Mädchenmord in Emden "Wir hielten eine Straftat nicht für möglich"

Ein halbes Jahr vor seiner Festnahme wurde der mutmaßliche Mörder der Elfjährigen aus Emden stationär in der Psychiatrie behandelt. Im Interview sagt Filip Caby, Chefarzt der Klinik, warum der junge Mann nach zwei Monaten entlassen werden musste und eine individuelle Nachsorge nicht möglich ist.


SPIEGEL ONLINE: Herr Caby, der mutmaßliche Mörder des elfjährigen Mädchens aus Emden war vom 24. September bis zum 18. November 2011 Patient Ihrer Klinik. Wie haben Sie den jungen Mann behandelt?

Caby: Der damals noch 17-jährige Junge war bei uns für zwei Monate in stationärer Behandlung. Er nahm an Einzel-, Gruppen- und Familientherapien teil, dazu kamen noch Fachtherapien wie Kunst-, Ergo- oder psychomotorische Therapien, etwa eine Reittherapie.

SPIEGEL ONLINE: Dann müssen Ihre Ärzte den Patienten sehr gut gekannt haben. In einem Interview nach der Ermordung des Mädchens sagten Sie, bei dem 18-Jährigen aber kein "Gewaltpotential" erkannt zu haben.

Caby: Ich sagte, dass der Junge während seiner Zeit bei uns nicht durch Gewalttätigkeiten aufgefallen war, er hatte uns keinen Anlass geliefert, eine Straftat für möglich zu halten. Wir schließen aber zu Beginn der Behandlung einen Vertrag mit unseren Patienten, der es uns - in Absprache mit den Erziehungsberechtigten - erlaubt, die Polizei zu verständigen, wenn sie uns nicht mehr geheuer erscheinen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen solchen Vertrag auch mit dem jetzt Tatverdächtigen geschlossen?

Caby: Nein. Der mutmaßliche Täter wurde in der Zeit, in der er bei uns war, 18 Jahre alt. Mit der Volljährigkeit unserer Patienten endet unser Angebot, so fordern das die Krankenkassen. Wir haben den Beschuldigten damals ausnahmsweise über seinen Geburtstag hinaus betreut, konnten ihm dann aber aus Altersgründen kein neues Behandlungsangebot machen. Wir haben dem jungen Mann bei seinem Entlassungsgespräch aber dringend zu einer Selbstanzeige und einer Therapie geraten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie diesen Ratschlag nur an ihn persönlich gerichtet?

Caby: Nein, wir haben Mitarbeiter des Jugendamtes und einer weiteren Behörde hinzugebeten, die ich zurzeit nicht nennen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie den Fall weiter verfolgt?

Caby: Wir begleiten mehrere hundert Patienten im Jahr, da ist individuelle Nachsorge nicht möglich und vorgesehen. Soweit ich weiß, wurde der 18-Jährige zur Selbstanzeige bei der Polizei begleitet, von wem weiß ich nicht. Wir haben seit der Entlassung keinen Kontakt mehr zu ihm.

SPIEGEL ONLINE: Begegnen Ihnen in Ihrer beruflichen Praxis häufig Teenager mit pädophilen Neigungen?

Caby: Diese Fälle sind Gott sei Dank eine extreme Seltenheit. Statistiken kenne ich allerdings nicht, Pädophilie ist in unserer Klinik kein Behandlungsschwerpunkt.

Die Fragen stellte Jochen Brenner

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