Urteil gegen Ex-Chefarzt Handfesseln und tödliche Drogen

Schwere Vergewaltigung in drei Fällen und Körperverletzung mit Todesfolge: Ein früherer Chefarzt machte Frauen mit Kokain gefügig - und trat am Tag des Urteils sichtlich mitgenommen vor das Magdeburger Landgericht.

Angeklagter vor Gericht (Archiv)
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Angeklagter vor Gericht (Archiv)

Von Uta Eisenhardt, Magdeburg


Richter Dirk Sternberg ist nicht für milde Urteile bekannt. Neun Jahre Haft verhängt er über Andreas N., den einstigen Chefarzt vom Halberstädter AMEOS Klinikum. Mindestens zweieinhalb Jahre soll der promovierte und habilitierte Chirurg im Strafvollzug verbüßen. Anschließend soll er 18 bis 24 Monate in einer Entziehungsanstalt verbringen. Und dann wartet die Sicherungsverwahrung auf den 43-jährigen Mediziner, der reihenweise seine Sexpartnerinnen mit Kokain und Beruhigungsmitteln vergiftete. Eine von ihnen starb an Herz-Kreislauf-Versagen.

Andreas N. sieht mitgenommen aus, wie er da im Landgericht Magdeburg steht, mit bartschattigem und grauem Gesicht, mit schlaffen Armen und Händen, die er vor seinem runden Bauch verschränkt hält. Kein Vergleich zu dem Eindruck, den er zu Prozessbeginn vor vier Monaten hinterließ, als er zwar nervös und aufgekratzt war, aber immer wieder mit seinen Verteidigern scherzte.

Am 20. Februar 2018 geriet der Chefarzt in den Fokus von Staatsanwaltschaft und Medien. Seit dem frühesten Morgen konsumierte er Sexvideos, dann schrieb er eine Frau an, ob sie zu ihm kommen wolle. Sie reagierte nicht, statt ihrer aber die später angeschriebene Yvonne M., eine seiner Patientinnen. Der Ehemann der 38-Jährigen befand sich an diesem Tag auf Dienstreise. Um 9.30 Uhr traf die Friseurin bei dem Mediziner ein.

Handfesseln und leichte Schläge

Seit einigen Monaten schlief sie regelmäßig mit dem Arzt. Sie mochte die von ihm praktizierten SM-Spiele, die Handfesseln, die Augenbinde, die leichten Schläge. Er war für sie Christian Grey aus "Fifty Shades of Grey", so berichtete es ihre beste Freundin. Für ihn wollte sie ihren Mann verlassen, möglicherweise sogar ihren 13-jährigen Sohn. Auch an diesem Tag rechnete sie mit stundenlangem Fessel-Sex, vielleicht auch damit, dass der Arzt ihr Kokain geben würde. Mit ihrem Tod rechnete niemand.

Wie so oft filmte der Arzt auch an diesem Morgen den Sex mit seiner Partnerin, so konnte das Gericht das Drama später rekonstruieren. Knapp zwei Stunden nach ihrem Eintreffen litt Yvonne M. an Atemnot. Um 12.16 Uhr fragte sie den Arzt das erste Mal mit schwacher Stimme: "Was hast du mir gegeben?" Sie erkundigte sich mehrfach, bis sie von ihm "Guarana" zur Antwort erhielt. "Und warum hast du mich nicht gefragt, ob ich das will", hauchte Yvonne M. "Ich hätte auch ohne etwas mitgemacht." Immer wieder verlor sie das Bewusstsein, immer wieder schlug Andreas N. ihr ins Gesicht und schrie sie an. Mehrfach gab er ihr Kokain, gegen ihre Apathie. Sie bekam davon Herzrhythmusstörungen, irgendwann setzte ihre Kreislauf aus.

Erfolglos begann der ebenfalls in Notfallmedizin ausgebildete Arzt eine Herzdruckmassage. Um 15.30 Uhr rief er den Notarzt. Dem gelang es zwar, die nackt auf dem Boden Liegende zu reanimieren. Doch zu lange war ihr Gehirn ohne Sauerstoff geblieben. Yvonne M. war bereits tot, als sie im Krankenhaus eintraf.

