Negativer DNA-Test Festgenommener im Mordfall Bögerl wieder frei

Die DNA eines im Mordfall Maria Bögerl festgenommenen Mannes stimmt nicht mit Spuren am Auto des Mordopfers überein. Die Polizei ließ den 47-Jährigen inzwischen frei.

DPA

Der im Mordfall Maria Bögerl festgenommene Mann ist wieder frei. Der Tatverdacht gegen ihn habe sich nicht erhärtet, sagte Staatsanwalt Armin Burger in Ellwangen. Zuvor hatte eine Untersuchung ergeben, dass die DNA des Mannes nicht mit Spuren übereinstimmt, die im Auto des Mordopfers gefunden worden waren.

Im vergangenen Juli soll der 47-Jährige betrunken zwei Passanten im westfälischen Hagen erklärt haben, er habe Bögerl erstochen. Die Passanten hatten Teile des Gesprächs aufgenommen.

"Ganz konkret hat er gesagt, er habe Maria Bögerl erstochen", sagte Chefermittler Michael Bauer von der Soko Flagge am Mittwochabend in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY...ungelöst". Außerdem habe der Betrunkene gesagt, er hasse die Familie Bögerl. Der Verweis auf den Mordfall machte die Passanten so misstrauisch, dass sie das Gelalle aufzeichneten und die Aufnahme der Polizei gaben.

Nach einer öffentlichen Fahndung des Bundeskriminalamtes (BKA) wurde der Mann am Mittwochabend in seiner Wohnung in Königsbronn im Landkreis Heidenheim festgenommen. Im Verhör bestritt er aber, an der Entführung und Ermordung der Bankiersgattin aus Heidenheim beteiligt gewesen zu sein. Die Gemeinde Königsbronn liegt vom Haus, aus dem Bögerl entführt wurde, nur wenige Kilometer entfernt.

Fotostrecke

8  Bilder
Maria Bögerl: Der Fall der ermordeten Bankiersgattin

In seinem Heimatort Königsbronn war der Mann schon mehrmals mit wirren Geschichten aufgefallen. Dort ist er als jemand bekannt, der Alkohol- und wohl auch Drogenprobleme hat, psychisch labil ist. Der Mann läuft regelmäßig im Tarnanzug durch den Ort, schon am frühen Morgen ist er in den Wäldern anzutreffen.

Zwar fühlten sich gelegentlich Joggerinnen und Jogger durch das Zusammentreffen überrascht, doch nach übereinstimmender Meinung im Ort ist der 47-Jährige harmlos. Er trug in seinem Rucksack auch Bierflaschen mit sich herum, sprach von sich aus Passanten an. Dann erzählte er zum Beispiel, er gehe nach Stuttgart zum Studieren. "Er ist ein Einzelgänger", heißt es im Ort. "Es geht schon viel durcheinander bei ihm."

Als das BKA am Mittwoch die Audio-Aufnahme und ein Phantombild verbreitete, meldeten sich gleich mehrere Anrufer aus Königsbronn bei der zuständigen Polizeistelle. Zu eindeutig war der Sprachduktus, auch wenn das Phantombild vom tatsächlichen Aussehen des Mannes abweicht.

