Todesschütze von Washington "Ein 13-Jähriger im Körper eines 34-Jährigen"

Er war Buddhist, neigte zu Wutausbrüchen, fühlte sich diskriminiert, hatte Ärger wegen Schusswaffengebrauchs: Über Aaron Alexis, der auf einer Marinebasis zwölf Menschen tötete, werden immer mehr Details bekannt. Zu einem einheitlichen Bild fügen sie sich nicht.

AP/Kristi Kinard Suthamtewakul

Washington/Forth Worth - Ein Name bestimmt die Nachrichten in den USA: Aaron Alexis, 34. Wer ist der Mann, der auf einer Marinebasis in Washington zwölf Menschen erschoss, acht weitere verletzte und bei einem Schusswechsel mit der Polizei starb?

Die bislang bekannten Informationen über Alexis ergeben das - freilich lückenhafte - Bild eines seltsam widersprüchlichen Charakters. Bekannte, Nachbarn und Arbeitskollegen beschreiben ihn einerseits als tiefgläubigen Buddhisten, als netten und gelegentlich auch hilfsbereiten Menschen. Die Aussagen skizzieren aber auch einen Mann, der sich wegen seiner Hautfarbe benachteiligt fühlte, immer wieder Zornesausbrüche hatte und mehrmals wegen Schusswaffengebrauchs mit der Polizei zu tun hatte.

Alexis wurde am 9. Mai 1979 geboren, seine Heimatstadt ist New York City. Dort wuchs er mit seinen Eltern Cathleen und Anthony auf, seine Mutter lebt auch heute dort. Nach der Jahrtausendwende lebte Alexis mit seiner Mutter in einer Wohnung im New Yorker Stadtbezirk Queens. "Wir haben ihn seit Jahren nicht gesehen", sagte seine Tante Helen Weekes.

Alexis' letztes Lebensjahrzehnt ist gekennzeichnet von Unbeständigkeit. "Wir versuchen, alles über seine jüngsten Bewegungen, seine Kontakte und sein Umfeld zu erfahren", sagte die stellvertretende Leiterin des FBI-Büros in Washington, Valerie Parlave.

Entlassung wegen "Fehlverhaltens"

2004 zog Alexis nach Seattle, wo er bis 2005 wohnte. "Er schien harmlos, wenn auch ziemlich seltsam", sagte Gene Demby, der vor einigen Jahren mit einer von Alexis' Schwestern eine Beziehung hatte. "Er war unsicher, war ein Friseursalon-Verschwörungstheoretiker, die Art Typ, der denkt, er sei schlauer als jeder andere."

Am 5. Mai 2007 meldete er sich freiwillig als Marinereservist, die meiste Zeit arbeitete er in Fort Worth, Texas. Er erhielt die National Defense Service Medal und die Global War on Terrorism Service Medal. Das sind laut "New York Times" Allerweltsauszeichnungen, die vielfach an Soldaten vergeben werden.

Tatsächlich war Alexis wohl in den Augen seiner Vorgesetzten kein guter Soldat. Im Januar 2011 wurde er wegen nicht näher erläuterten Fehlverhaltens entlassen, wie die "Washington Post" berichtet. Tatsächlich war Alexis bei der Polizei schon mehrmals aktenkundig geworden.

  • 2004 wurde er in Seattle festgenommen, weil er dreimal auf die Reifen eines Autos geschossen hatte. Bauarbeiter hatten den Wagen in der Auffahrt des Nebenhauses von Alexis' Wohnung geparkt. Alexis soll unzufrieden mit der Parksituation gewesen sein. Er selbst gab zu Protokoll, er habe sich von den Arbeitern veräppelt gefühlt. Die Schüsse seien ein von Wut getriebener Black-out gewesen. Alexis' Vater sagte der Polizei in Seattle, sein Sohn habe Probleme, seinen Zorn unter Kontrolle zu halten - eine Folge des posttraumatischen Stresses, unter dem Aaron durch die Terroranschläge vom 11. September 2001 leide. Alexis soll in New York Augenzeuge gewesen sein.
  • 2008 verbrachte Alexis wegen Ruhestörung zwei Nächte in einem Gefängnis in Georgia, weitere Details gab die Polizei nicht bekannt.
  • 2010 meldete eine Nachbarin der Polizei, sie sei durch eine von Alexis abgefeuerte Kugel beinahe getroffen worden. Er habe sich beschwert, sie mache zu viel Krach, sagte die Frau - sie fürchte sich vor ihm. Alexis sagte dagegen, der Schuss habe sich aus Versehen gelöst, als er seine Waffe gereinigt habe. Die Polizei gab sich mit dieser Version zufrieden.

