Festnahme von mexikanischem Drogenboss Aufstieg und Fall des kleinen Guzmán

Bei der Festnahme soll kein einziger Schuss gefallen sein: In Mexiko ist der berüchtigte Drogenboss Joaquín "El Chapo" Guzmán gefasst worden. Sein Sinaloa-Kartell ist das mächtigste Drogensyndikat des Landes - und operiert längst in allen Bereichen der Organisierten Kriminalität.

Aus Mexiko-Stadt berichtet


Es ist ziemlich genau 13 Jahre und einen Monat her, da verließ Joaquín Guzmán Loera relativ entspannt das Hochsicherheitsgefängnis Puente Grande im mexikanischen Bundesstaat Jalisco. So viel ist bekannt.

Der Rest ist, wie so vieles bei Guzmán, Mythos. Die einen beschwören, er sei versteckt unter Schmutzwäsche in einem Karren aus dem Gefängnis geschoben worden. Andere behaupten, er sei als Polizist getarnt in die Freiheit marschiert. Und manche meinen, er habe sich bei dem damaligen Präsidenten Vicente Fox mit 20 Millionen Dollar freigekauft.

Gewiss ist nur, dass Guzmán, der wegen seiner geringen Körpergröße "El Chapo" genannt wird, "der Kleine", in den Jahren seit seiner Flucht das meistgesuchte Phantom auf dem amerikanischen Kontinent war. Verfolgt von Mexikos Sicherheitsbehörden und der US-Anti-Drogen-Behörde DEA. Das US-Finanzministerium adelte den 56-Jährigen vor zwei Jahren als den "weltweit mächtigsten Drogenhändler". Die USA setzten ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar (3,8 Millionen Euro) auf seine Ergreifung aus.

In der Nacht zu Samstag endete die Flucht Guzmáns in einem schmucklosen Hotel in der Hafenstadt Mazatlán an der mexikanischen Pazifikküste. Er wurde in einer gemeinsamen Aktion der mexikanischen Marine und der US-Anti-Drogen-Behörde DEA festgenommen. Die Identität Guzmáns sei mittels DNA-Proben "zu 100 Prozent" bestätigt worden, sagte Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam.

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Drogenboss Guzmán: "El Chapo" in Handschellen
Guzmán wurde demnach um 6.40 Uhr verhaftet, "ohne dass ein einziger Schuss fiel". Mit ihm wurden weitere 13 Verdächtige festgesetzt. Am 17. Februar hatten Fahnder eines von Guzmáns Häusern in Culiacán lokalisiert, der Hauptstadt des Bundesstaats Sinaloa. Drei Tage später spürten die Sicherheitskräfte den Aufenthaltsort seiner Ex-Frau Griselda López Pérez auf. Vermutlich erhielten sie in diesen Tagen den entscheidenden Hinweis auf Guzmáns Aufenthaltsort.

Niemand wusste wie "El Chapo" aussah

Nach den langen Jahren der Flucht wusste niemand so recht, wie Guzmán aussehen würde. Mexikanische Soldaten führten ihn schließlich der Presse vor, ein Mann mit vollem dunklem Haar und Schnauzbart.

Seit seiner Flucht wurde "El Chapo" praktisch jede Woche irgendwo gesehen, aber nie gefasst. Gerade war er angeblich in Guatemala, mal speiste er in einem Restaurant in Culiacán. Vor zwei Jahren ätzte der Erzbischof des Bundesstaats Durango: "Jeder weiß, wo Guzmán sich aufhält, nur die Polizei offensichtlich nicht." Zuletzt hieß es, er sei vor allem in Argentinien, wo sein Kartell eine lukrative Zweigstelle besitze.

Böse Zungen behaupten, das Phantom sei leicht übersehen worden, weil es so klein sei. Der Mann mit dem kantigen Gesicht und dem einfältigen Blick misst je nach Quelle 1,68 oder 1,55 Meter. Nicht mal darüber ist man sich einig. Vermutlich aber war Guzmán so unfassbar, weil seine Organisation kräftig Politiker und Polizisten schmiert. Das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" führte Guzmán mehrere Jahre unter den reichsten Menschen der Welt mit einem Vermögen von rund einer Milliarde Dollar.

Seit seiner Flucht vor 13 Jahren hat er mit seinen Kollegen aus einem regionalen Drogenkartell ein veritables Verbrechersyndikat gemacht. Das Sinaloa-Kartell ist das größte und gefährlichste Mexikos. Nach Einschätzung von Experten operiert es in mehr als 50 Staaten und widmet sich 21 illegalen Aktivitäten. "Es ist längst keine Rauschgiftmafia mehr, sondern ein diversifiziertes Unternehmen des organisierten Verbrechens, das nur noch rund 50 Prozent seines Umsatzes mit Drogenhandel macht", sagt Edgardo Buscaglia, Leiter des International Law and Economic Development Centre in Mexiko. Die übrigen Einkünfte generiert das Kartell aus Geschäften wie Schmuggel, Menschenhandel, Raub von Rohstoffen und Produktpiraterie.

Experten bezweifeln, dass das Kartell durch die Festnahme nachhaltig geschwächt ist. "Es bedeutet auf keinen Fall die Zerstörung der Sinaloa-Mafia", sagt der Autor Pepe Reveles. Es fehle der Kampf gegen die Finanznetze. Nur so seien die Verbrechersyndikate in die Knie zu zwingen. Anabel Hernández, Journalistin und Autorin mehrerer Bücher über das Sinaloa-Kartell, ergänzte: "Die Organisation wird von Ismael Zambada weitergeführt. Und sie ist hervorragend strukturiert. Es wird so weitergehen wie bisher."