Fall Maria Bögerl - Chronologie eines Verbrechens
12. Mai 2010 - Entführung
Maria Bögerl (54), zweifache Mutter und Frau eines Sparkassenchefs, wird aus ihrem Haus in Heidenheim entführt. Ihr Mann hinterlegt 300.000 Euro Lösegeld an vereinbarter Stelle an der A7.
13. Mai 2010 - Lösegeldübergabe scheitert
Das Geld wird nicht abgeholt, der Kontakt zum Entführer bricht ab. Von Bögerl fehlt jede Spur.
14. Mai 2010 - Handyfund
Maria Bögerls Handy wird gefunden. Ihr Auto entdeckt die Polizei nach Hinweisen im Hof des Klosters Neresheim.
16. Mai 2010 - Verdächtiger wieder freigelassen
Ein zunächst verdächtiger Mann wird kurz nach seiner Festnahme wieder freigelassen.
18. Mai 2010 - Belohnung auf 100.000 Euro erhöht
Die Belohnung für Hinweise zur Aufklärung des Falls wird auf 100.000 Euro verdoppelt. Die Soko "Flagge" wird gebildet.
19. Mai 2010 - Verzweifelter Appell der Familie
Mit einem verzweifelten Appell wendet sich die Familie in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" an die Täter: "Bitte geben Sie uns unsere geliebte Mama, meine Frau, wohlbehalten zurück."
3. Juni 2010 - Leiche wird gefunden
Ein Spaziergänger entdeckt am Waldrand die Leiche von Maria Bögerl wenige Kilometer vom Haus der Bögerls entfernt.
9. Juni 2010 - Beisetzung
Unter großer Anteilnahme wird Bögerl beigesetzt.
24. Juni 2010 - Speichelproben
Die Polizei sucht nun auch mit Speichelproben nach dem Täter.
3. August 2010 - Ungereimtheiten bei der Geldübergabe
Die Bundesbank widerspricht: Die Geldübergabe habe sich nicht wegen einer Mittagspause ihrer Ulmer Filiale verzögert.
Oktober 2010 - Anonymes Schreiben
Bei der Polizei geht ein anonymes Schreiben ein, nach dem die Lösegeldbeschaffung sehr viel schneller hätte klappen können.
11. Juli 2011 - Ehemann begeht Suizid
Bögerls Ehemann begeht Suizid.
14. Juli 2011 - Kritik an der Polizei
Die Kinder der Bögerls kritisieren öffentlich die Polizei.
5. September 2012 - "Aktenzeichen XY"
Die Polizei wendet sich über "Aktenzeichen XY" erneut an die Bevölkerung. Daraufhin führt ein Mann die Beamten monatelang mit falschen Hinweisen in die Irre. Dafür kassiert er mehrere tausend Euro Belohnung - und wird schließlich zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.
Januar 2013 - 3000 Speicheltests
Die Soko wird von 16 auf 12 Ermittler verkleinert. Mehr als 3000 Speicheltests machten die Beamten bislang auf der Suche nach dem Täter oder den Tätern - eine heiße Spur ist nicht dabei.
8. Mai 2013 - Vermutung von mehreren Tätern
Erstmals ist nun die Rede von mehreren Tätern, sie werden im Spielhallen-Milieu in Baden-Württemberg und Bayern gesucht.
14. Februar 2014 - DNA-Massentest in Neresheim
In Neresheim (Ostalbkreis) soll ein DNA-Massentest die entscheidenden Hinweise bringen. Mehr als 3000 Männer sollen zur Reihenuntersuchung antreten.
21. August 2014 - Tests auch in Giengen
Ein zweiter Massentest: Auch in Giengen an der Brenz werden rund 500 Männer zum DNA-Test aufgefordert.
Februar 2015 - Dubioser Zeuge meldet sich
Ein dubioser Zeuge meldet sich bei der Polizei. Er nennt einen angeblichen Tatbeteiligten. Die Durchsuchung von dessen Wohnung bringt aber keine Hinweise.
13. Februar 2015 - Amtsgericht droht DNA-Test-Verweigerern
Das Amtsgericht Ellwangen droht DNA-Test-Verweigerern: Zur Not sollen sie zum Gentest gezwungen werden.
23. April 2015 - Neue angebliche Zeugen
Die Staatsanwaltschaft Ellwangen verkündet, den neuen angeblichen Zeugen vorerst nicht mehr vernehmen zu wollen.
November 2015 - Auswertung von 600.000 alten Datensätzen
Auf der Suche nach dem Täter werten die Ermittler mit einer neuen Software 600.000 alte Datensätze aus - darunter vor allem Handy-Verbindungsdaten aus dem Tatzeitraum.
April 2016 - 150 neue Ermittlungsansätze
Knapp sechs Jahre nach dem Mord an der Bankiersgattin geht die Polizei noch einmal 150 neuen Ermittlungsansätzen nach.
5. April 2017 - Suche nach einem Verdächtigen
Nun suchen die Ermittler nach einem Verdächtigen und gehen einer entscheidenden Spur nach. Der Mann ist in Nordrhein-Westfalen gesehen worden.
5. April 2017 - nochmals bei "Aktenzeichen XY... ungelöst"
Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" berichtet über den Mord. Am Ende der Sendung heißt es bereits, es habe "eine Reihe von Hinweisen" aus dem TV-Publikum gegeben.
5. April 2017 - Verdächtiger festgenommen
Ermittler nehmen knapp sieben Jahre nach dem Mord einen Verdächtigen fest. Der 47-Jährige wird in seiner Wohnung in Königsbronn, Landkreis Heidenheim, gefasst.
6. April 2017 - DNA-Test negativ
Die Staatsanwaltschaft Ellwangen teilt mit, dass eine DNA-Probe des Verdächtigen keine Übereinstimmung mit Spuren hat, die im Auto des Mordopfers gesichert worden waren. Der Mann kommt frei.

Die 54-jährige Maria Bögerl war am 12. Mai 2010 aus dem Haus ihrer Familie in Heidenheim entführt worden. Ein bis heute unbekannter Täter meldete sich nach der Entführung telefonisch und forderte 300.000 Euro Lösegeld. Die Geldübergabe scheiterte allerdings.

Die Leiche der Frau wurde knapp drei Wochen später in einem Wald gefunden. Die Obduktion ergab, dass die 54-Jährige mit einem etwa 20 Zentimeter langen Messer erstochen worden war. Der zwischenzeitlich fälschlich unter Verdacht geratene Ehemann Bögerls beging gut ein Jahr nach dem Mord Suizid.

Die Polizei hat in dem Fall schon über 10.000 Spuren ausgewertet und 7000 DNA-Proben genommen. Nun kommt womöglich eine weitere Spur hinzu, die ins Leere führt. "Diese schreckliche Tat schwebt noch immer über unserer Region, sie ist immer noch Gesprächsthema", sagt Königsbronns stellvertretender Bürgermeister Engelbert Frey. "Es wären alle sehr erleichtert, wenn hier endlich Klarheit herrschen würde."

ulz/cnn/dpa/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.