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Neue Erkenntnisse zum Mordverdächtigen im Fall Maddie Die kranke Welt des Christian B.

Der Mörder der dreijährigen Maddie McCann könnte endlich gefunden sein. Ermittlungsunterlagen zeigen, wie die Fahnder auf die Spur des mutmaßlichen deutschen Täters kamen. Gibt es ein weiteres Opfer?
aus DER SPIEGEL 24/2020
Foto von Madeleine McCann bei einer Gedenkfeier in Praia Da Luz (2017)

Foto von Madeleine McCann bei einer Gedenkfeier in Praia Da Luz (2017)

Foto: Steve Parsons / PA Wire / picture alliance / empics

Von Jürgen Dahlkamp, Jörg Diehl, Hubert Gude, Thomas Heise, Gunther Latsch, Roman Lehberger, Claas Meyer-Heuer, Ansgar Siemens, Andreas Ulrich und Markus Verbeet

Der mutmaßliche Mörder der dreijährigen Maddie McCann fantasierte in einem Chat über die Entführung und den sexuellen Missbrauch eines Kindes. Das geht aus Ermittlungsunterlagen hervor, die dem SPIEGEL vorliegen. Er wolle "etwas Kleines einfangen und tagelang benutzen", schrieb Christian B. im September 2013 in einem Chat an einen Bekannten. Auf dessen Einwand, dass das gefährlich sei, entgegnete B.: "Och, wenn die Beweise hinterher vernichtet werden." Die Ermittler prüfen ebenfalls, ob er auch mit dem Verschwinden der fünfjährigen Inga aus Sachsen-Anhalt im Frühjahr 2015 etwas zu tun haben könnte. B. wohnte damals etwa 90 Kilometer entfernt von der Einrichtung, in deren Nähe das Mädchen wohl entführt wurde.

Lesen Sie hier die ganze Geschichte:

Anfang September 2019 ermittelt die Polizei in einem Vermisstenfall. Ein Mädchen, die kleine Inga, fünf Jahre alt, blond, zierlich, verschwunden im Mai 2015 auf dem Land in Sachsen-Anhalt. Ein schwieriger Fall, aber die Polizei entdeckt einen möglichen Zusammenhang zum Fall eines anderen Mädchens. Auch blond, auch zierlich, die bekannteste Dreijährige Europas. Madeleine McCann, genannt Maddie, verschwunden im Mai 2007 in Portugal – und, wie Inga, nie wieder aufgetaucht.

Im Fall Inga könnte Christian B. eine Rolle spielen; sein Gesicht könnte auch zu einem Phantomfoto aus dem Fall Maddie passen. Aber ist er das wirklich? Und bei einer Durchsuchung hat man einen Chat von ihm gefunden, mit einem anderen Mann. B. hatte schwadroniert, dass er ein Mädchen missbrauchen wolle, man werde das Kind nicht wiederfinden. Von wem sprach er da?

Was sich die Polizisten hier zusammenreimten, war also entweder eine Wahnsinnsthese. Oder eine Weltsensation.

Neun Monate später lautet die Antwort offenbar: Weltsensation. Deutsche Ermittler sind sich sicher, eines der größten Rätsel der Kriminalgeschichte gelöst zu haben: was 2007 mit Maddie McCann geschah.

Der Mann, den sie im Visier haben, ist jener Christian B., 43. Er lebte damals in der Gegend von Praia da Luz, dem Ferienort der McCanns – genau dort soll er zwei Jahre zuvor eine alte Frau vergewaltigt haben. 1994 war er zum ersten Mal verurteilt worden, weil er ein Kind sexuell missbraucht hatte; 2016 zum zweiten Mal. Dazu kam, dass er Kinderpornografie gesammelt hatte. Aus der gewagten Vermutung ist mittlerweile ein wuchtiger Verdacht geworden.

Ist das nun der Durchbruch, wie die Ermittler fest glauben? Oder nur die nächste Sackgasse in diesem Labyrinth von einem Kriminalfall? Nur eine irre Finte, in die der Fall sein Millionenpublikum schickt, wie immer, wenn es so aussah, als sei man der Lösung ganz nah?

Das Verschwinden von Madeleine – Tochter des Ärztepaars McCann aus der englischen Grafschaft Leicestershire, im Familienurlaub an der Algarve, zuletzt gesehen in ihrem Bettchen, bevor die Eltern mit Freunden zum Abendessen gingen – ist ein öffentlicher Krimi, bei dem jeder in seinem Kopf mitfahnden und in seinem Herzen mitleiden konnte.

Ermittler verdächtigen Christian B. des Mordes. Polizeifotos (u.) zeigen Ähnlichkeiten zu Phantombildern im Fall Maddie (o.).

Ermittler verdächtigen Christian B. des Mordes. Polizeifotos (u.) zeigen Ähnlichkeiten zu Phantombildern im Fall Maddie (o.).

Foto: SPIEGEL TV

Ob man dem Vater glaubte, der Mutter, ob ihre Verzweiflung echt oder nicht vielleicht nur gespielt war, ob Maddie tot war oder noch lebte, und überhaupt, was man von den vielen Experten und ihren Theorien halten sollte – das Drama "Findet Maddie" mobilisierte ganz England und halb Europa.

Prominente wie Milliardär Richard Branson und "Harry Potter"-Schöpferin Joanne K. Rowling schraubten die Belohnung für den entscheidenden Hinweis auf mehrere Millionen Euro hoch, Zeitungen druckten Titelseiten mit ihrem Foto, der Papst segnete ein Bild des Mädchens. Wohl kein Vermisstenfall wurde so öffentlich verhandelt wie dieser, weil die Eltern die Öffentlichkeit so gekonnt für die Fahndung einspannten wie noch nie. Pressekonferenzen, eine eigene Website, eine Medienkampagne, unterstützt von der englischen Regierung, eine Europatour der Eltern durch Italien, Deutschland, die Niederlande, Spanien und Marokko, überall der Appell, mitzuhelfen, mitzusuchen.

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