In der Schule schaffte er es nur bis zur dritten Klasse

"El Chapo" hatte aus seiner Gemeinde Badiraguato im rauen Nordwesten Mexikos einen weiten Weg zurückgelegt. Geboren am 4. April 1957 als ältestes von sechs Kindern einer Bauernfamilie, inmitten von Armut und Mohnfeldern. Der kleine Joaquín schaffte es nur bis zur dritten Klasse, dann kam er nicht mehr mit. Er fehlte zu oft, weil er seinem Vater bei der Mohnernte helfen musste. Man sagt: In dieser Ecke Sinaloas wird man Drogenhändler oder gar nichts. Guzmán brachte es zum Milliardär.

Er wurde gefürchtet und verehrt: Für viele Menschen war der große Boss vor allem Wohltäter, der in seinem Heimatstaat Schulen und Krankenhäuser baute, Stipendien vergab und nach Naturkatastrophen schneller Hilfspakete an die Bevölkerung verteilte als der Staat. Für andere war er schlicht der Chef einer brutalen Drogenbande und der meistgesuchte Verbrecher der Welt.

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Seite 1
HaioForler 22.02.2014
1.
Zitat von sysopAFPBei der Festnahme soll kein einziger Schuss gefallen sein: In Mexiko ist der berüchtigte Drogenboss Joaquín "El Chapo" Guzman gefasst worden. Sein Sinaloa-Kartell ist das mächtigste Drogensyndikat des Landes - und operiert längst in allen Bereichen der organisierten Kriminalität. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/maechtiger-drogenboss-geschnappt-das-ist-joaquin-el-chapo-guzman-a-955122.html
Man muß Drogen halt endlich freigeben, damit ... ... die Banden auf Frauenhandel, Waffengeschäfte, Entführung und Menschenhandel umsteigen.
Pelao 22.02.2014
2. Ein paar interessante Aspekte ...
... die Kartelle sind längst keine reinen Drogenkartelle mehr. ... Mit z.B. der Marine gibt es in Mexiko doch noch ein paar nicht korrupte Spezialeinheiten. ... Und hoffen wir, daß es, wie hier geschrieben, keine Nachfolgerkämpfe gibt. Darunter würde, wie immer, nur die mexikanische Bevölkerung leiden. ... Ach ja, eine Legalisierung der Drogen hätte auch Chapo Guzmán nicht zu Fall gebracht.
Gerixxx 23.02.2014
3. Farce.....
Zitat von sysopAFPBei der Festnahme soll kein einziger Schuss gefallen sein: In Mexiko ist der berüchtigte Drogenboss Joaquín "El Chapo" Guzman gefasst worden. Sein Sinaloa-Kartell ist das mächtigste Drogensyndikat des Landes - und operiert längst in allen Bereichen der organisierten Kriminalität. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/maechtiger-drogenboss-geschnappt-das-ist-joaquin-el-chapo-guzman-a-955122.html
...gut, dass er wenigstens den Armen seiner Heimat hin und wieder half und Perspektiven geboten hat. Etwas das der Staat oder die "offizielle und legale" Wirtschaft offenbar nur unzureichend leisten können (wollen). Man wird ihm dafür dort dankbar ein paar Volkslieder und Balladen widmen. Daneben bleiben zwei Punkte: 1. Der Anti-Drogenkrieg ist von Beginn an zum Scheitern verurteilt - wie alle Prohibitionen der Geschichte. Er kostet nur viel Geld und Menschenleben - nicht einmal den Opfern hilft er....und er macht den Drogenhandel interessant und die Mafia reich, denn er hält die Gewinnmarge hoch. 2. (wie im Artikel angedeutet). Die Geldströme sind der Schlüssel. Solange der "Westen" aus falsch verstandenem Schutz der Klientel aus der privaten Wirtschaft und Vermögenselite weltweite off-shore-Zonen einrichtet und legalisiert schauen die Strafverfolger in die Röhre. Denn dort vermischen sich in nonchalant-wohlwollend geduldeter Intransparenz der eigentlichen rechtmäßigen Eigentümer (economic beneficiaries) legale Aktivitäten zwecks "Steueroptimierung" mit Steuerhinterziehern, Drogengeldern, der organisierten Kriminalität oder Diktatorengeldern und Bestechungseinnahmen bis zur Unkenntlichkeit.....das kümmert die Gesetzgeber indes nicht. So wird der Antidrogenkrieg auch noch zur Farce, denn jede Geldwäscheregelung stresst zwar die Mitarbeiter der Banken, gleich nebenan aber sitzen die Anwälte, Steuerberater und Banken/Schattenbanken, die sich mit der Aushebelung derselben eine goldene Nase verdienen. Ohne weltweite Diskriminierung der off-shore-Zonen (und dazu gehören nicht nur Grand Cayman, sondern auch Irland, die City of London, Singapur, Österreich u.v.a.m. ) wird sich absolut nichts ändern - off shore -Zonen sehen einige Spezies aber als "berechtigten Widerstand gegen Staatswillkür"....LOL Also: ein Hoch auf Guzman, der aus seinem armseligen Start das Beste gemacht hat - und ein zynischer Lacher auf die Gesetzgeber und Vermögens- und Wirtschaftseliten der "westlichen Welt". schönen Sonntag
leinritt 23.02.2014
4.
Der Autor sollte wirklich mal seine Hausaufgaben machen. "1 Milliarde Dollar" der reichste Mann der Welt, dass ich nicht lache, das Forbes Magazin moechte ich doch gern mal lesen. Mr. Bloomberg wird dazu vergnuegt laecheln oder viele mehr, wie Gates usw.
ein-dummer-junge 23.02.2014
5. nur bis zur dritten Klasse
Guzmán brachte es zum Milliardär. Was können wir daraus lernen ?
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