Wenige Wochen nach dieser Episode verließ Alexis seine Wohnung. Er war zum Buddhismus konvertiert und wollte Mönch werden, wie Freunde berichten. Im Tempel kam er in Kontakt mit Srisan Somsak, einem thailändischen Einwanderer. Von Somsak mietete Alexis eine Wohnung und blieb nie eine Zahlung schuldig.

Alexis arbeitete nach seiner Zeit beim Militär bis Mai 2013 nebenbei als Kellner und Fahrer für das Restaurant Happy Bowl Thai in White Settlement, einem Vorort Fort Worths. "Er ist ein 13-jähriger Junge, der im Körper eines 34-Jährigen feststeckt", sagte Restaurantbesitzer Oui Suthametewakul der "Washington Post". "Er braucht Aufmerksamkeit." Alexis habe oft mit weiblichen Gästen geflirtet.

Alexis fühlte sich diskriminiert

Im Juli 2012 schrieb sich Alexis an der Embry-Riddle Aeronautical University ein und begann online ein Flugtechnik-Fernstudium. Er reiste nach Thailand, lernte die Sprache. "Er war eine sehr nette Person", sagte ein ehemaliger Arbeitskollege aus dem Restaurant.

Von August 2012 bis Mai 2013 lebte Alexis mit Suthametewakul und dessen Ehefrau in Fort Worth. Er musste schließlich ausziehen, weil er seine Rechnungen nicht bezahlte. Suthametewakul bezeichnete Alexis als nett. Der Untermieter habe allerdings gelegentlich eine Waffe bei sich getragen und sich häufig darüber beschwert, diskriminiert zu werden.

Alexis ging zum Beten in einen örtlichen buddhistischen Tempel. Ty Thairintr, ein Mitglied der Gemeinde sagte, Alexis habe sich von der Marine übergangen gefühlt: "Er dachte, er sei wegen seiner Hautfarbe niemals befördert worden", so Thairintr.

Vor fünf Wochen sahen die Gläubigen im Tempel Alexis zum letzten Mal. Er hatte ihnen zu verstehen gegeben, einen Job in Virginia - direkt angrenzend an Washington D.C. - angenommen zu haben. Tatsächlich war er dort als externer IT-Mitarbeiter für das Militär tätig: Alexis arbeitete für The Experts, eine Firma, die beauftragt war, IT-Ausrüstung für das Intranet der Marine zu erneuern.

"Er drehte sich einfach um und eröffnete das Feuer"

Als Dienstleister hatte Alexis laut FBI einen Zugangsausweis für die Marinebasis in Washington, weniger als sieben Kilometer vom Weißen Haus entfernt. Am Montag führte ihn sein Weg ins Gebäude 197. Dort beging er seine Bluttat. Die Opfer waren zwischen 46 und 73 Jahren alt, Dienstleister und zivile Angestellte, keine aktiven Militärmitglieder.

Zeugen sagten, der Schütze habe aus dem dritten Stock nach unten gefeuert, unter anderem in eine verglaste Kantine. Auch in einem Flur im zweiten Stock soll Alexis gefeuert haben. Innerhalb weniger Sekunden habe sie sieben Schüsse gehört, sagte Patricia Ward, eine Angestellte in dem Gebäude. "Dann sind wir einfach gerannt."

Todd Brundidge begegnete dem Schützen auf dem Flur im zweiten Stock. Der Bewaffnete sei ganz in Blau gekleidet gewesen. "Er drehte sich einfach um und eröffnete das Feuer", sagte Brundidge. Er habe allerdings zu hoch gezielt und sein Ziel verfehlt.

Alexis hatte drei Waffen bei sich: ein AR-15-Sturmgewehr, eine Schrotflinte und eine Pistole, die er einem Polizisten am Tatort abnahm. Inzwischen sind die Ermittler sicher, dass Alexis allein handelte; die Sicherheitsmaßnahmen rund um den Tatort wurden gelockert.

ulz/AP/Reuters



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