Im Blut der Toten befand sich so viel Kokain, dass der Wert statt in den üblichen Nanogramm in Milligramm angegeben werden musste: "Er lag oberhalb des obersten Wertes der Eichkurve, die Kurve musste verlängert werden", erklärte die Rechtsmedizinerin ihren Befund. Da die Angehörigen von Yvonne M. beteuerten, dass die Tote niemals Drogen konsumiert hätte, ging die Kriminalpolizei rasch von einem Sexualdelikt aus. Sie begann, sich für Andreas N. zu interessieren.

Von seiner Sekretärin erfuhren die Ermittler, dass deren Bekannte ebenfalls negative Erfahrungen beim Sex mit dem Arzt gemacht hatte: Sie hätte Andreas N. in seiner Wohnung besucht und ein Glas Sekt getrunken. Anschließend schlief sie ein. Als sie wieder erwachte, saß der Arzt auf ihr und schlug ihr ins Gesicht. Ihre Arme und Beine zuckten unkontrolliert, sie musste sich übergeben. Erst am nächsten Tag konnte sie seine Wohnung verlassen.

Über die Auswertung des Handys von Andreas N. erfuhren die Beamten von weiteren Frauen. Mehrere berichteten von ähnlichen merkwürdigen Sex-Erlebnissen. Es wurde deutlich: Seit mindestens zehn Jahren legte es der Arzt darauf an, Sex mit Frauen zu praktizieren, die sich möglichst nicht bewegen und nicht ihren Willen artikulieren können. Auf kreative Weise führte er ihnen Kokain zu, zumeist über die Schleimhäute der Vagina und des Mundes. Er rieb ihnen das Kokain ein, einmal auch auf eine Wunde auf dem Rücken, die er zuvor seiner Partnerin beigebracht hatte. Auch nachdem sie sich ausdrücklich gegen die Droge ausgesprochen hatte, versetzte er ihren Lippenstift und ihre Zahnpasta mit Kokain.

Nicht alle Frauen lehnten die Drogeneinnahme von vornherein ab, nachdem ihnen Andreas N. erklärt hatte, er fände den Sex besser, wenn beide Partner enthemmt seien. Doch als auch diese Frauen ernste gesundheitliche Probleme spürten und ihn baten, ihnen kein Kokain zu geben, setzte er sich über ihren Wunsch hinweg.

"Nutzen Sie Ihre Intelligenz"

Über seine Vorgeschichte hat Andreas N. vor Gericht nicht gesprochen. Über seine Ex-Freundinnen wurde bekannt, unter welch harten Bedingungen der Sohn eines österreichischen Psychologen und einer deutschen Lehrerin aufgewachsen ist. Seine Eltern trennten sich, als er zehn Jahre alt war. Andreas N. lebte nun bei seinem gewalttätigen Vater, der als Bluter durch HIV-verseuchte Blutkonserven mit der damals absehbar tödlich verlaufenden Krankheit infiziert worden war. Regelmäßig soll der kontrollierende, sadistische Vater ihn mit der Angst vor Ansteckung gequält haben, indem er die Marmeladenbrote seines Sohnes bespuckte und dessen Zahnbürste benutzte. Auch der Vater seines Vaters spielte eine unrühmliche Rolle: Nachdem sich der zwölfjährige Enkel selbst erhängen wollte, schlug ihn der Großvater mit dem Gürtel.

Der Vater starb, als Andreas N. 16 Jahre alt war. Dennoch glänzte er in der Schule und im Studium. Seine Kollegen, die ihn bis 2011 in Hannover begleiteten, bezeichneten ihn als Ideal von einem Arzt und Wissenschaftler. Doch der jahrzehntelange Drogenkonsum ließ sich immer schwerer verheimlichen, immer häufiger verlor Andreas N. seine Jobs, weil er sehr oft krank war, weil er fahrig und unkonzentriert wirkte, weil er Patienten im OP vergaß. Am Tag, an dem die lebenserhaltenden Maschinen bei Yvonne M. abgestellt wurden, unterschrieb er mit dem AMEOS Klinikum einen Aufhebungsvertrag.

"Nutzen Sie Ihre Intelligenz, dass Ihre Therapie erfolgreich verläuft, dass so etwas nie wieder passiert", gibt ihm der Vorsitzende Richter auf den Weg. Er sät die Hoffnung, dass die Sicherungsverwahrung "nicht zwingend auch vollzogen werden muss". Allerdings kann jemand, der an einer Devianz leidet, der laut Gutachter ein sexueller Sadist ist, wohl kaum erfolgreich innerhalb von zwei Jahren in einer Entziehungsanstalt therapiert werden.



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