Mutter sagt im Fall Maria H. aus "Ich war völlig naiv"

2013 verschwand Maria H., damals 13, mit dem 39 Jahre älteren Bernhard H., für fünf Jahre. Er steht wegen Kindesentführung und sexuellen Missbrauchs vor Gericht. Im Prozess sagte nun die Mutter des Mädchens aus.

Mutter Monika B. (Mitte), Tochter Maria (r.) und der Angeklagte Bernhard H.: Mutter wusste, "er hat sie"
Patrick Seeger/DPA

Mutter Monika B. (Mitte), Tochter Maria (r.) und der Angeklagte Bernhard H.: Mutter wusste, "er hat sie"

Von , Freiburg


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Fünf Jahre lang wartete sie auf ihr Kind, hoffte auf ein Lebenszeichen. Fünf Geburtstage, fünf Weihnachtsfeste, fünf Jahreswechsel lang. Als ihre Tochter Maria, inzwischen 19 Jahre alt, am Montag vor dem Landgericht Freiburg über diese fünf Jahre aussagte, stand die Mutter Monika B. vor Saal IV und atmete tief durch.

Marias Rechtsanwältin hatte den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragt. Auf Wunsch der Tochter verließ auch die Mutter den Saal. Auf die Frage, ob auch sie bei ihrer Aussage auf Publikum verzichten wolle, schüttelte die Mutter fast empört den Kopf: "Im Gegenteil!"

Und so nimmt Monika B. im Zeugenstand Platz und spricht über den 4. Mai 2013, den Tag, an dem sie ihr Mädchen verlor. Und sie spricht über den Mann, der für fünf Jahre ihre Rolle einnahm: die der einzigen Bezugsperson ihres Kindes. Der Mann, Bernhard H., sitzt ihr gegenüber und blickt die Mutter an. Er ist wegen Kindesentführung und sexuellen Missbrauchs angeklagt.

Seinen Namen hörte Monika B. erstmals im Mai 2012. Damals meldete sich die Polizei bei ihr: Ein gewisser Bernhard H. aus Blomberg in Nordrhein-Westfahlen habe über einen Chat Kontakt zu ihrer elfjährigen Tochter Maria aufgenommen, seine Ehefrau habe ihn angezeigt. Monika B. erschrak, sie wusste von nichts. Der Mann wurde ermahnt, das Mädchen in Ruhe zu lassen. Monika B. nahm Maria das Handy weg, verhängte Internetverbot - und vergaß Bernhard H.

"Der H. hat Maria!"

Bis ihre Tochter am 4. Mai 2013 verschwand. Maria sagte, sie übernachte bei einer Freundin. Das war eine Lüge - und die war aufgeflogen. Die Mutter meldete das Mädchen noch in der Nacht als vermisst, da fragte ein Polizist: Könnte Bernhard H. mit Marias Verschwinden zu tun haben?

Monika B. hielt das für "komplett abwegig". Heute sagt sie: "Ich war völlig naiv." Denn am nächsten Tag bestätigte sich die Vermutung des Polizeibeamten, als Marias damalige beste Freundin einräumte: "Der H. hat Maria!"

Erst dann erfuhr die Mutter, dass ihr Kind heimlich wieder Kontakt zu dem 39 Jahre älteren Mann aus Blomberg aufgenommen hatte. Er hatte ihr ein zweites Handy geschenkt, sie oft in Freiburg besucht und sie bei ihm im Hotel geschlafen. Die Mutter las 200 Seiten Chat-Protokolle und bekam Einblick in einen Lebensbereich ihrer Tochter, der ihr vollkommen unbekannt gewesen war.

"Als ich wusste, er hat sie", sagt Monika B. vor Gericht, habe sie via Facebook einen Fahndungsaufruf gestartet. Auch über die TV-Sendung "Aktenzeichen XY ...ungelöst" suchte sie nach ihrem Kind.

Die folgenden Jahre bezeichnet Monika B. als "heftige Zeit". Sie bekam Bilder zugeschickt, die Maria angeblich auf den Bahamas und sonst wo zeigten. "Da schaut man dann so lange drauf, bis es Maria ist."

Mehr als fünf Jahre später, in der Nacht des 31. August 2018, klingelte aus heiterem Himmel eine fremde Frau, Maria sitze unten in ihrem Auto. Monika B. sagt, sie habe ihrer Tochter keine Vorwürfe gemacht, habe sie umarmt, geweint, sei einfach nur erleichtert gewesen, dass ihr Kind wieder zu Hause sei.

