Marcos Rückkehr Ausruhen an einem geheimen Ort

Nach acht Monaten Untersuchungshaft in der Türkei ist Marco Weiß seit den frühen Morgenstunden wieder in Deutschland. In seinem Heimatort Uelzen ist der Jubel groß. Familie und Freunde sind überglücklich: "Mutter ist nur am Weinen", sagt der Bruder.

Von , Uelzen


Uelzen - Um 1.27 Uhr landete der Privatjet mit Marco an Bord auf dem Flughafen Nürnberg. Empfangen wurde der Schüler aus Uelzen von rund einem Dutzend Journalisten und Kamerateams. Eine schwarze Limousine holte den 17-Jährigen ab und brachte ihn von der Öffentlichkeit abgeschirmt an einen unbekannten Ort. Er will nur Ruhe. Marco werde sich wegen des starken öffentlichen Interesses in der nächsten Zeit mit seiner Familie nicht in Uelzen aufhalten, "sondern woanders", erklärten seine Anwälte. Marco habe den Wunsch geäußert, "sich eine Woche ins Bett zu legen" und von seiner Mutter verwöhnen zu lassen. Dies sollten alle Menschen respektieren.

Gestern Abend raste die überraschende Nachricht von der Freilassung wie ein Lauffeuer durch das 35.000-Einwohner-Städtchen Uelzen: Auf der Eisbahn, dem Weihnachtsmarkt, im Gottesdienst, überall gab es nur ein Thema: "Marco kommt heim!", ruft eine Frau über die Lüneburgerstraße einem Bekannten zu, der aus dem Auto steigt. "Wissen wir längst", schallt es zurück. Ein Ort im Glücksrausch. "246 Tage haben wir gehofft und gebangt", sagt Bürgermeister Otto Lukat SPIEGEL ONINE. "Dass Marco jetzt endlich nach Hause kommt, ist eine große Erleichterung."

Marco Weiss war am 12. April im türkischen Side festgenommen worden. Er soll in dem Urlaubsort die 13-jährige Engländerin Charlotte missbraucht haben, die Eltern des Mädchens erstatteten Anzeige - und Marco wurde in der Türkei in Untersuchungshaft genommen. 247 Tage saß er im Gefängnis, sieben mal wurde der Prozess vertagt. Weil die Aussage des angeblichen Opfers nicht in vollständiger Übersetzung dem Gericht vorlag. Seit heute ist der Schüler frei. Am späten Abend bestieg Marco Weiss in Antalya ein Flugzeug nach Deutschland.

Mehr als hundert Uelzener kommen am Abend zu einem Dankgottesdienst in die St. Petri-Kirche. Hunderte von Kerzen flackern in der eisigen Kälte rund um den Backsteinbau mit dem riesigen Kreuz aus echtem Efeu. Es stehe keinem ein Urteil zu, was in jener Nacht im türkischen Urlaubsort Side geschah, sagt Probst Wolf von Nordheim. Aber einen Jugendlichen acht Monate lang in der Türkei ins Gefängnis zu sperren, ohne ihm seine Schuld nachgewiesen zu haben, sei gegen die Menschlichkeit. Die Zeit des Wartens habe endlich ein Ende, pflichtet ihm Pastor Michael Dierßen in seiner Ansprache bei.

In einer der mittleren Bänke sitzt Marcos älterer Bruder Sascha, inmitten von Freunden und Verwandten. Viele der Kirchgänger umarmen ihn nach der Andacht, drücken seine Hände und freuen sich mit ihm. "Meine Mutter ist nur am Weinen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Er wirkte abgekämpft. Bis die erlösende Nachricht gekommen sei, sei es spannend gewesen, gibt er zu. Wie es Marco geht, wohin er jetzt fährt, will er nicht sagen.

Den meisten Uelzenern ist es gleich, wann Marco in seine Heimatstadt zurückkehrt. "Hauptsache, er ist dort weg", sagt ein Mädchen von seiner Schule. "Sein Leben hat einen totalen Knick bekommen, den kann man nur ganz schwer wieder ausbügeln."

Der Ort zelebriert die Nachricht mit einem Autocorso und einem Hupkonzert wie zu Zeiten der Fußball-Weltmeisterschaft. Doch als der Gottesdienst beginnt, verstummt das Gebrüll. "Da legen wir nach, wenn Marco wirklich hier angekommen ist", sagen drei Halbstarke mit Stadion-Trompeten an der Eislaufbahn in der Stadtmitte.

Die Solidarität und das Mitgefühl in der niedersächsischen Kleinstadt sind ungebrochen. Jeden Mittwochabend gab es seit Marcos Inhaftierung eine gut besuchte Andacht in der St. Petri-Kirche, die entgegen der üblichen Öffnungszeiten jeden Tag von acht Uhr morgens bis halb neun abends ihre Tore öffnete. "Viele Menschen aus der ganzen Republik kamen, um Kerzen für Marco anzuzünden, Blumen niederzulegen oder in einem ausgelegten Buch Wünsche für ihn und seine Familie zu schreiben", erklärt Armin Sauer, Pastor der St. Petri-Kirche, zu deren Mitglieder Marcos Familie gehört, SPIEGEL ONLINE.

"Ich werde Marco zuerst ganz fest in den Arm nehmen und hochleben lassen", sagt Sascha Weiss über das Wiedersehen mit seinem Bruder. Man merkt ihm an, dass er sich jetzt nur ungern der Öffentlichkeit stellt, sich aber verpflichtet fühlt nach all dem Beistand. "Ich danke allen, die uns in der schweren Zeit so unterstützt haben. Viele stehen hinter uns, jetzt noch. Das ist der Wahnsinn! Vielen Dank!"

Marcos Mutter soll sich in dem weißen Einfamilienhaus in der Platenmeisterstraße zurückgezogen haben, ständig mit Marcos Vater in Telefonkontakt stehen und Koffer für das Wiedersehen packen. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff schickte sie selbst eine SMS mit der frohen Kunde, erzählt ein Bekannter der Familie.

Aus einer Lichterkette hat die Familie im Garten ein Herz für Marco gelegt. In fast jedem Lokal und Geschäft liegen Handzettel aus, auf denen der Verein "Hilfe für Marco" um Unterstützung bittet. "Wir haben den Jungen noch nie gesehen", sagt ein älteres Ehepaar am Rande des Weihnachtsmarktes in der kleinen Fußgängerzone. "Aber wir haben so mit dieser Familie gelitten, dass auch unser Heiligabend ein anderer geworden wäre, ohne diese Botschaft." Seine Frau habe sogar Freudentränen vergossen, sagt der Mann. "Aber das würde sie immer abstreiten, weil es ihr peinlich ist."

Auch Pastor Sauer zeigt sich beeindruckt von dem Zusammenhalt der Bewohner. "Gerade in diesen Zeiten - das ist nicht selbstverständlich." Die Freilassung sei ein Segen, sagt Siegfried Rabenau von der Initiative "Freiheit für Marco". Momentan sei nichts geplant, wie man Marco zu Hause willkommen heißt, sagt Bürgermeister Lukat. "Das liegt alles in der Hand der Familie. Wir machen nichts ohne deren Einverständnis." Auch, weil die vier sicher erst einmal Zeit für sich bräuchten.

Offiziell ist Marco nur freigelassen, nicht freigesprochen. Der Prozess geht am 1. April 2008 weiter. Ob der 17-Jährige dann verurteilt wird, interessiert in seiner Heimat niemanden. Für Uelzen wurde Marco am Freitag freigesprochen.



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