Hinweise nach 13 Jahren Der Mann mit den zwei Autos

13 Jahre nach dem Verschwinden von Madeleine McCann hat die Polizei einen Verdächtigen ausgemacht - ein deutscher Sexualstraftäter. Bei "Aktenzeichen XY" baten die Ermittler nun um weitere Hinweise.
Jaguar XJR 6: Wer sah diesen Wagen an der Algarve?

Jaguar XJR 6: Wer sah diesen Wagen an der Algarve?

Foto: METROPOLITAN POLICE/ AFP

Es gibt wohl nur wenige Kriminalfälle, die über Landesgrenzen hinweg jahrelang viele Menschen bewegen - und dann plötzlich eine völlig unverhoffte Wendung nehmen: Vor mehr als 13 Jahren verschwand ein damals dreijähriges Mädchen aus einer Hotelanlage an der portugiesischen Algarve und tauchte nie wieder auf.

Die Ermittler waren zunächst von einer Entführung ausgegangen, das Foto von Madeleine McCann ging um die Welt. Unzählige Hinweise gingen bei der Polizei ein, die verzweifelten Eltern wandten sich an die Öffentlichkeit und den Papst, zeitweise standen sie sogar selbst unter Verdacht.

Immer wieder gab es in den folgenden Jahren neue Hinweise sowie Phantombilder und Fotos, die zeigen sollten, wie Maddie heute aussehen könnte. Doch alle Spuren verpufften. Nun gibt es im Fall Maddie einen neuen Tatverdächtigen - in Deutschland.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der heute 43-jährige Mann das englische Mädchen am 3. Mai 2007 verschleppte und tötete. Das sagte der leitende BKA-Ermittler Christian Hoppe in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst". Demzufolge belasten zahlreiche Indizien den Verdächtigen, ein entscheidender Beweis aber fehle noch.

"Die damaligen Informationen reichten nicht für Ermittlungen aus"

BKA-Ermittler Christian Hoppe

Nach Informationen des SPIEGEL handelt es sich bei dem Verdächtigen um Christian B., den Portugal 2017 nach Deutschland auslieferte. Er wurde dann zunächst wegen Drogenhandels und 2019 in Braunschweig wegen Vergewaltigung einer Seniorin in Portugal verurteilt. Er sitzt in Haft.

Die deutschen Ermittler, die in dem Fall mit der britischen Metropolitan Police und der Kriminalpolizei in Portugal zusammenarbeiten, setzen nun auf Hinweise aus der Bevölkerung. Wer zum Zeitpunkt von Maddies Verschwinden an der Algarve lebte oder Urlaub machte, kann etwa Fotos und Videoaufnahmen auf einem Hinweisportal des BKA  hochladen.

Christian B. war den Ermittlern offenbar schon vor Jahren aufgefallen. Nach einer Folge von "Aktenzeichen XY ungelöst" im Oktober 2013 ging ein Hinweis auf ihn ein. Weitere Hinweise gab es nach einem Bericht zehn Jahre nach dem Verschwinden des Mädchens. "Die damaligen Informationen reichten nicht für Ermittlungen aus, und schon gar nicht für eine Festnahme", sagte BKA-Ermittler Hoppe nun am Mittwochabend im ZDF.

Maddies Eltern Kate und Gerry (v.r.) mit ZDF-Moderator Rudi Cerne im Oktober 2013

Maddies Eltern Kate und Gerry (v.r.) mit ZDF-Moderator Rudi Cerne im Oktober 2013

Foto: DPA/ ZDF

Der Verdächtige hielt sich demnach zwischen 1995 und 2007 fast ausnahmslos in Portugal auf. Als Madeleine am Abend des 3. Mai 2007 im Küstenort Praia da Luz verschwand, lebte er laut Polizei im selben Ort.

Dass der Mann inzwischen in Haft sitzt, dürfte den meisten seiner Kontaktpersonen in Portugal verborgen geblieben sein, sagte Hoppe. Der damals 30-Jährige habe sich in Portugal mit Gelegenheitsjobs in der Gastronomie über Wasser gehalten, er sei wegen Einbrüchen in Hotels und Ferienwohnungen sowie Drogendelikten bereits polizeibekannt gewesen.

Unklar ist Hoppe zufolge, wie genau die Verschleppung der kleinen Maddie ablief und wo sich die Leiche des Kindes heute befindet. Möglicherweise habe der Täter zunächst lediglich in das Ferienappartement der Familie McCann im "Ocean Club" einbrechen wollen und dann beim Anblick des Mädchens seinen Tatplan spontan geändert. Die Eltern waren an diesem Abend in einer benachbarten Tapasbar essen.

Die Ermittler veröffentlichten nun auch die damalige portugiesische Telefonnummer des Verdächtigen (+351-912730680). Gesucht wird unter anderem jene Person, mit der er am Tag von Maddies Verschwinden telefonierte. Man kenne nach wie vor nur die Telefonnummer der oder des Unbekannten (+351-916510683), sagte der Ermittler.

Auch aus anderen Erkenntnissen wird deutlich, dass der Verdächtige im Süden Portugals offenkundig kein isolierter Einzelgänger war: Hoppe zufolge fuhr der Mann damals einen dunklen Jaguar XJR 6 mit deutschem Kennzeichen sowie einen VW-Bus T3 mit portugiesischem Kennzeichen, den jemand anderes ihm zeitweise überließ.

Eines der beiden Autos soll er am Tatabend genutzt haben, als Maddie verschwand. Der Jaguar wurde laut Scotland Yard tags darauf auf einen neuen Halter umgemeldet. Der damalige Halter des VW-Caravans steht Hoppe zufolge nicht im Verdacht, in den Kriminalfall verwickelt zu sein.

Der Beschuldigte verfügte dem BKA zufolge  auch nicht nur über eine Wohnung in Praia da Luz, sondern suchte immer wieder ein leer stehendes Haus im Landesinneren auf, etwa 15 Kilometer von Praia da Luz entfernt. Was genau der heute 43-Jährige dort tat, ist unklar.

Leer stehendes Haus an der Algarve: Offene Fragen im Fall "Maddie"

Leer stehendes Haus an der Algarve: Offene Fragen im Fall "Maddie"

Foto: GERMAN FEDERAL CRIMINAL POLICE/EPA-EFE/Shutterstock

Neue Erkenntnisse erhoffen sich die Ermittler nicht nur in Deutschland: Scotland Yard wandte sich ebenfalls mit einem Aufruf  an die Öffentlichkeit. Demzufolge trug der etwa 1,80 Meter große Tatverdächtige zur Tatzeit kurzes, blondes Haar. Die britischen Ermittler betonten zugleich, dass es sich formell weiterhin um einen Vermisstenfall handle.

Auch Madeleines Eltern wandten sich nun erneut an die Öffentlichkeit: "Alles, was wir je wollten, ist, sie zu finden, die Wahrheit ans Licht zu bringen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen", teilten sie laut Scotland Yard mit. "Wir werden niemals die Hoffnung aufgeben, Madeleine lebend zu finden, aber was auch immer herauskommen sollte, wir müssen es wissen, weil wir Frieden finden müssen."

BKA-Ermittler Hoppe wies indes darauf hin, dass auch weitere mögliche Taten des Beschuldigten bekannt werden könnten: "Wir schließen nicht aus", sagte er, "dass es weitere Opfer von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen gibt."

mxw
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