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08. Januar 2014, 10:16 Uhr

Marihuana-Legalisierung

Kifferparadies USA

Von , New York

Erst Colorado, nun New York: Immer mehr US-Staaten erlauben den medizinischen Einsatz von Marihuana. Die Droge ist schon in fast der Hälfte des Landes legal. Wie einst die Alkoholprohibition wird auch das Cannabis-Verbot zum historischen Relikt.

Der US-Kolumnist David Brooks ist ein fleißiger Mann. Zweimal die Woche schafft es der Vorzeige-Konservative der "New York Times", nicht nur Linksliberale vor den Kopf zu stoßen. Ob Obamacare ("Nötigung"), die Lage Israels ("komplex und tragisch") oder Suizid ("eine ironische Situation"): Kein Thema, zu dem der 52-Jährige nicht etwas zu sagen hat.

Besonders zum Gespött machte sich Brooks jedoch vorige Woche, als er in die aktuelle US-Debatte um die Legalisierung von Cannabis eingriff - indem er seine eigenen Jugendsünden gestand: "Als Teenager rauchten meine Freunde und ich für kurze Zeit Marihuana."

Jene "Momente ungenierter Herumalberei", so beichtete der Ex-Privatschüler steif, hätten ihm zwar "Spaß gemacht". Am Ende aber habe er dem Gras abgeschworen, wegen der "Gesundheitsgefahren", des drohenden "Intelligenzverlusts" - und weil Kiffen gegen seine "moralische Ökologie" verstoße: "Es ist nicht gerade etwas, auf das man stolz ist."

Bundestaat für Bundesstaat fällt das Verbot

Damit setzte sich Brooks wieder mal in die Nesseln. Zum einen verharmloste er die oft katastrophalen Konsequenzen der notorisch harschen US-Drogengesetze, die meist schwarze Delinquenten treffen, doch selten privilegierte Weiße wie Brooks. Zum anderen geht der Trend längst in die genau andere Richtung: Bundestaat für Bundesstaat fällt das Verbot.

So erlaubt Colorado, als erster US-Staat überhaupt, Marihuana selbst für rein privaten Genuss. Und nun zieht auch New York nach, wiewohl noch halbherzig: Am Mittwoch will der demokratische Gouverneur Andrew Cuomo, bisher ein Legalisierungsgegner, eine beschränkte Freigabe verkünden - freilich nur bei schweren Krankheiten wie Krebs.

Damit ist Cannabis schon in fast der Hälfte der USA in der einen oder anderen Form legal: Mit New York erhöht sich die Zahl der Staaten, die Marihuana zumindest teilweise zulassen, auf 21 (siehe Karte). Déjà-vu: Wie einst die Alkoholprohibition wird auch die gesetzliche Verteufelung von Cannabis zu einem Relikt amerikanischer Sittengeschichte.

Ein Rauschmittelverbot, das harmlose Bürger kriminalisiert - und Kriminelle bereichert: Die Parallelen zur Prohibition sind frappierend. Es ist kaum Zufall, dass eine der populärsten TV-Serien in den USA zurzeit "Boardwalk Empire" ist, eine Verherrlichung der einstigen Alkoholmafia.

Wie damals stehen die Staatshäscher auch heute auf der falschen Seite: 55 Prozent aller Amerikaner, so die jüngste CNN-Umfrage, begrüßen die Legalisierung von Cannabis. 1996 waren es nur 26 Prozent gewesen.

Es war nur eine Frage der Zeit, dass die Landesparlamente begannen, das staatliche Marihuana-Verbot - das der Supreme Court zuletzt 2005 bestätigt hatte - auszuhebeln. Obwohl sich die Regierung von US-Präsident Barack Obama noch voriges Jahr gegen die Legalisierungswelle sperrte: Cannabis berge "schwere Gesundheits- und Sicherheitsrisiken".

Proteste kommen meist nur noch von der älteren Generation, wie etwa von Tina Brown, der Ex-Chefredakteurin von "Vanity Fair" und "Daily Beast". Die twitterte das wohl absurdeste Gegenargument: "Legalisiertes Gras führt dazu, dass wir eine fettere, dümmere, schläfrigere Nation werden, die noch weniger mit den Chinesen konkurrieren kann."

Werbung mit Heißhunger

Doch die Weichen sind längst gestellt. Dabei steckt hinter dem Sinneswandel manchmal nur kaltes Kalkül. New Yorks Gouverneur Cuomo zum Beispiel will mit dem halben Schritt zur Legalisierung Punkte für eine Präsidentschaftskandidatur 2016 sammeln. Denn da stiehlt ihm New Yorks neuer, progressiver Bürgermeister Bill de Blasio gerade die Schlagzeilen - ganz zu schweigen von Hillary Clinton, deren Ambitionen die US-Medien unendlich faszinieren.

Zumindest bei Cannabis endet damit eine jahrzehntealte Hatz auf Afroamerikaner. So gingen allein 2010 mehr als die Hälfte aller Drogen-Festnahmen auf Marihuana-Besitz zurück - und Schwarze landeten dabei mehr als dreimal so oft hinter Gittern wie Weiße, obwohl beide Gruppen gleichermaßen kiffen.

Das Laissez-faire freut auch die Wirtschaft - wittert sie doch neue Gewinnsparten. Beobachter sehen in Marihuana ein Mega-Geschäft, mit Wachstumsraten von 18 Prozent und Umsätzen von bis zu 100 Milliarden Dollar, je nachdem, wen man fragt.

Schon wirbt die Billig-Airline Spirit mit Rabattflügen ins Kifferparadies: "Das Nichtraucherzeichen ist abgeschaltet (in Colorado)." Die Eismarke "Ben & Jerry's" annoncierte mit dem Foto eines fast leeren Kühlschranks, in Anspielung auf den Heißhunger, den Kiffen gerne auslöst: "Wir hören Berichte, dass Ben & Jerry's in Colorado vergriffen ist, was ist da los?"

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