Ein Fluchtreflex, eine Kurzschlussreaktion

Die ersten Monate danach waren nicht leicht. Maria habe eine Art Schnell-Pubertät durchlebt, sagt die Mutter. Sie spricht von "krassen Defiziten", an denen sich bemerkbar mache, wie vereinsamt Maria jahrelang gelebt und sich vorwiegend von Wasser und Brot ernährt habe. Die 19-Jährige leide unter Schlafstörungen und Mangelernährung, esse ohne Bedenken verdorbene Lebensmittel und habe geweint, als ihr die Mutter ein Paar neue Schuhe gekauft habe.

Warum Maria mit Bernhard H. wohl untergetaucht sei, will der Vorsitzende Richter Arne Wiemann wissen. Ein Fluchtreflex, eine Kurzschlussreaktion, sagt die Mutter. Maria habe befürchtet, ihre aufgewärmte Verbindung zu Bernhard H. könnte auffliegen. Wie sie die Beziehung der beiden damals einschätzen würde, hakt Wiemann nach. "Eine sehr neugierige 13-Jährige macht Sachen, die ihr verboten sind", antwortet die Mutter.

Warum blieb Maria so lange weg? Sie habe sich für Bernhard H. verantwortlich gefühlt, aber auch für die Situation, in die er ihretwegen geraten sei. Noch nach ihrer Rückkehr habe Maria den 58-Jährigen geschützt, erzählt die Mutter. Maria gab vor, sie sei mit Bernhard H. nur nach Polen geflüchtet, von dort habe sie sich alleine durchgeschlagen. Dieser Schutzreflex hielt an. Noch vor wenigen Monaten habe Maria darüber nachgedacht, dem Gericht vorzugaukeln, sie sei mit Bernhard H. verlobt, um dann nicht aussagen und ihn belasten zu müssen. Maria habe zu ihrer Mutter gesagt: "Es ist meine Schuld. Jetzt ist sein Leben kaputt."

In Interviews mit RTL hatte das Mädchen Bernhard H. indes schwer belastet. Dessen Verteidiger Stephan Althaus stellt daher noch einmal auf den Satz ab, mit dem die Mutter zu Beginn ihrer Befragung vor Gericht die Lebenssituation zusammenfasste, aus der Maria verschwand: "Wir waren eine ganz normale Familie."

"Dazu kommt, dass ich finde, dass Herr H. Marias leiblichem Vater ähnlich sieht"

Offenbar aber eben doch nicht. Althaus spricht von Andeutungen zweier Schwestern Marias, die sich Vorwürfe machen, dass es so weit kommen konnte. Und auch Marias damalige beste Freundin bestätigt vor Gericht, dass sich Maria nicht wohlfühlte zu Hause, dass sie "immer wegwollte".

Mehrfach habe sie Maria ein Alibi gegeben und mitgelogen, wenn Maria behauptete, sie treffe die Freundin oder übernachte bei ihr. In Wahrheit habe Maria Zeit mit Bernhard H. verbracht, der sie herumchauffiert und alles für sie getan habe. Ob Maria mit dem wesentlich älteren Mann Sex gehabt habe, wisse sie nicht, behauptet die Freundin, deren Aussage vor Gericht vornehmlich von eklatanten Erinnerungslücken geprägt ist. Trotzdem habe sie für Maria einen Schwangerschaftstest gekauft, der negativ ausgefallen sei.

Maria habe sich nach Kontakt zu ihrem leiblichen Vater gesehnt, den ihr die Mutter aber verboten habe, sagt die Freundin. Sie habe es immer so interpretiert, dass Bernhard H. für Maria eine Art Vaterersatz gewesen sei. "Dazu kommt, dass ich finde, dass Herr H. Marias leiblichem Vater ähnlich sieht."

Für die Befragung von Bernhard H.s Ex-Frau und deren Tochter schließt das Gericht die Öffentlichkeit aus. Die Begründung der Kammer: Es gehe um Umstände aus dem persönlichen Lebens- und Intimbereich der Zeuginnen. Das überwiege in dem Fall das öffentliche Interesse an dem Fall. Zudem würden der Ex-Frau Fragen zum sexuellen Eheleben und deren Tochter zu einem möglichen sexuellen Übergriff im Kindesalter gestellt.

Das Urteil wird für Ende Juni erwartet.


Zusammengefasst: Bernhard H. muss sich vor dem Landgericht Freiburg verantworten, weil er 2013 die damals 13 Jahre alte Maria entführt und missbraucht haben soll. Fünf Jahre lang blieb das Mädchen verschwunden, ehe es zu seiner Familie zurückkehrte. Vor Gericht beschrieb Marias Mutter die Verzweiflung in der Zeit der Trennung und ihre Beobachtungen nach der Rückkehr ihrer Tochter: Maria habe die Pubertät quasi im Schnelldurchlauf nachgeholt, nach Jahren nur mit Bernhard H. als Bezugsperson. Die Folgen der Zeit mit dem 39 Jahre älteren Mann seien bei Maria bis heute zu spüren.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.