucht vom FBI und seinen eigenen Ermittlern, die schon vorher Beweise gegen ihren Chef gesammelt hatten. Ihre Ergebnisse händigten die Ermittler an Scotland Yard aus. Darunter befinden sich auch die beiden Phantombilder, nach wie vor bedeutende Spuren in dem Fall.

Dass Halligen nicht nur im Fall Maddie Geld veruntreut hatte, wurde klar, als ein US-Bundesgericht in Washington DC 2009 wegen Betrugs und Geldwäsche Anklage gegen den falschen Spion erhob. Er wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil er mit Geld aus einem anderen Entführungsfall ein Haus gekauft hatte. In Großbritannien dauern die Ermittlungen zu Halligen offenbar noch an. Er selbst streitet ab, sich am Fall Maddie bereichert zu haben.

Nach seiner Freilassung gründete er eine neue Beratungsfirma, mit der er erneut seine Hilfe bei der Suche nach Maddie angeboten haben soll, dieses Mal an Scotland Yard. Das Mädchen wäre heute elf Jahre alt.


"Maddie und der falsche Fahnder", SPIEGEL TV Magazin, Sonntag 22 Uhr, RTL

vez

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Pfaffenwinkel 13.07.2014
1. Wenn jemand spurlos verschwindet,
sind die Angehörigen verzweifelt, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Das machen sich sogenannte Privatermittler leider zunutze.
magic88wand 14.07.2014
2. Könnte sein ...
... dass dieser Mann auf schändliche Weise die Verzweiflung der Angehörigen ausgenutzt hat. Könnte aber auch sein, dass er seine Aufgabe darin sah, mit dubiosen Phantombildern die Aufmerksamkeit von den McCanns selbst abzulenken. Nach wie vor gibt es keinen Beweis dafür, dass Maddie von einem fremden Entführt worden ist. Der Fall bleibt wohl offen. Das ist das Traurige.
zyan 15.07.2014
3. Faktor Zeit als letzte Trumphkarte
Vorausgesetzt, dass das potenielle Entführungsopfer, - die im Jahre 2007 dreijährige Madeleine McCann -, nicht [!] getötet wurde, bleibt als letzte Trumphkarte nur noch der Faktor Zeit. Falls das jetzt 11-jährige Kind noch lebt und irgendwo auf dieser Welt an einem unbekannten Ort eingesperrt ist, ergibt sich die winzige Chance, dass das Kind selbst sich noch an seine Eltern erinnert, und von sich aus nach Möglichkeiten sucht um einen Fluchtweg zu finden. Es ist aber nur eine winzige Chance, die man getrost mit 0,1% Wahrscheinlichkeit beziffern kann. Aber, mit jedem Jahr mehr steigt die Wahrscheinlichkeit überproportional an, je mehr sich das Kind dem Erwachsenenalter nähert. Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, darf zum einen die Suche nach dem Kind von Seiten der Eltern nicht aufgegeben werden, aber umgekehrt muß der "Suchdruck" bzw. der "Fahndungsdruck" eigenartigerweise moderat abgesenkt werden, darf aber nicht zum Stillstand kommen ... [!!!] Von Zeit zu Zeit sollte man eine Anpassung des computersimmulierten Lebensalterfotos vornehmen und dieses dezent von Zeit zu Zeit veröffentlichen, auch in den Ländern in denen Mädchen und Frauen eine sehr "untergeordnete" Rolle spielen. Man setzt damit auf den Faktor Zeit der Raum bietet für ein zufälliges Ereignis, welches zur plötzlichen Auflösung des Falles führen könnte. Diese Verfahrensweise kann aber sehr lange dauern, und müsste bis zum 25. Lebensjahr oder gar 33. Lebensjahr einer noch lebenden Madeleine McCann durchgezogen werden. Fast ein Unding, aber möglich. Für den traurigen Fall aber, dass das Kind nicht mehr lebt bleibt nur noch die Suche nach den unbekannten Tätern [= Auftraggeber und Entführungstäter] und der Leiche. Hier ist zu befürchten, dass diese - zumal die eines dreijährigen Kindes - einfach spurlos beseitigt worden ist. Keine Leiche, kein Täter! Nichts geht mehr. Was bleibt ist die Suche nach den Ursachen. Am wahrscheinlichsten kommt eine Kombination von nur zwei banalen Ursache in Betracht. Ursache 1: Irgendjemand wollte, aus was für Gründen auch immer, ein blondes Mädchen im Kleinkinderalter haben. Ursache 2: Die Eltern müssen für eine gewisse Weile ausgeguckt und in ihrem Verhalten beobachtet worden sein. Als klar war, dass die Kinder allein sind und die Eltern im Restaurant sind, und nur alle 30 Minuten nach ihren Kindern schauten, schlugen der oder die Täter im geeignetesten Augenblick zu. Das war wohl der Augenblick indem das Elternteil, welches zuletzt nach den Kindern schaute, sich wieder im Restaurant auf dem Stuhl niederließ. Mindestens 30 Minuten Zeit für eine Entführung ... die Gelegenheit! Fazit: Man darf im Urlaub Kinder keine 5 Minuten lang aus den Augen lassen!
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