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Geheimes Mafiatreffen "Kokain, Heroin, alles"

Ermittler haben Aufnahmen eines geheimen Mafiatreffens in der Schweiz veröffentlicht. Die Bilder geben Einblick in die Welt vermeintlicher Ehrenmänner - es geht um Drogen, Morde und Erpressung.
Von Jörg Diehl und Sara Maria Manzo

"Ihr könnt überall arbeiten", sagt der Mafiaboss zu seinen Nachwuchskräften, "Erpressung, Kokain, Heroin. Es gibt alles. Zehn Kilo, 20 Kilo am Tag. Ich werde es euch persönlich geben, aber dann will ich nichts mehr davon wissen."

Die offenen Worte, die der 'Ndrangheta-Statthalter Antonio N. in einer Gastwirtschaft im schweizerischen Frauenfeld an ein gutes Dutzend seiner Gefolgsleute richtete, haben ihn in arge Bedrängnis gebracht. Denn die Behörden nahmen das geheime Mafiatreffen mit einer versteckten Kamera auf - und die Männer bald darauf fest. Das Überwachungsvideo, inzwischen veröffentlicht von der italienischen Polizei, erlaubt einen tiefen Einblick in die abgeschottete Welt des organisierten Verbrechens.

An zwei Holztischen sitzen die Mafiosi, Bierflaschen vor sich, im Hintergrund ist Fachwerk zu erkennen, der Teppich scheint fleckig zu sein. Antonio N. eröffnet das Treffen mit den Novizen der 'Ndrangheta auf traditionelle Weise, in italienischer Sprache: "So wie die Ritter getauft wurden mit Eisen und Ketten, Eisen und Ketten, taufe ich diesen Ort", sagt er. "Ich möchte euch erinnern an die Regeln, die seit 1830 existieren, und an die Vorschriften und Verhaltensweisen der Mafia. Diese gelten hier in der 'Gesellschaft' von Frauenfeld."

Verstrickt in Drogen- und Waffenhandel

Bei der "Ehrenwerten Gesellschaft" aus dem Kanton Thurgau handelt es sich laut Schweizer Bundesanwaltschaft um eine "schwergewichtig operierende" Gruppierung, die massiv in Drogen- und Waffenhandel verstrickt sein soll. 16 mutmaßliche Mitglieder wurden in Italien inzwischen festgenommen, darunter auch Antonio N.

Nach Erkenntnissen der Ermittler in der Operation "Helvetia" fungierte der kahlköpfige Mann mit dem grauen Schnauzbart in Frauenfeld als direkter Statthalter des inhaftierten Bosses der Bosse: Domenico Oppedisano, genannt "Micu", ist ein Mafia-Pate alten Schlags. Bis zu seiner Festnahme fuhr er täglich in die Orangenhaine seiner kalabrischen Heimat, sodass die Ermittler irgendwann die Bäume verwanzten.

"Ich bin nicht unter den ersten zehn in Kalabrien, aber unter den ersten fünfzehn", sagt wiederum Antonio N. in dem Überwachungsvideo über sich. Seine Mafia-Filiale in Frauenfeld bestehe "seit 37, 38 Jahren" und habe sich eine gute Reputation verschafft: "Wir sind sauber, sauber, es hat Jahre gedauert, diesen Ruf aufzubauen." Seine Organisation sei eine "von Ehre, Weisheit und Würde", tönt der kriminelle Filialleiter und plaudert ganz unverhohlen über Erpressungen und Morde, mit denen spezielle Killerkommandos beauftragt würden.

Die Vorgehensweise dieser sogenannten Gefechtsgruppen hatte ein Mafiaaussteiger im Frühjahr SPIEGEL ONLINE, dem WDR und der Funke Mediengruppe beschrieben.

Italienische Zeitungen spekulieren momentan darüber, dass Antonio N. auch in Baden-Württemberg aktiv gewesen sein könnte. Demnach hatte er den Auftrag, den Clan auch im Raum Singen zu vertreten. Tatsächlich gab es dort für einige Zeit einen lokalen Statthalter der 'Ndrangheta, der denselben Nachnamen wie N. trägt und mit Vornamen Bruno heißt. Mutmaßlich sind die beiden Männer verwandt. Wie aus einem Ermittlungsbericht der Polizei hervorgeht, wurde Bruno im Jahr 2010 zusammen mit seinem Boss Oppedisano in Italien festgenommen.

Derzeit leben einer vertraulichen Analyse des Bundeskriminalamts (BKA) zufolge mindestens 460 mutmaßliche Mafiosi in Deutschland. Mehr als die Hälfte davon gehört zur kalabrischen 'Ndrangheta, 88 Männer zur Camorra aus Neapel, 77 zur sizilianischen Cosa Nostra und 14 zu den apulischen Clans. Die Ermittler gehen jedoch davon aus, dass sich in Wirklichkeit noch viel mehr Mitglieder der "Ehrenwerten Gesellschaft" hierzulande aufhalten.

In Singen hatten Beamte des Landeskriminalamts am Abend des 20. Dezember 2009 im Hinterzimmer einer Gaststätte eine Mafiataufe abgehört , in der dieselbe Formel gesprochen wurde wie nun in der Schweiz. Auch hier schwadronierte Zeremonienmeister Salvatore F. von Eisen und Ketten und schloss mit der schwülstigen Formel: "Mein Bauch ist ein Grab. Meine Brust ist eine Schaufel, mit Worten der Demut ist diese Gesellschaft geformt."

Damals ging es in dem Männergespräch in der Pizzeria am Bodensee auch um einen Ableger der Organisation in der Schweiz, mehrfach wurde der Ort Frauenfeld genannt. Allerdings rätselten die Mafiosi darüber, wer dort Chef sein könnte. Sie nannten ihn nur "den Schweizer".

Der Spitzname des nun gefassten Antonio N. lautet übrigens "der Berg der Schweiz".

Lesen Sie mehr zum Fall des Mafiakillers Giovanni Rossi hier auf SPIEGEL ONLINE und mehr zum Thema im SPIEGEL.

Die Funke Mediengruppe bietet auf einer Sonderseite zur Mafia in Deutschland  umfangreiche Berichte.

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